Touchdown für Puerto Rico
Beim Super Bowl tritt in diesem Jahr der puerto-ricanische Sänger Bad Bunny auf – einer der derzeit meistgestreamten Künstler der Welt. Warum aber ist seine Performance zum Politikum geworden? Ein Crashkurs in fünf Punkten
1. Eine Flagge mit nur einem Stern
Wenn am 8. Februar (9. Februar deutsche Zeit) die zwei besten Teams der NFL aufeinandertreffen, geht es natürlich um American Football. Aber auch um nationale Identität. Deshalb wird schon vorab über den Auftritt von Bad Bunny in der Halbzeit diskutiert, für das konservative Lager ist er ein Ärgernis. Denn Bad Bunny repräsentiert vor allem eines: seine Heimat Puerto Rico.
Die Insel in der Karibik ist rund 1.600 Kilometer Luftlinie vom äußersten Zipfel des US-Festlandes entfernt. Seit 1898 gehört Puerto Rico zu den Außengebieten der Vereinigten Staaten, nachdem Spanien es im Spanisch-Amerikanischen Krieg abtreten musste. Seither gelten dort Sonderregeln: Alle auf der Insel geborenen Personen erhalten zwar die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und können ohne Visum aufs Festland reisen oder dort arbeiten – sie haben aber kein Wahlrecht.
Anders als vollwertige Staatsbürger:innen dürfen die Bewohner:innen Puerto Ricos den Präsidenten oder die Präsidentin der USA nicht wählen und stellen keinen Senator und keine Senatorin. In Washington sitzt lediglich ein oder eine Vertreter:in, sogenannte Resident Commissioners, die allerdings kein Stimmrecht besitzen. Oft wird Puerto Rico deshalb als US-amerikanische Kolonie bezeichnet. Seit 1952 hat die Insel eine eigene, von Washington gebilligte Verfassung und wählt eigene Institutionen wie den Gouverneur und das Parlament.
Seit Jahrzehnten wird in Puerto Rico diskutiert, ob eine vollständige Unabhängigkeit oder der Beitritt als 51. Bundesstaat der bessere Weg wäre. Sieben Referenden hat es dazu bereits gegeben. Beim letzten wurde für den Beitritt gestimmt, die Wahlbeteiligung war allerdings gering.
2. Der Insel-Slang
Bad Bunny singt nicht nur auf Spanisch, sondern stolz im puerto-ricanischen Slang. Dass viele Hörer:innen dadurch Anspielungen und Wortspiele in seinen Texten nicht verstehen, sei ihm bewusst, sagte er in einem Interview – und ergänzte: „Aber das ist mir egal!“ Der Slang ist sein Markenzeichen. Er steht für eine Rückbesinnung auf die eigenen kulturellen Wurzeln und richtet sich gegen die Amerikanisierung der Insel.
Damit ihr in der Halbzeitshow nicht völlig den Überblick verliert, hier ein kleiner Sprachkurs:
- Nuevayol: Puerto-ricanische Aussprache von Nueva York (New York). Der puerto-ricanische Dialekt, der sich vor allem in der Diaspora der Metropole entwickelte, verwandelt häufig das r am Wortende in ein l.
- Acho/Chacho: Umgangssprachlich wie dude, bro oder man im Englischen.
- Boricua: Selbstbezeichnung für Puerto-Ricaner*innen, abgeleitet von Boriquén. So nannten die indigenen Bewohner*innen, die Taíno, die Insel vor der spanischen Kolonialisierung.
- Piquete: Stil, Selbstbewusstsein oder swag.
- Bokete: Wort für Schlagloch – im nächsten Absatz erfahrt ihr, warum das wichtig ist.
3. Lyrics gegen den Imperialismus
Puerto Rico steckt in einer tiefen Schuldenkrise. Wirtschaftskollaps, Arbeitsmigration und fehlende Perspektiven haben die Lage verschärft. Weil Puerto Rico zwar US-Gebiet, aber eben noch kein 51. Bundesstaat ist, kann es, anders als Bundesstaaten, keine Insolvenz anmelden. Seine Finanzen werden seit 2016 von einer vom US-Kongress eingesetzten Aufsichtsbehörde kontrolliert. Das belastet die Beziehungen zu den USA und hat viele Puerto-Ricaner*innen dazu bewegt, das Festland als Ausweg zu wählen: Rund 1,9 Millionen Menschen sind zwischen 1990 und 2024 ausgewandert (derzeit hat Puerto Rico etwa 3,2 Millionen Einwohner*innen).
