C chez nous
Trifft Fodil diesmal beim Lattenschießen? Muss Zacharias wieder ins Tor? Findet Islam einen Job? Auf Bolzplätzen wie dem hier in Marseille spielen Jugendliche auch ihre Träume aus
Niemand betritt das City Stade Pape Diouf ohne Begrüßung. Die Jüngeren geben Handschlag, die Älteren einen Stirnkuss, eine Abwandlung der bise, der Wangenküsschen, sie drücken stattdessen die Schläfen sachte aneinander, links, rechts, „Was geht, le sang?“ Was geht, Blutsbruder?
Eingerahmt von den Graffitis auf den umliegenden Wohnhäusern des Marseiller Bezirks Belsunce, hat hier jeder seinen Platz: Hinten spielen die Kleinen, die Grundschüler, Basketball. Davor, auf 12 mal 24 Metern sonnenverblichenem Kunstrasen, spielen sich die Älteren locker den Ball hin und her, jonglieren ihn in der Luft, dreschen gegen den Käfig, dass der Metallzaun zittert. Der Dresscode: Hände in den Taschen der schwarzen Trackpants, die langen Haare im Nacken zusammengebunden, an den Füßen bunte Air Max, die letzten drei Schnürsenkellöcher ausgelassen.
Das City Stade – so nennt man die öffentlichen Bolzplätze in Frankreich – ist benannt nach Pape Diouf, dem früheren Präsidenten von Olympique Marseille. Aber was auf dem Platz passiert, bestimmen die Jungs. „Hier sind wir aufgewachsen“, sagt Amin ohne e, der oberkörperfrei auf der Holzbank neben dem Feld fläzt. Im Viertel gebe es drei Dinge, sagt Amine mit e, AirPods im Ohr: „Die Moschee. Das Fitnessstudio. Das City.“
Islam und Fodil kommen oft ins City
C chez nous, verkündet ein Graffiti auf Wandlänge: Wir sind hier zu Hause. Daneben prangt der Name des Viertels in ebenso großen Lettern. Belsunce liegt nur Meter vom Marseiller Hauptbahnhof entfernt, ein Viertel voller Schmuck- und Stoffgroßhändler, Barbershops und arabischer Kantinen.
Samer, 22, der Älteste und eine absolute Autorität in der Gruppe, wohnt im Block nebenan. Von seinem Balkon kann er das City sehen. Wie alt waren sie, als sie das erste Mal hergekommen sind, überlegt Islam. Zehn, elf? Wenn sie unter sich spielten, haben sie manchmal Länderspiele nachgestellt: Der Senegal gegen Algerien, Nigeria gegen Marokko, nur die französische Nationalmannschaft wollte niemand sein.
Waren die Großen da, mussten die Kleinen zugucken. Ist heute noch so. Samer schaut auf Zacharias, der mit verschränkten Händen am Gitter lehnt, blaues Fußballtrikot, blaue Shorts, blaue Stulpen, Crocs. Zacharias ist zehn Jahre alt. „Aber Zacharias ist eine Ausnahme, er ist stark“, sagt Samer. Zacharias macht das Gesicht von jemandem, der gelernt hat, seine Freude sicherheitshalber nicht zu zeigen. Samer hebt entschuldigend die Schultern: „So ist das, jeder muss sich beweisen.“
Auf dem Spielfeld werden zwei Kapitäne benannt, die sich ihre Mannschaften aussuchen. „Alle dürfen mitspielen“, sagt Samer, „egal welches Niveau.“ Auch Mädchen? Das käme jetzt nicht so oft vor, sagt Samer und ist froh, als ihm einfällt: „Aber einmal die Woche spielen die hier unter sich.“
Die einzigen ausgesprochenen Regeln:
1. Es wird fünf gegen fünf gespielt.
2. Das erste Spiel geht bis fünf, die letzten beiden bis drei.
3. Aus ist nur, wenn der Ball durch eines der Löcher im grünen Netz fliegt.
Der Rest läuft über einen Ehrenkodex. Ins Tor muss meist der Jüngste. Und: „Wenn Foul ist, dann ist Foul“, sagt Fodil und richtet seine lilafarbene Cap. Bedeutet in der Praxis: Einer schreit nach Gerechtigkeit, der andere versucht weiterzuspielen. Wem sich die Mehrheit anschließt, hat recht.
„Pass, Pass, Pass!“, schallt es aus dem Käfig. „Là, là, hier, hier!“, und „Ça arrive, von hinten!“ Fällt ein Tor, bricht das ganze Team in gellendes Papageiengeschrei aus, wenn eine Aktion nicht gelingt, wird geflucht: „T’es sérieux là, ernsthaft jetzt?“ Einer dribbelt vier, fünf Meter im Alleingang, eine Finte hier, eine Drehung, spielt einen Doppelpass und versenkt den Ball im Tor, ein zu lose geschnürter Air Max fliegt hinterher.
