Sichere Sache
Awareness-Teams sieht man mittlerweile auf vielen Veranstaltungen. Aber was machen sie eigentlich – und warum? Unsere Autorin hat ein Team auf einem Festival in Hamburg begleitet
Die Rapperin Haiyti bringt die Menge gerade zum Hüpfen, als Amors Lächeln schlagartig aus seinem Gesicht verschwindet. Der Awareness-Mitarbeiter hat jemanden gesehen – jemand, der hier auf dem Habitat-Festival in Hamburg eigentlich nicht sein sollte. Der Mann habe Hausverbot, weil er vergangenes Jahr auf dem Festival jemanden belästigt habe. Amor hat sein Gesicht erkannt. Er funkt die Security an.
Dann kehrt er zu seiner Kollegin Saskia zurück. Jemanden rausschmeißen gehört nicht mehr zu seinem Verantwortungsbereich.
Awareness-Mitarbeiter*innen sind auf Veranstaltungen immer präsenter. Sie tragen meist Westen, sie wollen sichtbar sein. Und Festivals und Veranstaltungen für alle sicherer machen. Gleichzeitig sehen sie sich nicht als Partypolizei, die dafür sorgt, dass Regeln eingehalten werden. Was machen Awareness-Teams also genau – und welche Idee steckt dahinter?
32 Stunden lang raven die Menschen an diesem Wochenende auf dem Habitat, es gibt sieben Bühnen. Laut Veranstalter*innen feiern hier etwa 10.000 Besucher*innen. Die Awareness-Mitarbeiter*innen auf dem Festival sind Teil des Vereins Act Aware. Gegründet wurde der während der Coronazeit von Teresa Hähn, auch sie ist auf dem Habitat mit dabei.
Viele werden belästigt, doch wenige sagen etwas
„Viele Menschen, die sonst Veranstaltungen organisieren, hatten plötzlich viel Zeit“, erinnert sie sich. Zeit, um zu überlegen, wie man Probleme in der Branche lösen kann. Auch Hähn selbst arbeitete schon seit zehn Jahren im Veranstaltungsbereich, schrieb ihre Masterarbeit über Awareness-Arbeit auf Festivals.
Denn das Bewusstsein, dass Veranstaltungen nicht für alle ein sicherer Ort sind, sickert nur langsam durch. In einer US-amerikanischen Umfrage unter Konzertbesucher*innen aus dem Jahr 2025 sagten 88 Prozent der Menschen, die auf Konzerten sexualisierte Gewalt erlebt haben – ein Großteil davon Frauen –, dass sie die Übergriffe nicht bei den Veranstalter*innen meldeten. Die Annahme: Es werde sowieso nichts unternommen. In einer Studie aus Großbritannien von 2018 gaben 22 Prozent der 1.000 befragten regelmäßigen Festivalbesucher*innen an, auf einem Festival schon einmal belästigt worden zu sein. Von den befragten Frauen unter 40 waren es sogar 40 Prozent.
Dem Glauben der Opfer, dass man diesen Umstand einfach hinnehmen muss, sollen Awareness-Teams etwas entgegensetzen. Sie stehen immer auf der Seite der verletzlichen Partei: Menschen, die von Diskriminierung betroffen oder in körperlichen oder seelischen Notlagen sind.
Die Partypolizei (not): Amor, Teresa und Saskia
Fotos: privat
Die Abendschicht an diesem Samstag haben unter anderem Amor und Saskia. Sie sind 24 und 29 Jahre alt, gerade beantworten sie am Zelt des Awareness-Teams geduldig Fragen.
„Wo ist das Klo?“
„Können wir uns im Zelt kurz die Hose umziehen?“
„Darf ich so einen Lolli nehmen? Geil!“
„Wisst ihr, wo die nächste Trinkstation ist?“
Im Zelt sind Feldbetten aufgestellt. Es gibt einen Wasserkocher für Tee und Wärmflaschen, Taschentücher, Tampons und Binden, Fidget Toys. Die sind dafür da, wenn jemand Ängste regulieren muss oder dissoziiert, also innerlich abschaltet oder den eigenen Körper und die Umwelt nicht mehr wahrnehmen kann, sagt Teresa Hähn. Im kleinen Zelt nebenan ist die sogenannte Psy-Care, die extra für Gäste da ist, die von Rauschzuständen überfordert sind oder sich ausschlafen müssen.
„Die Idee ist, dass man sich sicherer fühlt, einfach weil wir da sind – auch wenn man uns nicht direkt braucht“Teresa Hähn, Gründerin von Act Aware
Eine Person bittet Saskia um eine Schmerztablette. „Medikamente dürfen nur die Sanis herausgeben“, sagt sie. „Aber möchtest du einen Tee?“ Die Person nickt. Sie setzt sich vor das Zelt, stellt sich als Anna vor. Anna erzählt, sie gehe gern und viel auf Festivals. „Ich finde das Zelt hier total niederschwellig und hätte das Team wahrscheinlich nach allem gefragt“, sagt sie. „So lieb, wie alle lächeln, gehe ich lieber hierher als zu den Sanis.“
Teresa Hähn sagt: „Die Idee ist, dass man sich sicherer fühlt, einfach weil wir da sind – auch wenn man uns nicht direkt braucht. Veranstalter*innen haben langsam gecheckt, dass wir ihnen eine Menge Arbeit abnehmen.“ Die Teammitglieder bekommen 20 Euro pro Stunde, erzählt Hähn. „Faire Vergütung für diese teils emotional und körperlich anstrengende Arbeit ist uns wichtig.“
Die Idee, dass Betroffene in Diskriminierungsfällen mehr ins Zentrum gerückt werden sollen, stammt aus der Frauenbewegung der 1970er- und 80er-Jahre. Feminist*innen machten deutlich, dass Sexismus ein strukturelles Problem ist und nicht nur in einzelnen Fällen auftritt. Der Begriff entwickelte sich in den 1980er-Jahren im Zusammenhang mit antirassistischer Communityarbeit. In Deutschland entstand 2007 die erste Bewegung, die sich so bezeichnete. Das erste Awareness-Team auf einem deutschen Festival war 2012 auf der Fusion im Einsatz.
