Ist da wer?
Fremdes Leben im All ist sehr wahrscheinlich, glaubt die Exopsychologin Steffi Pohl. Unklarer ist, wie wir Menschen auf einen Erstkontakt reagieren
fluter: Glauben Sie an Aliens?
Steffi Pohl: Ja. Außerirdisches Leben ist sehr wahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie viele Milliarden Planeten es gibt und wie viele davon vermutlich lebensfreundliche Bedingungen haben. Ich stelle mir dieses Leben aber nicht vor wie in Alien-Filmen, sondern als mikrobakterielles Leben in kleinsten Formen.
Wie suchen wir denn nach Hinweisen auf Leben außerhalb der Erde?
In Erdnähe mit Expeditionen. Auf dem Mars sammelt derzeit etwa ein Rover Gesteinsproben, die sicher zur Erde gebracht werden sollen. Andere Missionen fliegen an Eismonden vorbei und untersuchen die Eiskrusten auf Spuren von Leben. Bei weit entfernten Orten nutzt man Spektroskopie, eine Methode, die am Licht, das Planeten reflektieren, erkennt, welche Moleküle dort vorhanden sind.
Bis jetzt fehlen Beweise, dass es da draußen Leben gibt.
Und trotzdem glauben sehr viele Leute daran.
Wäre die Menschheit denn auf einen Erstkontakt vorbereitet?
Kaum. An den technischen Möglichkeiten wird intensiv gearbeitet, aber was so ein Kontakt gesellschaftlich bedeuten würde, wird kaum diskutiert. Wie würden die Menschen reagieren? Was passiert mit ihrem Weltbild und der Wahrnehmung der eigenen Existenz? Welche Einstellung hätten sie gegenüber dem anderen Leben? Welche ethischen Richtlinien legen wir hierfür an? Es gibt überhaupt keine allgemeingültigen Regeln, wie wir in einem solchen Fall verfahren. Wir sollten uns aber vorbereiten, gerade jetzt, wo immer mehr private Missionen starten, die nicht zwingend staatlicher Kontrolle unterliegen.
„Ein wissenschaftlicher Hinweis auf außerirdisches Leben hätte durchaus das Potenzial, die Gesellschaft zu spalten“
Auch um die Bevölkerung zu beruhigen?
Viele könnten panisch reagieren, wenn Außerirdische landen. Das wird allgemein so angenommen. Es gibt ein berühmtes Hörspiel von Orson Welles, „Krieg der Welten“. Als es 1938 in den USA im Radio gespielt wurde, berichtete die Boulevardpresse von Aufständen, weil die Menschen dachten, es seien wirklich Aliens gelandet. Später hat man sich noch mal die Fakten angeguckt.
Und?
Keine Staus, keine überfüllten Notaufnahmen, keine Plünderungen. Ich denke, die meisten Menschen sind von Grund auf interessiert. Andererseits sehen wir, dass die Menschen in Krisenzeiten anfälliger für paranormale Überzeugungen sind, für Verschwörungsmythen. Ein wissenschaftlicher Hinweis auf außerirdisches Leben hätte also durchaus das Potenzial, die Gesellschaft zu spalten.
Das Fremde wird oft als bedrohlich empfunden, das geht ja vielen schon auf der Erde so.
Interessant ist, dass Studien großes Interesse und sehr positive Einstellungen gegenüber der Suche nach außerirdischem Leben zeigen, obwohl das viel fremdartiger ist. Das könnte daran liegen, dass wir vor allem darüber sprechen, dass wir Menschen da draußen etwas finden, uns neue Räume erschließen. Dieses Schema sehen wir auch in Migrationsfragen: Wir reisen gern und interessieren uns für andere Kulturen. Aber wenn andere zu uns kommen, geht es plötzlich um Ressourcen, ums Teilen, und wir sehen vor allem die Gefahren.
Die gesellschaftlichen Reaktionen hängen also vor allem davon ab, wie der Erstkontakt erfolgt?
Absolut. Besuchen die Aliens uns oder wir sie? Finden wir Hinweise auf früheres außerirdisches Leben? Ist das weit entfernt oder innerhalb unseres Sonnensystems? Finden wir Mikroben oder intelligentes Leben? Bringen wir Proben davon zur Erde? Je näher uns solche Entdeckungen kommen und je intelligenter das Leben ist, das wir finden,desto stärker werden unsere Reaktionen ausfallen.
„Die Menschheit erzählt sich selbst gern als Eroberer. Von anderen entdeckt zu werden, könnte uns verunsichern“
Ist es vertretbar, etwas aus dem All auf die Erde zu holen?
Das wird diskutiert. Etwa wegen der Proben vom Mars. Wie bringt man die auf die Erde, ohne dass man die Proben zerstört und ohne dass etwas entfleucht? Solche „Planetary Protection“-Maßnahmen gelten aber auch andersherum: Wenn wir auf den Mars fliegen, schleppen wir vielleicht Mikroben ein, die die Umwelt dort zerstören. Oder die wir fälschlicherweise für Leben auf dem Mars halten. Fakt ist: Wenn es nicht NASA oder ESA sind, die Proben holen, tun es Weltraumagenturen anderer Länder oder private Anbieter. Technisch gibt es bereits hervorragende Lösungen.
Wo würde man solche Proben oder sogar Lebewesen unterbringen?
In Laboren mit hohen Sicherheitsvorkehrungen. Wenn die NASA etwas zurückbringt, landet es wohl in den USA. Die ESA betont, ihr sei wichtig, dass die Bevölkerung offen dafür ist, solche Proben in ihrer Nähe zu wissen.
Gab es dazu Umfragen?
Kaum. In den USA wurde in Gegenden befragt, in denen Aufnahmestationen entstehen könnten. Die waren positiv. Wenn Leute dagegen waren, ging es ihnen weniger um Sicherheitsbedenken als darum, dass sie das Geld lieber in Lösungen für Klimaprobleme, Kriege oder Armut auf der Erde investiert sähen als in andere Welten.
Wie würden Sie reagieren, wenn wir morgen extraterrestrischem Leben begegnen?
Als Wissenschaftlerin wäre das natürlich spannend. Bei intelligentem Leben wäre ich aber gern vorbereitet – und vorsichtig. Die Menschheit erzählt sich selbst gern als Eroberer. Von anderen entdeckt zu werden, die uns vielleicht überlegen sind, könnte uns ziemlich verunsichern und kulturelle Missverständnisse in ganz anderen Dimensionen aufwerfen.
Im Einstein-Zirkel „Exploring otherness on Earth and beyond“ untersuchten Prof. Dr. Steffi Pohl und andere Forschende, wie die Menschheit auf „alien life“ reagieren würde (und sollte).
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Titelbild: Jamie Lee Taete