Im Viertel gebe es drei Dinge, sagt Amine: „Die Moschee. Das Fitnessstudio. Das City"
Ein Schuss kommt von ganz hinten durch, volles Brett, drei Spieler hinterher, der Torwart schnappt den Ball aus der Luft, drei Körper scheppern gegen den Metallzaun. Dann steht Zacharias allein vor dem Tor, „Frappe!“, ruft einer, schieß! Er verschießt, schlägt die Hände vors Gesicht.
Die Trikots von Bayern München, Olympique Marseille und Real Madrid werden ausgezogen, im Hosenbund festgesteckt. Die Laufwege werden immer kürzer, die Schatten immer länger. Dann ist das letzte von drei Spielen vorbei. Es wird verhalten abgeklatscht. „Lass Lattenschießen spielen“, ruft Fodil. Er schüttelt seinen rechten Air Max ab: Auf Socke kann er besser zielen. Sein Ball fliegt trotzdem unter der Latte durch, ins grüne Netz. „Du bist der einzige Linksfüßer, den ich kenne, der kein Talent hat“, feixt Islam.
Am Spielfeldrand, im Schatten zwischen Mauer und Spielfeldzaun, werden Blättchen, Filter, bunt bedruckte Plastiktütchen aus den Bauchtaschen gekramt. Fodil fängt Sprüche für sein lilafarbenes Bayern-Trikot. „Genau das richtige heute Abend.“ Der Erzfeind von Olympique Marseille, Paris Saint-Germain, spielt gegen Bayern München. Gegen Paris sein: Ehrensache. Auch wenn „l’OM“ sich im Moment lächerlich macht und Amin nicht mehr ins Stadion geht: „Wir bleiben Fans, das muss.“
Neben Fodil wird von der Reise nach Spanien geschwärmt: „Marbella, da darfst du alles, da gibt’s keine Regeln, keiner kann dir das Gras abnehmen.“ Eine Diskussion bricht aus: Wie lange braucht man mit dem Auto nach Marbella? Zehn Stunden, schwört Amine. „Du fährst 200, kontinuierlich, bremsen nur vor der Radarkontrolle.“
Wer auf dem City ist, steht schon mal nicht für Dealer Schmiere
Samer kramt ein Video hervor, kreischende Jugendliche im Stimmbruch: Vor zehn Jahren, als das Gebäude nebenan, in dem heute ein Sozialzentrum ist, noch leer stand, gingen sie dort regelmäßig auf Erkundungstour. Heute haben sie hier einen Kunstrasen, Holzbänke und „Grünzeug“, wie Samer den kleinen Garten am Eingang nennt. „Aber wir sind nicht mehr unter uns“, sagt Samer. „Wir haben keine Privatsphäre mehr“, sagt Amine. Manche wie er können sich im Viertel keine Wohnung mehr leisten. Aus dem 14. Arrondissement, wo er inzwischen wohnt, braucht Amine eine Dreiviertelstunde mit dem Bus in die Innenstadt. Trotzdem kommt er, klar, seinem City bleibt man treu.
„Mit zwölf“, sagt Samer, „hast du Blödsinn im Kopf.“ Mit zwölf hätten sie davon geträumt, Rapper oder Fußballer zu werden. Mit zwölf haben sie sich hier zu schnellem Geld verführen lassen, Schmiere stehen für die Dealer. Damit, sagt Samer, kamen der Ärger, die ersten Verhaftungen, Schulabbrüche. „Dann verstehst du, dass es kein schnelles Geld gibt, dass schnelles Geld haram ist, dass dieses Geld nicht bleibt“, sagt Amine. Inzwischen, sagt Samer, würden sie auf Snapchat schon Jugendliche für Auftragsmorde suchen.
Islam erzählt, dass er im Probeabitur im Durchschnitt 14 von 20 Punkten hatte. Und nach dem Abitur? Arbeiten, „egal was“. Samer ist Kameramann und Model in der Werbebranche. Amine mit e ist bei einem Autoverleih angestellt, er spart auf eine Reise nach Brasilien, um dort Motocross zu fahren. Und Amin ohne e, der auf dem City von einem Scout entdeckt wurde, von der AS Monaco unter Vertrag genommen werden sollte, aber dann zweimal beim Spielen in Ohnmacht fiel, arbeitet als Koch. Gestern Nacht ist er um drei Uhr von der Schicht nach Hause gekommen.
Schweigend wird geraucht, durch Videos von Katzen und Kampfsport gescrollt. Auf dem Platz, im Tor, steht immer noch Zacharias. Die Jüngeren vom Basketballplatz sind hinübergekommen, schießen Bälle auf sein Tor. Sein Lieblingsclub? „Real Madrid“, sagt Zacharias, ohne Zögern, ohne vom Ball hochzuschauen. Zacharias spielt im Verein, die Nachmittage, an denen er kein Training hat, verbringt er auf dem City. Sein Idol? „Ronaldo natürlich!“ Mit zehn kann man noch träumen.
Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.