Einmal Star und zurück
Als Jugendlicher spielt Alex Schulte für Borussia Dortmund und ist auf dem Weg zum Fußballprofi – bis er wegen seiner Verletzungen aufhört. Eine ziemlich gesunde Entscheidung
Am Morgen nach dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf beugt sich Alexander Schulte über das Waschbecken seines Zimmers im Internat. In wenigen Tagen beginnt in Frankreich die Europameisterschaft 2016, und das ist das Ziel von Alex, 17, Außenverteidiger, genannt Schulle, und von allen anderen Jungs hier im Internat von Borussia Dortmund: einmal dabei sein auf der ganz großen Fußballbühne.
Dortmunds Männermannschaft ist gerade Vizemeister geworden, sie wird Champions League spielen und ihren Profis aberwitzige Gehälter zahlen. Auch das ist ein Ziel der jungen Fußballer: dass es sich irgendwann auszahlt, wie sehr sie Fußball lieben, dass sie zweimal am Tag trainieren, ihre Wochenenden auf Fußballplätzen und in Reisebussen verbringen. Dass sich der ganze Aufwand lohnt.
Profifußballer werden ist nicht schwer, es ist fast unmöglich. Millionen Kinder wollen genau das, und fast alle scheitern. Nicht weil sie es nicht genug wollten, sondern weil Talent ein Gerücht ist, das sich nur rumspricht, wenn die Umstände stimmen. Überall lauern Gefahren: bessere Gegenspieler, Trainer, die in einem Laufleistungen und Dribblings sehen, aber keinen 17-Jährigen mit seinen Unsicherheiten, Gefühlen und oft auch: Verletzungen.
Erst der Rücken …
Zurück zum Waschbecken und zu Alex. Am Tag zuvor hat er kurz vor der Halbzeitpause ein heftiges Ziehen über dem Steißbein gespürt. Alex konnte anschließend nicht mehr voll durchziehen beim Sprint, blieb aber auf dem Platz: Die Saison lief zu gut, um sich jetzt einfach auswechseln zu lassen. Tabellenführer in der B-Junioren-Bundesliga, zwölf Spiele, vier Torvorlagen, ein Sonderlob von Dortmunds Boss Hans-Joachim Watzke. Er steht kurz vor dem Sprung aus dem Internat in den Profifußball. „Und dann“, sagt Alex, „ließ mich mein Körper im Stich.“
Sein Nervensystem spielt verrückt, die Rückenmuskeln verkrampfen, oberhalb seines Steißbeins fängt Alex’ Körper an zu zittern. Er klammert sich am Waschbecken fest, humpelt zur Schule und anschließend zum Physiotherapeuten. Diagnose: unklar. Heute vermutet Alex, dass er damals einen Bandscheibenvorfall hatte.
Es ist nicht das erste Mal, dass sein Körper ihm die Grenzen aufzeigt. Als Sechsjähriger tun ihm nach einem Turnier die Oberschenkel so weh, dass ihn die Ärzte ins MRT schicken. Achtmal drückt er aus Platzangst den Notknopf, noch schlimmer sind nur die Tage ohne Fußball danach. Mit 15, Alex läuft als Kapitän der Jugendnationalmannschaft auf, reißen ihm Muskeln im Hüftbeuger. Ein furchtbarer Schmerz, es folgt das erste richtige Rehatraining. Auch das ist Fußball auf höchstem Niveau, es sieht nur keiner: Verletzungen, Schmerzen, monatelanges Aufbautraining allein. Und im schlimmsten Fall: das Ende des Lebens, auf das man seit Jahren hintrainiert. Oder in Alex’ Fall: das Ende des Traumes von diesem Leben.
Sein Weg ist mit der Rückenverletzung nicht beendet. Alex versucht noch zwei Jahre, wieder fit zu werden. Gesundheit und Profisport, das ist ein sensibles Konstrukt. Man belastet zu früh und erleidet eine Folgeverletzung. Man verpasst ein paar Spiele und rennt seiner alten Form hinterher. Man sieht Trainer den Glauben verlieren und Manager die Anschlussverträge verweigern.
… und dann auch noch der Knöchel
Im Dezember 2017, eineinhalb Jahre nach dem Morgen am Waschbecken, blockt Alex im Training einen Schuss. Er knickt dabei so blöd um, dass sich in seinem Knöchel ein Stück Knorpel löst. Tut weh. Richtig weh. Europameisterschaft, Champions League, Westfalenstadion: Das alles rückt mit dieser Verletzung in noch weitere Ferne.
Kurz vor seiner ersten Saison als Spieler der zweiten Mannschaft kündigt Dortmund seinen Vertrag. Alex ist 19. Dass er jetzt nicht einfach den Verein wechselt, liegt wohl daran, dass er seine Chancen schon damals realistisch einschätzen kann. „Mit viel Glück hätte es für die dritte Liga gereicht. Mit noch mehr Glück wäre ich bis Ende 20 Fußballer geblieben“, sagt Alex, der heute 27 ist, keinen Fußball mehr spielt, dafür studiert und eine eigene IT-Firma gegründet hat. „Ich war nicht gut genug und hatte einfach nicht den Körper für Profisport.“
Drei Jahre hat Alex nach dem Ende beim BVB gebraucht, um sich einen neuen Platz im Leben zu suchen. Mit wenig Wehmut über seinen geplatzten Traum. Und einigen Plänen. Er war für ein paar Monate in Australien, er schrieb sich für ein Architekturstudium ein, dann für Wirtschaftsinformatik. Heute lebt er mit einem lädierten, aber insgesamt gesunden Körper. Den Alex durch die Jahre im Leistungssport so gut kennt, dass er sich den Gang zum Physiotherapeuten heute spart. Er kennt die Übungen eh besser. Und die Risiken auch. Neulich wollten seine Kumpels Padeltennis spielen. „Ich hab dreimal überlegt, ob ich das meinem Rücken zumuten kann“, sagt Alex. Hat er dann getan. Und es nicht bereut.
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Titelbild: IMAGO / Eibner