„Ich wollte die Zweifel ins Schreiben mitnehmen“
Kaleb Erdmann hat als Schüler den Amoklauf von Erfurt miterlebt und nun einen Roman darüber geschrieben. Im Interview erzählt er, warum er so lange dafür gebraucht hat und wie das Buch in Erfurt aufgenommen wurde
Elf Jahre war Kaleb Erdmann alt, als ein 19-Jähriger am 26. April 2002 in Erdmanns Erfurter Gymnasium 16 Menschen und anschließend sich selbst erschoss. In „Die Ausweichschule“ versucht Erdmann, sich jenem Tag zu nähern.
fluter.de: Kaleb Erdmann, eine Frage, die sich der Erzähler in deinem Buch immer wieder stellt, lautet, ob er über den Amoklauf schreiben darf, weil er nicht weiß, ob er betroffen genug oder vielleicht sogar zu betroffen ist, weil er den Täter, aber keine Toten gesehen hat. Wie hast du jenen Tag erlebt?
Kaleb Erdmann: Ich habe wie der Erzähler damals zwar den Täter, aber keine Gewalt gesehen, daher auch diese Fragen, wer diese Geschichte überhaupt erzählen darf.
Du hast eine autofiktionale Erzählweise gewählt, das heißt, es gibt autobiografische Überschneidungen zwischen dir und deinem Erzähler. Wie viel von dir steckt in ihm?
Diese Figur hat einiges mit mir zu tun – wir teilen viele Punkte unserer Biografie und natürlich auch, dass wir beide den Amoklauf erlebt haben. In meinen Augen erfüllt der namenlose Erzähler meines Buches aber mehr das Klischee eines leidenden Schriftstellers als ich. So schwer das Zugehen auf diese Tat für mich manchmal war, bin ich niemand, der an der Literatur leidet. Ich nehme Schreiben, auch bei den schweren Themen, immer als produktiv wahr, als das Lösen eines Knotens.
Wie bist du mit der Gefahr umgegangen, schaulustig zu wirken?
Ich wollte die Zweifel, warum ich die Tat erzähle und wie voyeuristisch dies möglicherweise ist, ins Schreiben mitnehmen und auch an die Leser:innen weitergeben. Mir war sehr wichtig zu schauen, wo ich fiktionalisiere und wo nicht. Beim Ereignis selbst war klar, dass ich mich aus Respekt vor den Opfern und Angehörigen bemühe, exakt zu bleiben. Andererseits wollte ich den genauen Tathergang nicht beschreiben, um eben keinen Voyeurismus zu bedienen. Es wäre allerdings unmöglich gewesen, die Geschichte ohne den Täter Robert Steinhäuser zu erzählen. Heute werden Täter in den Medien häufig nicht mehr namentlich genannt. Damals aber wurde Robert Steinhäuser medial zu einer dunklen Person gemacht, die als bedrohliche Figur zu diesem Komplex gehört. Ich hätte die Geschichte nicht erzählen können, ohne auch ihn zu thematisieren.
Schule und Erinnerungsort: Das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, an dem vor 23 Jahren 16 Menschen ermordet wurden
Eine recht große Rolle im Buch nimmt ein Dramatiker ein. Er will ein Theaterstück über Amokläufe inszenieren und interviewt den Erzähler dafür mehrfach, was ihn dazu bringt, sich tiefer mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Später sieht er auch das Stück des Dramatikers. Wie wichtig war diese weitere Fiktionsebene für dich?
Die war absolut wichtig, weil es, wie gesagt, auch um die Frage geht, wie nah man dran ist. Der Dramatiker ist insofern interessant, weil er gar nicht betroffen ist und auf eine zupackende Art Kunst aus dem Amoklauf machen will. Die Uneindeutigkeiten, auf die der Erzähler auch wegen der Frage nach der Verlässlichkeit seiner eigenen Erinnerungen stößt, sind für den Dramatiker aufgelöst, der von außen recherchiert und sich nur die Fakten anschaut.
Im Roman spricht der Erzähler mit einem einzigen Zeitzeugen, einem früheren Freund.
Ich hatte ein Gespräch mit einem ehemaligen Schulkameraden, auf dem diese Szene basiert. Ich hatte die Entscheidung getroffen, nicht die erwachsenen Akteure der Geschichte – Lehrer, Eltern – einzubeziehen. Aber natürlich musste ich nach Erfurt fahren, weil ich nicht alles aus den eigenen Gedanken schöpfen konnte. Kindliche Erinnerungen sind anders als die von Erwachsenen, und ich wollte ebendiese Distanz ausmessen. Ab einem bestimmten Punkt muss man sich konfrontieren, so weh es tut, einen Reality-Check machen.
„Zeit heilt nicht automatisch, man muss dafür arbeiten. An diesen Punkt kommt auch mein Protagonist: Die Arbeit ist nie vorbei.“
Was sagst du zu dem Spruch, dass die Zeit alle Wunden heilt?
Ich habe viel darüber nachgedacht, stehe dem aber ratlos gegenüber. Um zu versuchen, eine Antwort zu geben: Sie heilt nicht automatisch, man muss dafür arbeiten. An diesen Punkt kommt auch mein Protagonist: Die Arbeit ist nie vorbei. Aber diese Unabgeschlossenheit kann auch eine Ressource für die Erinnerung sein.
Wie sehr ist „Die Ausweichschule“ auch eine Geschichte über Ostdeutschland?
Hier fragte ich mich beim Schreiben auch, ob ich der Richtige sei, diese Geschichte zu erzählen – ein Wessi, der in den Osten ging, etwas erlebte, wieder wegzog und dann darüber schreibt (Erdmann stammt aus Westdeutschland und lebte als Kind von 2000 bis 2003 in Erfurt, Anm. d. Red.). Wie sehr bin ich Teil dessen und wie sehr Außenstehender? Vieles an dem Amoklauf ist, das kann man zum Beispiel im Buch „Für heute reicht’s“ von Ines Geipel nachlesen, mit ostdeutschen Befindlichkeiten verschmolzen: dem Gefühl des Ausgeschlossenseins und der Frage, warum der Amoklauf gerade dort passiert ist. Mich freut deswegen, dass mein Buch in Thüringen so viel rezipiert wird.
Wie waren denn die Reaktionen in Erfurt bisher?
Sehr freundlich, aber auch sehr genau. Kurz nach der Veröffentlichung hatte ich dort meine erste Lesung, und zunächst herrschte eine große Stille im Raum, die ich als bedrückend empfand. Nachdem ich dann aber einige Passagen gelesen hatte, entstand ein Verständnis dafür, was das für ein Buch ist, dass es auch Humor hat und von Unsicherheiten und Alltäglichem erzählt. Es wurde klar, was es eben nicht tut: in die Stadt zu walzen und eine eigene Narration über die Geschichte zu legen. Einige Leute hatten es richtig durchgearbeitet und bestimmt 200 Post-its im Buch. Dafür bin ich dankbar, weil das heißt, dass es in Zustimmung wie auch Kritik ernst genommen wird.
Kaleb Erdmanns „Die Ausweichschule“ ist im Verlag park x ullstein erschienen.
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