Illustration einer Greenkeeperin, eine Figur zieht eine der weißen Linien auf dem Fußballplatz nach, neben ihr ein Rasenmäher

„Dann fliegen im Spiel die Fetzen“

Wer macht Fußball möglich? Teil 2: Die Greenkeeperin Alisa Bendlin kümmert sich um den Rasen beim 1. FSV Mainz 05

Protokoll: Paulina Albert
Thema: Arbeit
17. Juni 2026

Wenn kurz vor dem Spiel die Vereinshymnen gesungen werden und ich unten auf dem Rasen stehe, um die Löcher vom Aufwärmen zuzumachen, bekomme ich Gänsehaut. Das ganze Stadion schaut aufs Spielfeld, die Aufstellungen werden vorgelesen, dann: Anpfiff. Da bin ich schon seit zehn Stunden auf dem Feld.

Als Greenkeeperin bin ich dafür verantwortlich, den Platz für das Spiel vorzubereiten. Wir machen das zu viert und fangen an Spieltagen meist gegen halb sechs Uhr morgens an. Zuerst mähen wir das klassische Streifenmuster. Die Halme werden in verschiedene Richtungen gewalzt, damit sie das Licht unterschiedlich reflektieren. Dann bewässern wir den Rasen, ziehen die Linien und stellen die Tore auf. Ob die exakt stehen, überprüft später jemand von der Deutschen Fußball Liga. Bisher hat es nur einmal nicht gepasst, da mussten wir mit der Wasserwaage nachjustieren.

Ich begleite jedes Spiel bis zum Ende. In der Halbzeitpause gehen wir den Platz mit Grasgabeln ab, suchen nach Löchern. Falls ein Stück Rasen fehlt, müssen wir das direkt ausbessern mit einer sandigen Mischung, in der auch die neuen Grassamen sind.

„Von Oktober bis März stellen wir riesige LED-Lampen auf, vor allem rund um die Tore, damit die Grashalme dort auch ohne Sonne nachwachsen“

Auf den Plätzen wird auch trainiert, also muss der Rasen nicht nur an Spieltagen in Topform sein. Im Sommer mähen wir jeden Tag. Die Schnitthöhe ist vom Deutschen Fußball-Bund und der UEFA vorgegeben, maximal 30 Millimeter. Bei uns in Mainz hat er 23 Millimeter.

Unsere größte Herausforderung ist das Wetter. Wir merken den Klimawandel. Starkregen, Schnee und zunehmende Trockenheit wirken sich sehr auf den Platz aus. Wenn der Rasen drei Tage kein Wasser bekommt, wird er braun. Also wässern wir alle zwei Tage, pro Quadratmeter etwa 15 Liter. Das sind pro Platz rund 120.000 Liter, so viel passen in einen großen Pool.

Im Winter läuft unter dem Rasen eine Heizung, von Oktober bis März stellen wir riesige LED-Lampen auf, vor allem rund um die Tore, damit die Grashalme dort auch ohne Sonne nachwachsen. Nach einem oder zwei Jahren ist selbst der gepflegteste Rasen durch. Über den Wind kommt Unkraut, manche Stellen wachsen ohne Wurzeln. Dann fliegen beim Spiel die Fetzen. Also tauschen wir den Rasen aus, das kostet jedes Mal etwa 200.000 Euro. In den Ligen drunter liegt ein Rasen deshalb auch mal sieben Jahre.

Ich habe selbst 20 Jahre lang gespielt, auch in der Mädchenbundesliga. Aber die Aussichten, als Fußballerin Geld zu verdienen, waren damals einfach zu schlecht. Nach dem Abi wusste ich nicht, was ich machen wollte. Dann habe ich gesehen, dass man im Garten- und Landschaftsbau auch was mit Sportplätzen machen kann, und eine Ausbildung begonnen. Seit zehn Jahren bin ich jetzt die erste Greenkeeperin im deutschen Profifußball und, soweit ich weiß, auch die einzige.

Cover Fluter-Heft 99 Fußball, man sieht viele alte Trophäen in einem Glasschrank
Dieser Artikel ist aus dem fluter „Fußball“.
Hier geht's zum ganzen Heft.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Illustration: Julia Trachsel