Vorderreifen eines Fahrrads und Oberkörper einer Person mit orangefarbenem Rucksack und schwarzer Lederjacke

Sie fahren am Limit

Fahrradkuriere prägen das Bild deutscher Großstädte. Sie bringen Essen, bringen Einkäufe – und werden ausgebeutet. Wie hart ihre Arbeit ist, haben uns vier von ihnen erzählt

Protokolle: Anne Waak und Fotos: Christian Werner
Thema: Arbeit
6. August 2026

Ali*, 22

Ich bin im Oktober 2025 aus Gujrat in Pakistan nach Berlin gekommen, um Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. Der Beruf ist mein Traum und der meiner Eltern. Doch für mein Studium brauche ich Geld. Ich habe versucht, einen anderen Job zu finden, arbeite jetzt aber leider für ein Subunternehmen, das Kurierfahrer*innen an große Lieferdienste vermittelt – ich habe dort keinen Vertrag bekommen. Ich habe keine Ahnung, wer mein Vorgesetzter ist, ich habe nur eine WhatsApp-Nummer und einen Namen.

„Ich habe keine Ahnung, wer mein Vorgesetzter ist, ich habe nur eine WhatsApp-Nummer und einen Namen“

Wie viel ich verdiene, hängt direkt davon ab, wie viele Fahrten ich mache – also unter anderem von der Jahreszeit und dem Wetter. Aber sie geben dir ein Wochenziel, sagen wir 400 oder 500 Euro Umsatz, das sind etwa 80 bis 90 Fahrten.

Um unsere Gesundheit müssen wir uns selbst kümmern. Im Winter bin ich mit meinem Fahrrad mehrmals gestürzt. Auch wenn ich nicht arbeiten kann, wird mir mein Verdienst gekürzt. Aber heute ist mein letzter Tag als Fahrer, ab sofort arbeite ich als Küchenhilfe in einem Restaurant – mit Vertrag.

Lenker eines Fahrrads mit großer, wattierter Lenkerhandschuhhülle

Vikram*, 29

Ich stamme aus Indien, aus der Nähe von Delhi, und bin hierhergekommen, um meinen Master in Finance & Investments an einer privaten Wirtschaftshochschule zu machen. Auf meiner Liste standen auch Länder wie England, Kanada und Australien, aber ein Freund sagte, hier in Deutschland sei es großartig. Ich solle nur vorher Deutsch lernen.

Ich dachte, mit meinem guten Englisch finde ich hier schnell einen Job. Aber wie sich herausstellt, ist die Sprachbarriere riesig. Es ist mein drittes Jahr in Deutschland, ich habe schon für diverse Lieferdienste gearbeitet. Das Unternehmen, für das ich aktuell arbeite, bietet den Vorteil, dass ich mich jederzeit in eine App ein- und ausloggen kann – also arbeiten, wenn es mir passt. Aber was den Druck und die schlechte Bezahlung angeht, fühle ich mich dort um Längen schlechter als bei allen anderen, und das will was heißen.

Wobei ich nicht für den Lieferdienst direkt arbeite, sondern für einen sogenannten Flottenpartner. Der behält einen Teil meines Verdiensts ein. Und vom Rest muss ich alles bezahlen, sogar mein Fahrrad und die Liefertasche.

„Wenn ich mit meiner Familie zu Hause spreche, erzähle ich ihnen nichts von meinen Problemen. Sie setzen eine Menge Hoffnung in mich“

Letztes Jahr habe ich mich an einem Streik von Kurierfahrer*innen beteiligt und wurde aus meiner Flotte geschmissen. Nach zwei Monaten fing ich wieder an. Das hat etwas von einer toxischen Beziehung. Die Chefs der Flotten nennen sich Daniel oder Jack, aber das sind nicht ihre richtigen Namen. Von denen bekomme ich eine Nachricht, in der es heißt, ich solle zu dieser oder jener Adresse kommen. Dann kriegen wir einen Umschlag mit Bargeld ausgehändigt – wie bei einem Drogengeschäft.

Viele fragen sich vielleicht, mit wem wir Kuriere auf dem Fahrrad die ganze Zeit telefonieren. Oft mit anderen Fahrern oder Freunden. Wir sind viel auf der Straße, fahren immer dieselben Strecken, das wird schnell langweilig. Wenn ich mit meiner Familie zu Hause spreche, erzähle ich ihnen nichts von meinen Problemen. Sie setzen eine Menge Hoffnung in mich. Mittlerweile habe ich mein Studium beendet und plane, eine Ausbildung im Bereich Finanzen anzufangen – und Deutsch zu lernen. Vielleicht eröffne ich irgendwann einen Laden.

