Liebe Fische, ihr müsst jetzt bitte ganz stark sein
Astrologie-Apps und Insta-Reels deuten dir die Sterne – und deinen Charakter. Warum funktioniert diese Pseudowissenschaft so gut?
Empathisch, liebenswert, kreativ. Ein verträumter Gefühlsmensch, genau wie Olivia Rodrigo oder Jamal Musiala. Du bist Sternzeichen Fische? Dann mag das vielleicht ganz nach dir klingen, ist aber Quatsch.
Unsere Sternzeichen stammen aus einer Zeit, in der Astronomie (die Wissenschaft, die die Physik des Weltalls untersucht) und Astrologie (die Deutung der Sterne) noch eins waren. Sie wurden vor rund 2.500 Jahren in Mesopotamien festgelegt. Die Babylonier beobachteten, wo die Sonne im Laufe eines Jahres am Himmel steht, teilten den Sternenhimmel dahinter in zwölf Teile und ordneten jedem ein Sternbild zu.
Seitdem hat sich allerdings die Position der Erdachse verändert. Denn die Erde eiert, ganz leicht nur, aber auf Dauer verschiebt das unsere Sicht auf die Sterne. Der Tierkreis hat sich inzwischen um etwa ein ganzes Zeichen verschoben: Wo früher im März der Fisch stand, ist nun der Wassermann zu sehen.
Wer hat's erfunden? Die alten Griechen!
Den Babyloniern wäre das egal gewesen. Sie beobachteten Planetenbewegungen, um Ernten vorherzusagen, und strukturierten ihren Kalender mithilfe der Tierkreiszeichen. Auf die Idee, die könnten die Persönlichkeit eines Menschen beeinflussen, kamen erst die antiken Griechen.
Heute ist Astrologie allgegenwärtig. In Memes, Horoskopen, Apps. Laut einer repräsentativen Umfrage von 2021 liest gut die Hälfte der Deutschen Horoskope, und mehr als die Hälfte glaubt, dass ihre Persönlichkeit mit ihrem Sternzeichen zusammenhängt.
Belege dafür gibt es nicht. Das Sternzeichen beeinflusst weder die Intelligenz noch den Charakter oder das Scheidungsrisiko. Und auch Weltereignisse wie der Tod der Queen lassen sich nicht anhand der Sterne vorhersagen. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) untersucht solche Prognosen regelmäßig. 2024 kam sie – wieder mal – zu dem Schluss: Astrologinnen und Astrologen haben keine „hellseherischen Fähigkeiten“.
Warum erkennen sich trotzdem so viele in diesen Eigenschaften und Vorhersagen wieder? Womöglich, weil sie psychologisch ansprechend sind. Horoskope begegnen uns als Balsamtexte („In dieser Woche erwarten Sie tolle Veränderungen“). Und sind oft so formuliert, dass sich darin möglichst viele wiederfinden („Sie haben die Tendenz, selbstkritisch zu sein“). Die Psychologie nennt das den Barnum-Effekt. Dazu kommt der sogenannte Confirmation Bias: Menschen neigen dazu, sich Informationen so zu suchen und zu interpretieren, dass sie bestehende Überzeugungen bestätigen. So kann sich die Bedeutung des eigenen Sternzeichens verfestigen, es wird ein Teil der Identität.
Astrologie verspricht einfache Lösungen
„Viele Menschen erleben, dass Astrologie ihnen hilft“, sagt Christoph Bördlein, Psychologieprofessor und Mitglied des Wissenschaftsrats der GWUP. Sie unterstützt uns (scheinbar) im Alltag, im Job, beim Dating, sie kann Gemeinschaft fördern und verspricht einfache Lösungen. Das macht Astrologie attraktiv, gerade in Krisenzeiten. Während der Coronapandemie trendeten Sternzeichen-Memes, Millionen checkten auf der App Co-Star ihr Horoskop.
Daran lässt sich gut verdienen. Marktforschungsinstitute schätzen, dass der weltweite Markt für Astro-Dienstleistungen bis 2031 auf knapp 20 Milliarden Euro wächst. Den Boom begründen die Marktforscher unter anderem mit dem „Wunsch der jüngeren Generation nach Hilfe von außen“. Der ist gerade in Zeiten politischer Unsicherheit stark. Studien zeigen, dass Menschen besonders empfänglich für Astrologie sind, wenn sie einen Kontrollverlust erlebt haben.
Christoph Bördlein sieht darin ein Problem. „Die Kontrolle, die Astrologie verspricht, ist eine Illusion.“ Man könne Horoskope mit einem Augenzwinkern lesen. „Wer aber tatsächlich glaubt, dass die Sterne das Handeln bestimmen, vertritt ein unwissenschaftliches Weltbild und gibt Verantwortung ab.“
Denn ihre pauschalen Lösungen können auch schaden: weil sie Lebensumstände ignorieren oder Menschen trennen, die angeblich nicht zueinander passen. Während wir zum Mond fliegen können, Exoplaneten und die Entstehung unseres Universums entschlüsseln, bleibt eine Pseudowissenschaft wie die Astrologie präsent. Das verrät mehr über unsere Zeit als über die Kraft der Sterne.
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Titelbild: Murat Aslan