Ein bunter Collage-Mix aus Stadtmotiven, Sandschlössern, ausgeschnittenen Figuren und übergroßen Kinder- und Plätzchenelementen in einer surrealen Spielszenen-Landschaft, im Zentrum ein Au-Pair, dass die Szenerie umarmt

So ist es, ich zu sein: Au-pair in Deutschland

Seit September lebt die US-Amerikanerin Abbigael Mace, 21, bei einer Familie in Braunschweig. Hier erzählt sie, was sie dort macht, was sie vermisst und was in Deutschland anders ist

Protokoll: Stefanie Witterauf
Thema: Arbeit
4. Dezember 2025

Es war mitten in der Nacht, zwei Uhr, als ich googelte: Wie kann ich als junge Frau ohne viel Geld ins Ausland? 

Zu Hause in den USA hatte ich angefangen, Philosophie, Geschichte und Literatur zu studieren, aber das war alles nicht das Richtige für mich. Bevor ich etwas Neues studiere, wollte ich erst mal ein Gap Year machen. Ich landete auf einer Seite, die Au-pairs an Familien vermittelt. Perfekt, dachte ich. Als Älteste von fünf Geschwistern war ich es gewohnt, auf Jüngere aufzupassen, während der High School hatte ich in einer Vorschule gejobbt. Noch in derselben Nacht registrierte ich mich auf der Plattform. Als ich am nächsten Tag aufwachte, wollten mich bereits zwei Familien kennenlernen. 

Sechs Wochen und zwei Telefonate später ging es schon los. Zuerst flog ich zu einer Familie nach Frankreich, in die Normandie. Gleichzeitig hatte ich mich noch für eine längere Stelle in Deutschland im Anschluss beworben. 

Mein Vater arbeitete beim amerikanischen Militär als Helikopterpilot, meine Familie ist deshalb oft in andere Bundesstaaten umgezogen. Daher war ich schon häufig in einer unbekannten Situation und hatte bei meiner Reise nach Europa keine Angst davor, an einen anderen Ort zu ziehen. Obwohl es etwas anderes ist, wenn man die Sprache nicht versteht. 

„Wir haben im Vorhinein häufiger miteinander via Videocall gesprochen, um zu schauen, ob alles passt. Das ist bei einem Jahr wichtig“

Die zwei Monate in Frankreich fand ich sehr schön. Die Familie hat mich vom Flughafen abgeholt, wir haben zusammen zu Abend gegessen, und ich habe erst einmal alle kennengelernt. Die Kinder haben mir kleine Geschenke überreicht. Alle haben sich Mühe gegeben, dass ich mich von Anfang an wohlfühle. Die Eltern haben mit mir Englisch gesprochen, und die Kinder beherrschten es auch ein bisschen, weil sie schon mal eine Au-pair aus den USA hatten. 

Nach den zwei Monaten in Frankreich trat ich die zweite Au-pair-Stelle in Deutschland an. Anders als mit der französischen Familie hatten wir im Vorhinein schon häufiger miteinander via Videocall gesprochen, um zu schauen, ob alles passt. Das ist bei einem Jahr wichtiger als bei ein paar Monaten. 

Die Vermittlung hat unkompliziert über die Plattform funktioniert. Ich zahlte dafür nichts, anders ist es bei Agenturen, die üblicherweise Geld kosten. Über den Stundenlohn oder die Arbeitszeiten musste ich nicht verhandeln. In Deutschland gibt es etwa sehr spezifische Gesetze für Au-pair-Jobs, von denen ich profitiert habe. Zum Beispiel ist geregelt, dass ich maximal 30 Stunden pro Woche arbeiten darf und Anspruch auf ein Mindesttaschengeld habe. 

Seit September 2025 lebe ich jetzt in einem Vorort von Braunschweig. Die deutsche Familie hat zwei Kinder, einen einjährigen und einen vierjährigen Jungen. Besonders bei dem Kleinkind hat es ein bisschen gedauert, bis wir uns angenähert haben, es war nicht so leicht wegen der Sprachbarriere. Die Eltern sprechen mit ihm Deutsch, ich soll ihm Englisch beibringen, indem ich mich einfach mit ihm unterhalte. Ein paar Wörter wie Apfel, Birne, Banane kennt er schon. 

