Safety first!
Sexistische Sprüche, Grapschen, Gewalt – in Barcelona sollen Feiernde davor geschützt werden. Wie macht die Stadt das?
30 Grad zeigt das Thermometer an. Zwischen den Häuserreihen ziehen Hunderte Menschen durch die schmalen Gassen. Von einer Bühne ertönen spanische Gitarrenklänge. Auf den Balkonen rechts und links stehen Menschen dicht gedrängt und singen von oben mit.
Mireia Monné Moreno, Mitte 30, blonde Haare, Piercings, beobachtet das Geschehen vom Straßenrand aus. Heute Nacht ist sie ein „punt lila“, also ein lila Punkt. An ihrem Pavillon unterstützt Monné alle, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Alters, ihrer Herkunft oder einer körperlichen Einschränkung angegriffen werden oder sich diskriminiert fühlen.
Die lila Punkte gibt es seit 2014 in ganz Spanien, in der Provinz Barcelona werden sie inzwischen flächendeckend eingesetzt. Fast jedes Stadtviertel besitzt ein eigenes feministisches Komitee. Fast alle Clubs, Konzerte und Festivals der Stadt haben das Nachtprotokoll „Wir schweigen nicht“ eingeführt. Das bedeutet: Ihre Mitarbeitenden sind von der Stadt geschult, sollen sexualisierte und queerfeindliche Gewalt erkennen und verhindern.
Es ist kein Zufall, dass Monné, die tagsüber als Psychologin mit suizidgefährdeten Menschen arbeitet, hier steht. Befragungen zeigen, dass in der EU knapp die Hälfte aller befragten Frauen schon einmal sexualisierte Belästigung erlebt hat, viele fühlen sich nachts unsicherer als tagsüber – dabei spielt nicht nur der öffentliche Raum eine Rolle. Gerade im privaten oder beruflichen Umfeld kommt es auch zu übergriffigem Verhalten bis hin zu Gewalt.
Fast jedes Stadtviertel in Barcelona besitzt ein eigenes feministisches Komitee
In Spanien wurde es lange als Privatsache abgetan oder kulturell als „Machismo“ akzeptiert, als Ausdruck des Gefühls männlicher Überlegenheit und Stärke. Inzwischen gilt Spanien als Vorzeigeland im Kampf gegen sexualisierte Gewalt und hat europaweit eine der geringsten Femizid-Raten. Femizide sind Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts.
Um Spaniens aktuellen Weg zu verstehen, hilft ein Blick auf das Jahr 1997. Damals sprach eine Frau im Fernsehen öffentlich über die Gewalt, die ihr Ex-Mann ihr angetan hatte. Wenige Tage später übergoss ihr Ex-Mann sie mit Benzin und zündete sie an. Der Mord an Ana Orantes löste landesweit Proteste aus, es wurde grundsätzlich über Gewalt gegen Frauen debattiert – und nicht mehr als privates „Beziehungsdrama“ abgetan.
2004 verabschiedete Spanien eines der europaweit ersten Gesetze gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Heute gibt es ein eigenes Ministerium für Gleichstellung und spezialisierte Justizabteilungen in den Bezirken. In Schulen ist Gleichberechtigung fester Bestandteil des Lehrplans. Weltweit für Aufsehen sorgte auch das Gesetz „Nur Ja ist Ja“: Geschehen sexuelle Handlungen nicht ausdrücklich einvernehmlich, gelten sie als strafbar.
„Frauen nehmen Situationen, die sie früher vielleicht nicht als Übergriff empfunden hätten, heute anders wahr“Blanca Valdivia Gutiérrez, Soziologin
Als auf dem Straßenfest die Musik zwischen zwei Konzerten verstummt, ertönt die Durchsage: „Das ist ein Ort ohne Sexismus oder Queerfeindlichkeit. Wenn du jemanden belästigt oder beleidigt hast, bitten wir dich, zu gehen.“ Die Initiativen rund um den lila Punkt leisten wichtige Arbeit, sagt die Soziologin Blanca Valdivia Gutiérrez: „Frauen nehmen Situationen, die sie früher vielleicht nicht als Übergriff empfunden hätten, heute anders wahr.“ Mit dem Kollektiv „Punt 6“ erforscht sie, wie Städte sicherer werden können. „Wie gehen wir mit dunklen Straßen um, mit Sackgassen? Noch immer machen sich Frauen und queere Minderheiten darüber Gedanken, welchen Weg sie nachts nach Hause nehmen.“ Sexistische Gewalt ende nicht an der Clubtür. In Barcelonas Straßen hängen Plakate mit der Aufschrift „In der besten Stadt respektiert jeder seinen Nächsten“, in der Metro weisen Videos auf telefonische Hilfsangebote hin.