Hinterrad eines Fahrrads mit Kettenantrieb und mehreren gelben Reflektoren

Savio*, 42

Bevor ich nach Berlin zu meiner deutschen Partnerin gezogen bin, habe ich in London gelebt und dort Geografie und Internationale Beziehungen studiert. Als Kurierfahrer arbeite ich jetzt seit sechs Jahren bei der selben Firma. Ich bin auch deswegen noch dabei, weil ich mich in einem Kollektiv engagiere, das eine Mischung aus Gewerkschaft und Betriebsrat darstellt. Wir fordern bessere Arbeitsbedingungen: Direktanstellung, eine faire Bezahlung, bezahlte Krankentage, Urlaub.

Ich bin einer der Fahrer*innen, die einen unbefristeten direkten Vertrag haben und Mindestlohn verdienen. Aber wir werden immer weniger. Der Lieferdienst, für den ich arbeite, lagert derzeit so viele Kurierfahrer*innen wie möglich an Subunternehmer aus, um seine Kosten und Verpflichtungen weiter zu minimieren.

„Damals war es die Ostindien-Kompanie, heute heißen die multinationalen Konzerne bloß anders als früher. Was gleich geblieben ist: Sie beuten Menschen aus dem Globalen Süden aus“

Doch bei den Subunternehmen, den sogenannten Flottenpartnern, ist es noch schlechter. Ich habe gehört, dass manche von ihnen Fahrer*innen über Wochen und Monate nicht bezahlen und gewalttätig werden, wenn sie ihr Geld einfordern.

Ich stamme aus Goa, einem Teil von Indien, der 450 Jahre unter portugiesischer Herrschaft stand – Pioniere in Sachen Sklavenhandel. Damals war es die Ostindien-Kompanie, heute heißen die multinationalen Konzerne bloß anders als früher. Was gleich geblieben ist: Sie beuten Menschen aus dem Globalen Süden aus. Der Kolonialismus ist nie zu Ende gegangen, er sieht heute nur anders aus.

Lenker eines Fahrrads mit befestigtem Smartphone, auf dem eine Kartenansicht angezeigt wird

Beniwal*, 24

Ich bin jetzt gerade im Dienst, verdiene aber nichts, solange ich nichts ausliefere. Manchmal warte ich zwei oder drei Stunden. Ich arbeite offiziell für einen Lieferdienst, tatsächlich aber für ein Subunternehmen.

Ich komme aus dem nordindischen Bundesstaat Haryana und bin 2024 für ein Studium nach Berlin gekommen. Für die Studiengebühren von 12.700 Euro habe ich einen Kredit aufgenommen, den ich immer noch abbezahle – plus Zinsen. Ich teile mir eine Zweizimmerwohnung von 60 Quadratmetern Größe mit drei weiteren Personen, sie kostet 1.550 Euro Miete. Insgesamt habe ich mehr als 1.000 Euro monatliche Fixkosten.

„Wenn sie wüssten, dass ich dieses Interview gebe, würden sie mich wohl bedrohen“

Mit meinem Studentenvisum darf ich in den Vorlesungszeiten 20 Stunden in der Woche arbeiten, mein Verdienst als Kurierfahrer deckt meine monatlichen Kosten nicht. Um die Differenz auszugleichen, nehme ich manchmal Putzjobs an. Ich esse niemals unterwegs und nur ein Mal am Tag, um Geld zu sparen. Manchmal gibt mir ein Freund, der in einem Dönerladen arbeitet, ein Fladenbrot für 50 Cent.

Deutschland ist ein gutes Land, ich möchte legal hier arbeiten und Steuern zahlen. Der Job selbst ist nicht das Problem, sondern die Mittelsmänner. Ich denke: Die sind eine Art Mafia. Wenn sie wüssten, dass ich dieses Interview gebe, würden sie mich wohl bedrohen. Ein Kollege hat neulich anonym mit der Presse gesprochen. Um herauszufinden, wer das war, haben die Chefs in der WhatsApp-Gruppe 5.000 Euro für Hinweise ausgelobt.

 

* Damit sie keine Probleme bei ihrer Arbeit bekommen, haben wir die Namen der Kurierfahrer anonymisiert

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