Sex ohne Sexismus
Serien schauen, ohne dass Sex aussieht wie in einem Porno? Ohne dass Frauen sexualisiert werden? Die fluter.de-Redaktion empfiehlt sieben Serien, die Sex so divers zeigen, wie er wirklich ist
Fleabag
Fleabag ist in ihren Zwanzigern, masturbiert am liebsten zu Reden Barack Obamas und hat auch sonst viel Sex. „Ich bin nicht besessen von Sex“, sagt sie, „ich kann nur nicht aufhören, darüber nachzudenken. Die Performance, die Unbeholfenheit, das Drama.“ Die Serie zeigt „standardmäßiges Rumgehüpfe“, sehr viel schlechten Sex und seltener auch guten. Was sie nicht zeigt, ist der weibliche Körper als Objekt der Begierde. Den oft besprochenen „männlichen Blick“ kehrt Phoebe Waller-Bridge, Hauptdarstellerin und Macherin von „Fleabag“, um in einen weiblichen. Nacktheit sieht man sowieso nicht viel und wenn, dann geht es um das Erleben der Protagonistin. Auch buchstäblich ändert Fleabag die Blickrichtung: Immer wieder schaut sie direkt in die Kamera und kommentiert sarkastisch, was gerade geschieht. Zum Beispiel, wenn sie im Bett mit einem Typen liegt, der über den gemeinsamen Analsex mit so einem heiligen Ernst spricht, dass sie nichts als Spott für ihn übrig hat. Fleabags Sarkasmus ändert nichts an ihren Verhältnissen, aber es hat etwas Selbstermächtigendes, einer Frau dabei zuzuschauen, wie sie immer das letzte Wort hat. (Luise Checchin)
Atypical
Die Coming-of-Age-Serie „Atypical“ begleitet den autistischen Sam Gardner auf seiner Suche nach Liebe, Intimität und seinem Platz in der Welt. Statt ihn und seine Erfahrungen für platte Witze zu inszenieren, zeigt die Serie ein sensibles Herantasten an erste körperliche Nähe, aber auch pubertäre Unsicherheiten und manchmal verfehlte Kommunikation. In seiner Beziehung mit Paige wird auch sie nicht als passiv, sondern als ehrgeizig und extrovertiert gezeigt. Sie formuliert ihre Wünsche und setzt Grenzen – manchmal zu hart. Parallel zu Sam entwickelt seine Schwester Casey Gefühle für eine Mitschülerin und setzt sich mit ihrer queeren Identität auseinander. „Atypical“ erzählt einfühlsam und lustig vom Erwachsenwerden, aber hat auch Kritik für seine Darstellung von Autismus erhalten. Liebe und Sexualität werden jedoch respektvoll gezeigt. Selbst Sams bester Freund Zahid, der erst als klischeehafter Macho dargestellt wird, hat tiefe Unsicherheiten. (Elena Tara Bavandpoori)
In der Serie "Big Mouth" wird einem Sexualkunde ungehobelt untergejubelt
Big Mouth
In der fiktiven Welt der Zeichentrickserie „Big Mouth“ bekommt eine Gruppe Teenager in den USA mit Einsatz der Pubertät jeweils ein Hormonmonster zur Seite gestellt. Dieses soll sie wie ein (mal mehr, mal weniger qualifizierter) Coach heil durch diese verwirrende Zeit bringen. Die Zeichentrickserie erzählt von den Teenagern Andrew, Jessi, Nick, Jay und Missy, die mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen zu kämpfen haben: ungewollte Erektionen, die erste Periode, Queerness, Dating, Sex, Scham oder Depressionen. So schwer die Themen manchmal sind, so derb und humorvoll ist die Erzählweise: Hier wird einem Sexualkunde ungehobelt untergejubelt. Und wer mit Zeichentrick gar nichts anfangen kann, der schaut alternativ einfach „Sex Education“. (Johanna Warda)
Please Like Me