10.000 Menschen sind beim Habitat, 32 Stunden dauert es – da geht es nicht immer allen gut
Foto: MarvinContessi @ctss
Saskia und Amor machen sich auf zu ihrem regelmäßigen Rundgang. Menschen tanzen ausgelassen vor den Bühnen, allein oder in der Gruppe, viele haben Glitzer im Gesicht. Es wird immer voller und unübersichtlicher. Saskia und Amor achten vor allem auf die Gesichter der Menschen, auf ihre Körpersprache. Weint jemand, übergibt sich jemand? Sitzt jemand teilnahmslos in der Ecke, wirkt jemand abwesend? Bisher scheint es allen gut zu gehen. Das Wetter ist eher kühl, es ist ruhiger als in den vergangenen Jahren.
Amor macht diese Arbeit seit fünf Jahren. In Workshops, erzählt er, hat er gelernt, wie man mit Menschen in akuten Krisen umgehen muss. Daran habe er sich erst gewöhnen müssen, denn natürlich sei man überfordert, wenn man sich um eine Person kümmere, die gerade K.-o.-Tropfen verabreicht bekommen habe. Dann gilt es, erklärt Amor, klar und zugewandt zu kommunizieren, so gefasst wie möglich zu bleiben. Der Rest sei Fingerspitzengefühl, auch in welcher Weise und mit welchen Begriffen nach Bedürfnissen gefragt wird. „Einer hat zu mir auch mal gesagt: Red’ mal normal“, sagt Amor lachend.
Im Team unterwegs zu sein, schützt die Awareness-Leute, so können sie einander helfen und füreinander einspringen, falls es überfordernd wird. Nach jedem Einsatz gibt es eine Nachbesprechung – damit niemand mit unangenehmen Empfindungen allein bleiben muss.
Was tun bei einer Ketamin-Überdosis?
Immer wieder üben die Mitglieder in Rollenspielen unterschiedliche Szenarien, auch den Umgang mit Drogen. Etwa: bei einer Überdosis Ketamin nichts zu trinken oder essen geben, weil das Mittel die Schutzreflexe des Körpers aushebelt und das Risiko droht, zu ersticken. Manche könnten sich so in einem Schutzraum erholen, statt mit einer Überdosis vom Gelände zu fliegen. „Wir sind wie das Wattebällchen zwischen Festivalbesucher und Security“, sagt Amor.
Amor identifiziert sich als Mann. Er weiß, dass er gerade im Fall sexualisierter Übergriffe vielleicht manchmal nicht der richtige Ansprechpartner für Betroffene ist. Deshalb ist er immer im Team mit einer FLINTA-Person unterwegs. Wenn eine Person einen Übergriff erlebt, geht es in der Awareness-Arbeit immer um die Sicht der Betroffenen, nicht darum, die Täter- und Opferperspektive abzugleichen. Amor und seine Kolleg*innen kümmern sich darum, die betroffene Person im Zweifel an einen ruhigen Ort zu bringen, ihr zu glauben und sie zu unterstützen. Die Security wird ebenfalls verständigt, sie kümmert sich dann darum, was mit der Person geschieht, von der die Grenzüberschreitung ausgegangen sein soll.
Zur Awareness-Arbeit gehört allerdings auch, kein festes Protokoll abzufahren, sondern sich flexibel auf die Bedürfnisse von Betroffenen einzustellen. Heißt: Wer erst später bereit ist, über den Vorfall zu reden, kann jederzeit noch mal auf die Awareness-Mitarbeitenden zugehen.
Nur 65 Fälle – eine ruhige Nacht
Durch die Arbeit im Team fühlt sich Amor mittlerweile kaum mehr überfordert, sagt er. Nur manchmal, wenn er privat feiern gehe, müsse er noch abschütteln üben, dass er gerade nicht im Dienst sei.
Irgendwann fängt es an zu regnen, Hamburg eben. Einige Menschen verlassen früher als gedacht das Gelände. Abgesehen von dem Rausschmiss wegen des Hausverbots passiert an diesem Abend wenig. Im Laufe der Nacht, erzählt Teresa Hähn später, gab es noch einige Fälle von Unterkühlung, Erschöpfung und Überforderung. Insgesamt 65 Fälle haben sie beim Habitat betreut, weniger als vergangenes Jahr. Grenzüberschreitendes Verhalten oder sexualisierte Übergriffe gab es nur wenige, berichtet sie.
Das utopische Ziel, sagt Teresa Hähn, sei, dass sich Awareness-Arbeit selbst abschaffe. Weil alle so sensibilisiert sind, dass sie aufeinander achten. Da sind wir noch lange nicht, sagt sie. „Aber wir arbeiten fleißig darauf hin.“
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Titelbild: Marvin Contessi @ctssi – Ashe Lucy Schaub @aaaaaaaaashe / HABITAT