Monné ist sich sicher: „Die bloße Präsenz unseres lila Punkts sorgt dafür, dass weniger Übergriffe passieren.“ Feiernde berichten, dass sie sich vor einigen Jahren noch deutlich unsicherer gefühlt hätten. „Es gibt jetzt überall Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung. Sobald wir einen lila Punkt sehen, feiern wir automatisch beruhigter“, berichtet eine Studentin, die mit ihren Freundinnen das Fest besucht.
Ganz anders sieht das Vox. Die rechte Oppositionspartei nutzt steigende Fallzahlen als Argument dafür, dass die feministischen Maßnahmen versagen, und kritisiert die lila Punkte als nutzlose Symbolpolitik und Steuergeldverschwendung. Sie fordert stattdessen härtere Polizeipräsenz. Denn gegen akute Gewalt könne der lila Punkt nichts ausrichten. Das Team ruft im Zweifelsfall den Sicherheitsdienst oder Notruf. Auf den ersten Blick gibt die Statistik der Partei recht: Die Zahl der registrierten Sexualverbrechen in Spanien hat sich seit 2010 mehr als verdoppelt. Fachleute und Behörden erklären den Anstieg aber mit einer sinkenden Dunkelziffer. Immer mehr Straftaten würden erkannt und angezeigt. Und die verschärften spanischen Gesetze ließen Anzeigen einfacher zu.
„Sobald wir einen lila Punkt sehen, feiern wir automatisch beruhigter“, berichtet eine Studentin aus Barcelona
Olga Jiménez Palau sagt dazu: „Ein echter Wandel erfordert Prävention.“ Die Polizei könne meist erst eingreifen, wenn es bereits zu spät sei. Jiménez arbeitet im katalanischen Ministerium für Gleichstellung und Feminismus, das von der sozialdemokratischen Partei geführt wird. Barcelona will allein im Jahr 2026 fast acht Millionen Euro bereitstellen, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen. Dazu gehört, dass die lila Punkte künftig auch in dörflicheren Gegenden zu finden sein sollen.
Doch das aufgebaute Schutzsystem gerät unter Druck: Rechtspopulistische Parteien wurden in den letzten Jahren immer beliebter. Wo die konservative Partido Popular mit Vox regiert, werden Programme gegen sexualisierte Gewalt und für Gleichstellung abgeschafft. Die Partei Partido Popular benennt den lila Punkt mancherorts in „Schutzraum für alle Geschlechter“ um. Also ein Raum, der unter anderem auch für Männer offen ist. Dabei sind es zu fast 90 Prozent Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben.
„Frauen vor geschlechtsspezifischer Gewalt zu schützen, belastet nicht den Schutz anderer Opfer“, sagt Jiménez. Um Frauen zu helfen und zugleich Männer präventiv zu erreichen, gibt es in Barcelona ein Zentrum für Männlichkeiten.
„Wir sind noch weit davon entfernt, dass es die lila Punkte beim Feiern nicht mehr braucht“, ist Soziologin Valdivia überzeugt. Jiménez schließt sich an: „Solange Machismo, Geschlechterstereotype und strukturelle Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern bestehen, wird es diese Gewalt weiterhin geben.“
Um drei Uhr morgens endet die Musik auf dem Straßenfest. Die Nacht war ruhig. Nur eine junge Frau kam zum lila Punkt, weil ein Mann sie immer wieder ungefragt berührt habe. Ihr gehe es gut, sie wolle weiterfeiern, „aber Bescheid geben, damit auch andere geschützt sind“. Selten passiere etwas wirklich Schlimmes, erzählt Monné. Sie blickt auf den sich leerenden Platz. Die Feier geht nun woanders weiter. Auf das, was dort passiert, hat sie keinen Einfluss mehr. „Nicht ich allein bin der lila Punkt, wir alle sind es. Jede und jeder hat die Verantwortung, Gewalt zu bemerken und achtsam zu sein.“ Ein Fest ist erst dann sicher, wenn die Nacht allen gehört.
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