„Für die Lebensmittel und die Miete muss ich nichts zahlen. Auch für die Kosten fürs Deutschlandticket und meine Versicherung kommt die Familie auf. Zudem verdiene ich 500 Euro pro Monat“

Am Tag arbeite ich ungefähr sechs Stunden. Normalerweise übernehme ich am Vormittag das Baby. Der Vierjährige ist dann in der Kita, die Mutter nutzt die Zeit für Erledigungen und Termine. Ich füttere den Einjährigen, spiele mit ihm oder gehe kurz spazieren. Mittags essen wir zusammen, meistens mit der Mutter. Ich helfe beim Kochen oder Schnibbeln, räume die Küche auf und spiele dann drinnen mit dem Baby oder gehe mit ihm auf den Spielplatz, und wir buddeln im Sandkasten. Wenn der Vierjährige aus der Kita kommt, übergebe ich das Baby an die Mutter und kümmere mich um das ältere Kind: Zu Halloween haben wir Deko gebastelt, gerade arbeiten wir an einem Fotoalbum, und ich freue mich schon auf die Weihnachtszeit, wenn wir Plätzchen backen. 

Die Einkäufe erledigt die Mutter. Für die Lebensmittel und die Miete muss ich nichts zahlen. Auch für die Kosten fürs Deutschlandticket und meine Versicherung kommt die Familie auf. Zudem verdiene ich 500 Euro pro Monat. Um als Au-pair nach Deutschland zu kommen, musste ich einen Sprachtest im Level A1 bestehen. In Frankreich büffelte ich deshalb abends Vokabeln und Grammatik. In Braunschweig besuche ich zweimal die Woche einen Sprachkurs. Ich bin auf jeden Fall die jüngste Teilnehmerin – mit Abstand. Nach dem Unterricht spreche ich eigentlich nie mit jemandem von den anderen. 

An den Wochenenden habe ich frei und versuche, etwas vom Land oder Europa zu sehen. Ich bin schon nach Prag und Venedig gereist. Dieses Wochenende fahre ich mit einer befreundeten Au-pair nach München. Sie ist auch US-Amerikanerin, und ich habe sie über gemeinsame Bekannte kennengelernt. Neue Kontakte habe ich auch in einer Facebook-Gruppe für Au-pairs gefunden. Ich telefoniere jeden Tag mit Freundinnen oder Freunden, meinem Freund und meiner Familie. 

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich daheim etwas verpasse, wenn meine kleinen Geschwister etwas Neues lernen oder wenn mir meine Freundinnen von einer Party erzählen. Einige von ihnen werden bald ein Auslandssemester in Italien machen. Wir schmieden schon gemeinsame Reisepläne. 

„In den USA gibt es keine Work-Life-Balance. Alles muss schnell gehen: Essen, Arbeiten, Alltag. In Europa kochen Familien mehr, essen zusammen, und es ist normal, pünktlich Feierabend zu haben“

Trotzdem hatte ich schon Heimweh. Besonders in Deutschland. Ich komme aus einem kleinen Ort in den USA. So viele Optionen zu haben, was ich in meiner Freizeit machen kann, bin ich nicht gewohnt. Gleichzeitig genieße ich, dass ich viele neue Sachen erlebe, Orte sehe und Eindrücke bekomme. Ich hatte großes Glück mit den Gastfamilien bisher. Ich weiß, dass nicht jeder so viel Glück hat, und es gibt auch Familien, die das System ausnutzen und ihre Au-pairs ausbeuten. Bei mir ist das zum Glück nicht der Fall! 

Am meisten überrascht mich, welche unterschiedliche Geschwindigkeit das Leben hier hat. In den USA gibt es keine Work-Life-Balance. Alles muss schnell gehen: Essen, Arbeiten, Alltag. In Europa kochen Familien mehr, essen zusammen, und es ist normal, pünktlich Feierabend zu haben. In den USA gibt es immer irgendwo Fast Food, man kann auch rund um die Uhr einkaufen gehen. Dass in Deutschland Supermärkte sonntags geschlossen sind und manche Läden um acht zumachen, fand ich am Anfang absurd. 

Ein neues Zuhause ist Braunschweig für mich nicht geworden. Vielleicht noch nicht, denn ich bin ja erst ein paar Monate hier. In einem Jahr gehe sicher zurück nach Virginia. Und vielleicht irgendwann wieder an die Uni.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Illustration: Renke Brandt