Unter diesen Eindrücken ist Bad Bunny aufgewachsen. Er gehört zu einer Generation, die die Abhängigkeit von den USA zunehmend kritisiert und eine lokalpatriotische Haltung vertritt, die sich gegen die „Make America Great Again“-Stimmung in den USA unter Trump richtet. Da verwundert es kaum, dass sein neues Album politischer denn je ist: Es thematisiert Ausverkauf, Gentrifizierung, Migration und Imperialismus. Das zeigt sich schon im Titel „Debí tirar más fotos“ („Ich hätte mehr Fotos machen sollen“). Damit drückt er das nostalgische Bedauern aus, nicht mehr Fotos von der Insel und ihrer Kultur und Tradition gemacht zu haben, bevor sie durch austauschbare Hotelbauten und Bagel-Shops ihren Charakter verloren habe.
In „Turista“ und „Bokete“ verwebt Bad Bunny persönliche Themen mit Gesellschaftskritik. Vordergründig handeln die Songs von Liebeskummer: einmal von einer Frau, die nur die schönen Momente wolle, einmal von einer toxischen Beziehung, die er mit einem Schlagloch vergleicht. Doch eigentlich sind es Metaphern – für Massentourismus, der die wahren Lebensrealitäten der Inselbewohner*innen verdeckt, und für die marode Infrastruktur Puerto Ricos. In „Pitorro de Coco“ zieht er Parallelen zwischen einer Beziehung und einem Stromausfall: „Tú ere’ mala, te fuiste como la luz“ – „Du bist böse, du bist gegangen wie das Licht“.
In „Lo que le pasó a Hawaii“ („Was Hawaii passiert ist“) wird er noch deutlicher. In Zeilen wie „Sie wollen mir den Fluss wegnehmen und auch den Strand“ oder „Ich will nicht, dass sie mit dir dasselbe machen wie mit Hawaii“ warnt er vor der kompletten Gentrifizierung und dem Ausverkauf seiner Heimat an US-Investoren.
4. ICE vor den Konzerthallen
Mit Festnahmen in Krankenhäusern, Schulen, Fabriken, vor Gerichtsgebäuden und sogar von Minderjährigen ist die US-Einwanderungsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) derzeit in den USA sehr präsent und sorgt mit ihrem Vorgehen für viel Kritik. Die 2003 gegründete Behörde ist unter anderem für die Abschiebung von Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung verantwortlich. Donald Trump, der nach seiner Wiederwahl 2024 eine restriktivere Einwanderungspolitik ankündigte, verdreifachte das ICE-Budget. ICE-Agenten verfügen über viele Befugnisse: Sie können Verdächtige festnehmen und festhalten, Zugriff auf Datenbanken mit privaten Adressen und ethnischen Merkmalen erhalten und Menschen lediglich aufgrund ihres Aussehens, ihrer Sprache, Arbeitskleidung und ihres Aufenthaltsortes kontrollieren.
Als Bad Bunny im Mai 2025 die Stationen seiner aktuell laufenden Welttournee veröffentlichte, waren darunter Hauptstädte rund um den Globus – von Tokio bis Warschau. Vor dem offiziellen Tourbeginn spielte er zudem 30 Konzerte in Puerto Ricos Hauptstadt San Juan. Doch kein einziger Auftritt auf dem US-Festland ist dabei. Zunächst wurde das als politischer Boykott interpretiert. Später erklärte Bad Bunny, er habe befürchtet, ICE-Agenten könnten vor den Konzerthallen lauern und Konzertbesucher:innen festnehmen. Da er fast ausschließlich auf Spanisch singt, ist er besonders in der Latin Community populär – der größten Migrant*innengruppe in den USA. Unter anderem Trumps Berater Corey Lewandowski drohte öffentlich mit ICE-Razzien während des Super Bowls.
5. Die andere amerikanische Halftime-Show
Für das konservative Lager steht ein puerto-ricanischer Weltstar nicht für das „wahre Amerika“. Deshalb kündigte die rechtskonservative Jugendorganisation Turning Point USA, gegründet vom ermordeten Polit-Influencer Charlie Kirk, eine Gegenveranstaltung an: die All-American Halftime Show. Wer dort auftreten darf, soll per Onlineumfrage vorgeschlagen werden. Zur Auswahl stehen Kategorien wie „Alles auf Englisch“, „Classic Rock“, „Country“, „Hip-Hop“, „Pop“ und „Worship“, also christliche Lobpreismusik.
Der Super Bowl ist in diesem Jahr also mehr Wettkampf als jemals zuvor. Es treten nicht nur, wie sonst, zwei Teams gegeneinander an, sondern auch zwei musikalische und politische Lager. Also: Auf geht’s oder, wie man in Puerto Rico sagen würde: „¡Vamos!“, „¡Dale!“
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Titelbild: Kevin Winter/Getty Images – Eric Rojas/AFP via Getty Images