„Als Lehrling oder als Berufseinsteigerin muss man nicht alles hinnehmen“
„Die Assistentin” heißt der neue Roman von Bestsellerautorin Caroline Wahl, er handelt von Machtmissbrauch am Arbeitsplatz. Ein Gespräch über erste Jobs und Grenzüberschreitungen, ihren Umgang mit depressiven Phasen und ihren Erfolg
Caroline Wahl, geboren 1995 in Mainz, wuchs in der Nähe von Heidelberg auf. 2023 erschien ihr Debütroman „22 Bahnen“, im Jahr darauf ihr zweiter Roman „Windstärke 17“, und beide wurden Bestseller. „22 Bahnen“ wurde fürs Kino verfilmt und startet am 4. September. In ihrem neuen Roman „Die Assistentin“ geht es um eine junge Frau, die von einer Karriere als Musikerin träumt und in ihrem Job als Assistentin in einem großen Verlag fast zerbricht.
fluter.de: In deinem neuen Roman geht es um Charlotte, die in ihrem ersten Job als Assistentin eines berühmten Verlegers unglücklich ist. Du hast selbst als Assistentin beim Diogenes Verlag in Zürich gearbeitet. Wie viel eigene Erfahrung steckt in dem Roman?
Caroline Wahl: Charlottes Geschichte ist nicht meine Geschichte. Es ist auch kein realer Verlag, es sind keine lebenden Personen, von denen ich in meinem Roman erzähle. Aber natürlich fließen meine eigenen Erfahrungen mit ein, in alle meine Romane.
Hast du auch Machtmissbrauch erlebt wie Charlotte?
Ich habe Machtmissbrauch erlebt wie, glaube ich, leider die meisten in irgendeiner Form. Ich kenne das Gefühl, sich als Berufsanfängerin zu fragen, ob etwas in Ordnung ist, wie zum Beispiel, wenn im Roman Charlottes Chef ihre Outfits kommentiert und sich das für sie befremdlich anfühlt.
Der Verleger in deinem Roman verlangt von Charlotte, dass sie statt im Büro im Keller seines Privathauses mit ihm arbeitet, er hat cholerische Anfälle und beleidigt sie. Als allwissende Erzählerin greifst du immer wieder voraus, was noch passieren könnte – und stellst die Frage, was eigentlich als Machtmissbrauch erkannt wird und was nicht.
Grenzüberschreitungen sind oft nicht klar greifbar, aber man spürt – das gilt im Buch für die Leser:innnen und für mich als Schreibende –, dass es nicht okay ist, was Charlotte erlebt. Ich finde, sobald man sich solche Fragen stellt, war es wahrscheinlich schon eine Grenzüberschreitung. Als Lehrling oder als Berufseinsteigerin muss man nicht alles hinnehmen, das möchte ich aufzeigen. Ich bin der Meinung, dass man auf sich hören sollte, und auch, dass andere Menschen eingreifen sollten, wenn sie mitbekommen, dass jemand in einem hierarchischen Verhältnis unangemessen behandelt wird.
„Vor allem von jungen Frauen und Mädchen wird so eine Bescheidenheit erwartet. Ich finde es wichtig, über Geld zu reden, weil Leute dadurch auch wissen, wie viel sie für ihre Arbeit verlangen können“
Gerade im ersten Job ist es für die meisten schwer, Grenzen zu ziehen und aufzuzeigen.
In unserer Gesellschaft ist der Gedanke tief verankert, dass Lehrjahre eben so sind, dass man viel einstecken und sich erst mal bewähren muss. Man muss sich seinen Platz erkämpfen, sich in ein bestehendes System einordnen, das auf Hierarchien beruht. In der Schule oder an der Uni habe ich nicht gelernt, Grenzen zu ziehen. Das kam dann in den ersten Jobs.
Grenzen ziehen muss Charlotte auch ihren Eltern gegenüber.
Sie will ihre Eltern einerseits stolz machen und merkt andererseits, dass sie das gar nicht glücklich macht. Man sagt so leicht, dass man auf sein Bauchgefühl hören muss, aber das zu können, ist natürlich ein Prozess.
Charlotte flüchtet sich nach der Arbeit in die Musik. Was war dein Ausgleich?
Mir hat das Schreiben geholfen, Kraft zu tanken, abzutauchen und abzuschalten. Während der Zeit in Zürich habe ich „22 Bahnen“ geschrieben. Die Hauptfiguren, die Schwestern Tilda und Ida, haben eine alkoholkranke Mutter und sind in einer viel schlechteren Situation, als ich damals war. Dass sie es geschafft haben, trotz allem den Blick für die schönen Dinge nicht zu verlieren, füreinander zu kämpfen und ihren Weg zu gehen, hat mir Hoffnung gegeben, dass wieder bessere Zeiten kommen und es trotz allem schön ist, wenigstens im Kleinen.
Wo zum Beispiel?
Zum Beispiel zu wissen: Egal wie scheiße es mir gerade geht, wenn es an einem Sommerabend geregnet hat und ich rausgehe, riecht es schön.
Du hattest als Teenager depressive Phasen, die deine Eltern nicht ernst genommen haben. Wie blickst du heute auf diese Zeit?
Wenn es mir nicht gut geht, will ich mich nicht mit dieser Zeit beschäftigen. Jetzt gerade fühle ich mich stabil, da habe ich Mitleid mit diesem Mädchen, das Hilfe gesucht hat und nicht gesehen wurde. Ich bin aber auch stolz auf sie, dass sie trotzdem ihren Weg gegangen ist. Wir sprechen in der Familie mittlerweile darüber, das ist heilsam für mich. Wenn alles anders gelaufen wäre, hätte ich vielleicht nicht zum Schreiben gefunden.
Hast du nach zwei Bestsellern beim Schreiben Druck, etwas liefern zu müssen, das sich wieder gut verkauft?
Nein, es ist eher eine Sicherheit, die ich spüre. Dass ich mich ein bisschen zurücklehnen und beim Schreiben ausprobieren kann.
Du sprichst offen über Geld und deinen Ehrgeiz, dass du die erfolgreichste Autorin Deutschlands werden willst. Warum empört das manche so – weil du eine junge Frau bist?
Ja, ich denke schon. Vor allem von jungen Frauen und Mädchen wird so eine Bescheidenheit erwartet. Ich finde es wichtig, über Geld zu reden, weil Leute dadurch auch wissen, wie viel sie für ihre Arbeit verlangen können. Und über Ziele. Letztens sagte eine junge Leserin zu mir, dass ich sie ermutigt habe, bei einem Schreibwettbewerb mitzumachen. Das macht mir am meisten Hoffnung: auf junge Menschen zu treffen, die laut aussprechen, wofür sie brennen. Als Kind traut man sich oft nicht, Träume zu äußern, und macht das dann im Geheimen. Bei mir in der Schule gab es nicht viele, die von kreativen Berufen geträumt haben. Wenn ich über meine Ziele spreche, möchte ich damit auch zeigen, dass man dafür kämpfen soll, wenn sich etwas richtig anfühlt. Wenn es nicht klappt, hat man es wenigstens versucht. Es ist cool, laut auszusprechen, was man will, und nicht doof – nie!
„Die Assistentin“ von Caroline Wahl ist im Rowohlt Verlag erschienen
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Titelbild: Frederike Wetzels