In der Serie „Please Like Me“ geht es um Josh, der seine Sexualität und sich selbst entdeckt und gleichzeitig versucht, mit den Krisen seiner getrennten Eltern und Freund:innen klarzukommen. Sex kommt in der Serie immer wieder vor, und wird – ähnlich wie in Lena Dunhams Serie „Girls“ – ziemlich realistisch dargestellt. Die Serie begleitet Josh bei seinen ersten schwulen Sexerfahrungen, die nicht ohne Probleme stattfinden. Er und seine Freund:innen haben guten, schlechten und oft ziemlich unbeholfenen Sex. Immer wieder versuchen sie, durch Sex mit anderen Unsicherheiten umzugehen, und haben Angst davor, nicht liebenswert genug zu sein. Neben Sex geht es in der Serie aber auch um Themen wie Liebe, Depressionen, Trauer, Suizid oder Schwangerschaftsabbrüche. Dabei werden gängige Klischees nie einfach reproduziert. Als Zuschauer:in kann man sich in allen Figuren wiedererkennen – auch wenn sie stellenweise nervig, egoistisch oder stur sind. (Steven Meyer)
Schon 1985 sprachen die vier "Golden Girls" in der Serie über Männer, Beziehungen uns Sex
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Golden Girls
Vier ältere Frauen, die in einer WG in Miami leben und offen über Männer, Beziehungen und Sex sprechen? Als die Sitcom „Golden Girls“ 1985 startete, war das für viele Zuschauer:innen ungewohnt. Die Serie um Dorothy, Rose, Blanche und Sophia behandelt Sexualität im Alter nicht als Pointe, sondern als selbstverständlichen Teil des Lebens. Während Blanche offen über ihr Liebesleben und ihre zahllosen Affären spricht, erzählt Rose ihre Erfahrungen oft naiv und voller absurder Ernsthaftigkeit. So geht es um Lust, Erwartungen und Begehren – Dinge, die sonst meist jüngeren Figuren vorbehalten sind. Gleichzeitig greift die Serie ernste Themen wie Altern, Einsamkeit, die Aids-Krise oder die Schwierigkeiten des Datings im Alter auf. Dorothys enorme Schulterpolster mögen inzwischen aus der Zeit gefallen sein – die Themen und der Humor der Serie sind es nicht. (David Doerrast)
The L Word
Dass im TV gezeigt wird, wie Frauen mit Frauen schlafen, war zur Erstausstrahlung 2004 nicht das Bahnbrechende an „The L Word“, einer Serie über eine queere, hauptsächlich lesbische Freundinnengruppe in L.A. Bahnbrechend war, für wen sie Sex hatten (für sich), wie sie Sex hatten (so verschieden wie in der Realität) und wie oft (sehr, sehr oft). Die lesbische Showrunnerin Ilene Chaiken beschrieb Sex zwischen Frauen nicht als zusammenhangloses Spektakel für den male gaze, sondern als Teil der emotionalen Entwicklung ihrer Charaktere. Die Figuren schlafen miteinander bei Hook-ups, zur Versöhnung, als Ausdruck von tiefer Liebe oder oft einfach aus Begehren. Und trotzdem: Der Sex von Bette, Tina, Shane, Alice und Jenny ist poliert, selbstbewusst und erotisch – eher ein lesbisches „Sex and the City“ als die realere Darstellung à la „Girls“ oder „Fleabag“. Dass lesbischer Sex so selbstverständlich ist, machte die Serie damals besonders – und das eigentlich bis heute. An anderen Stellen hat die Serie schmerzhafte Fehler gemacht, vor allem bei der Darstellung von Transpersonen und beim Thema Bisexualität. (Kristina Ratsch)
Girls
Vier junge Frauen, Mitte 20, in New York – erinnert verdächtig an „Sex and the City“. Doch hier endet der Vergleich auch schon. Statt sich über Männer, Sex und Luxus Gedanken zu machen, versuchen Hannah, Marnie, Shoshanna und Jessa aus „Girls“, irgendwie durch ihre Zwanziger zu kommen. Es geht um Freundschaft, erste Wege in die Berufswelt, Liebe und natürlich um Sex. Der ist mal naiv, mal zärtlich, mal kinky, absurd, hart – also genauso unterschiedlich, wie Sex eben sein kann, dafür nie sexistisch oder wie ein Porno inszeniert. Stattdessen entlarvt die Serie die gesellschaftlichen Vorstellungen, wie Sex auszusehen hat. Zum Beispiel, wenn Hannah beim sexy Rollenspiel mit ihrem Lover unbeholfen nach Anweisungen fragt, weil sie es selbst absurd zu finden scheint. Lena Dunham, die Hannah spielt, die Serie geschrieben und zum Teil Regie geführt hat, zeigt ihren Midsize-Körper regelmäßig nackt. Und damit auch, dass nicht alle Frauen wie Models aus Werbungen aussehen. (Noelle Konate)
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