Warum wird im Rap eigentlich so hemmungslos beleidigt? Diese Frage stellten sich in den letzten Wochen ja einige in Deutschland nach der letzten Echo-Verleihung. Neu ist das Phänomen jedenfalls keineswegs. Im Gegenteil. Schon in seinen Kindheitstagen gehörte die Beleidigung fest zum Repertoire des Rap. Das Schmähgedicht – auf Englisch „the dozens“ – ist ein zentraler Teil des weit verzweigten Stammbaums des Hip-Hop. War die Battle – das Gegeneinander-Rappen – ursprünglich etwas, das auf der Bühne stattfand, also im Angesicht des Gegners und vor Publikum, das dann den Schlagfertigeren zum Sieger kürte, entstanden aus dieser Kultur der Beschimpfung irgendwann die sogenannten Diss-Tracks, bei denen sich die Rapper provokante Handschuhe hinwerfen, sie aufnehmen und sich auf links wieder anziehen. Manchmal ist das lustig, manchmal aufschlussreich, manchmal geht das aber auch gründlich schief – und endet sogar tödlich. Fünf kontroverse Klassiker – zusammengestellt von Gereon Klug alias Hans E. Platte – plus fiese Bonusbeats.

2Pac vs. The Notorious B.I.G.

2Pacs „Hit ’em Up“ (1996) ist der wohl folgenschwerste Diss-Track aller Zeiten. Er befeuerte den Eastcoast - vs. -Westcoast - Krieg, der wohl dazu beitrug, dass die reichlich talentierten 2Pac und Notorious B.I.G. alias Biggie Smalls früh ihre Leben lassen mussten – mit nur 25 und 24 Jahren. Es geht in dem Stück zwar um alle möglichen Leute und Label aus New York. 2Pac wird hier aber persönlich: „You claim to be a player but I fucked your wife/We bust on Bad Boy niggaz fucked for life“. Es ging um die R&B-Sängerin und Schauspielerin Faith Evans. Wenig später wurde 2Pac in Las Vegas angeschossen, verstarb dann ein paar Tage später. Biggie, der abstritt, eine Rolle dabei gespielt zu haben, dachte sich, er könnte mal L.A. besuchen, und endete dort im Kugelhagel. 

Jay Z vs. Nas 

Zuerst versucht der junge und im Mainstream erfolgreiche Jay Z dem eher im Underground erfolgreichen, bei der Kritik schwer erfolgreichen Nas abzusprechen, dass er der neue King of New York ist. Eine Stelle, die nach Biggie Smalls Tod frei war. Der Song dazu heißt „Takeover“. Aber da ein vernünftiger Thron nur eine Sitzfläche hat, antwortet Nas mit „Ether“. Dann legen beide hier und da noch ein paar Schippen drauf, lassen Verächtliches fallen, ziehen Gesinnungsgenossen auf ihre Seiten, und schon haben wir einen schönen Beef. Eine Battle zwischen zwei brillanten Wort-Stylern, der Jahre dauerte und eher schwer zu entwirren scheint. Frauen spielten eine Rolle, aber auch, wer besser reimen kann – da sind ja Lyricists am Werk. Darüber könnte man ewiglange Dokus drehen. Macht man auch im Netz. Ein Streit unter ebenbürtigen Gegnern, der Spaß macht. Endete offiziell unentschieden und ohne Tote, aber mit einem Enkelsohn von Rapper Big Pun, der „Ether“ getauft wurde.

Eminem vs. Trumpwähler

Tja, Eminem. Eigentlich ein erledigter Fall. Saturiert und irrelevant, dazu ziemlich schlechte Musik/Beats die letzten langen Jahre – was soll von dem noch kommen außer mainstreamigen Duetten? Nun, zehn Monate nach der Amtseinführung Trumps platzte vergangenes Jahr auch ihm recht treffend der Kragen. Ihm gelang ein extrem gelungener Diss gegen den US-Präsidenten und vor allem seine Wähler, indem er sich endlich mal wieder auf seine in frühen, harten Jahren erworbenden Skillz verließ und es rausließ. Mit Worten, mit Gesten, mit einem 45 Millionen Mal geklickten Track (ohne Beats!), stilgerecht in einem Parkhaus aufgenommen, sich alleinig auf seine immer noch enormen Rapperfähigkeiten verlassend. Nicht nur angesichts eines sich an Trump anbiedernden Kanye West tun Eminems klare Worte, dass man nur für ihn und gegen Trump sein kann, aber eben nicht beides, ganz gut: „And if you can’t decide who you like more and you’re split/On who you should stand beside, I’ll do it for you with this: Fuck you!“

Kool Savas vs. Eko Fresh

Schauen wir doch mal in Deutschland rein, haben sich da nicht auch schon ein paar Rapper gekonnt gefetzt? Ja. Und zwar aus den gleichen Gründen, wie wir es mit Geschäftspartnern, WG-Mitbewohnern oder anderen Freundgegnern gelegentlich eskalieren lassen. Der inzwischen als Schauspieler erfolgreiche Eko Fresh verließ 2003 unfreiwillig das Label, die Crew und die Wohnung von Kool Savas, weil er R&B-Rap machen wollte. Dahinter konnte Savas nicht stehen. Zwei Jahre später folgte Ekos „Abrechnung“: „Moruk, du bist auf dem Rapscheiss hängen geblieben/hat einer mehr Erfolg, fühlst du dich in die Enge getrieben“. Savas antwortet mit seinem „Das Urteil“: „Was du machst ist nicht korrekt, wie Behindertenwitze: Alles was du schreibst ist für mich nicht mehr als Kindergekritzel“. Wer gewonnen hat? Entscheiden Sie. Treffen Sie Ihr Urteil in den Kategorien Flow, Inhalt und Sympathie.

Taktloss vs. die Welt

Nicht unerwähnt bleiben soll der legendäre Auftritt bei Viva Supreme dieses Berliner Rappers, der sich bis heute vielen Marktmechanismen verweigert. Es fängt schon herrlich schwach an: Taktloss zieht sein Shirt hoch und enthüllt ein „Fuck Samy“-Papier. Oha, fetter Diss gegen Samy Deluxe! Und dann tanzt, beleidigt, freestylt, eumelt sich der Mann geschlagene 40 Minuten brillant durch seine Welt, die ausschließlich aus grenzüberschreitenden Prahlereien, Hamburg-Disses, weirden Assoziationsketten und tolldreisten Wortpolonaisen besteht. Angenehm schrottig und sehr lustig. Die klassischen Beleidigungen im Rap sind hier wohl in beinahe allen Inkarnationen sämtlich vorhanden:
1. Du bist eine Bitch (respektive Biaaaatch)
2. Du bist ein Hurensohn (heißt im Original natürlich „Son of a Bitch“)
3. Du bist eine Schwuchtel (erstaunlicherweise immer noch eine derbe Beleidigung, wobei alle Frank Ocean feiern)
4. Du bist wack (wobei das heutzutage nicht mehr so zieht, weil inzwischen der Erfolg als Recht gilt)
5. Du bist arm (in Deutschland nicht die zündendste Beleidigung, in den USA allerdings eine extrem wichtige Kategorie)
6. Du bist ein Spast! Oder Behindi! (Seufz)
7. Du Bullenschwein! 
8. Du Petze (im Original heißt es „Snitch“)

Fiese Bonusbeats:

Sookee vs. Soziologieproseminar-Vorwurf

Der Sexismus im Rap ist fast so alt wie der Rap selbst. Wie also damit umgehen? Die jüngere Deutschrap-Geschichte hat da zweierlei Beispiele parat. Entweder man macht es wie SXTN: noch sexistischer auf die Kacke hauen. Juju und Nura rappen breitbeiniger als die allermeisten Kerle – und waren auch schon mit dem Porno-Rapper Frauenarzt auf Tour. Sie nennen sich Fotzen und Lesben – um den Begriffen die abwertend gemeinte Bedeutung zu nehmen und ein hartes, dominantes Frauenbild auf die Bühne zu bringen. Ganz anders Sookee: Sie rappt gegen die misogynen Stereotype an – und gegen Intoleranz, Rassismus und Heteronormativität gleich mit. Sie ist auch eine der ganz wenigen Musikerinnen in Deutschland, die sich zu der #MeToo-Debatte äußerten. Aber Rap wäre nicht Rap, müsste man auch da nicht lange auf die Replik warten – auch wenn die aus unerwarteter Richtung kam. Vom Magazin „Vice“ kam der ziemlich ehrenrührige Vorwurf, Sookees Rhymes würden sich wie eine Vorlesung im Soziologiegrundstudium anhören. Tja, das kann man den männlichen Deutschrap-Kollegen in den allermeisten Fällen nicht vorhalten. (Felix Denk)

Titelbild: Michael Norcia/New York Post Archives /(c) NYP Holdings, Inc. via Getty Images

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