Person mit langen Haaren steht auf einer Straße und blickt zu einem Hochhaus mit Rauchwolke am oberen Teil

Wo warst du an 9/11?

Vor 25 Jahren ereignete sich der Terroranschlag auf das World Trade Center in New York. Jonah, Elias und Ulrike waren damals Jugendliche. Hier erzählen sie, wie sie sich an den Tag und seine Folgen erinnern

Protokolle: Amadeus Marzai
11. September 2026
„Ich erinnere mich an eine sehr angespannte, traurige Zeit in New York. Gleichzeitig gab es aber auch ein tiefes Gefühl von Solidarität in der Stadt“

Am 11. September 2001 war Jonah 18 Jahre alt und gerade zum Studieren aus Boston nach New York gezogen. Heute arbeitet er in der Verwaltung für die Stadt New York.

Es war meine zweite Woche am College. Ich wohnte im 10. Stock eines Studentenwohnheims im Norden Manhattans. An dem Dienstagmorgen weckte mich meine Mutter aus Boston über das Festnetztelefon, ein Handy hatte ich damals noch nicht. Sie rief an, um sich zu vergewissern, dass ich nicht zufällig am World Trade Center war. Im Fernsehen sahen mein Mitbewohner und ich dann, was los war.

Das gegenüberliegende Zimmer auf unserer Etage war nach Süden ausgerichtet, mit Blick auf die Twin Towers. So sahen wir aus knapp 13 Kilometern Entfernung, wie der zweite Turm des World Trade Centers kollabierte. Das war schrecklich und entsetzlich anzusehen. Schon in dem Moment war mir bewusst: Das ist nicht das Ende von etwas, sondern der Anfang – dass die USA danach ganz sicher jemanden bombardieren werden.

Was passierte am 11. September 2001

Am 11. September 2001 verübte die islamistische Terrororganisation al-Qaida den bisher folgenreichsten Terrorakt in der jüngeren Geschichte. Neunzehn Terroristen erlangten mit Gewalt die Kontrolle über die Cockpits von vier Linienflugzeugen in den USA. Zwei der Maschinen schlugen in die gut 400 Meter hohen „Zwillingstürme“ des World Trade Centers ein – ein Bürokomplex in New York. Eine Maschine steuerten die Terroristen in den Westteil des Pentagons – den Sitz des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums. Das vierte Flugzeug wurde von den Terroristen in Richtung Washington, D.C., gelenkt und stürzte auf einem Feld in Pennsylvania ab. Insgesamt starben bei den Attentaten knapp 3.000 Menschen, davon 2.753 Menschen im World Trade Center und seiner Umgebung, 184 beim Anschlag auf das Pentagon und 40 in dem vierten Flugzeug.

Während die Menschen aus Downtown flohen, war es bei uns in Uptown extrem ruhig. Als wir später in der Nähe über den Broadway liefen, fuhren keine Autos, nur wenige Läden waren geöffnet. Es war ein sonniger Spätsommertag, während man gleichzeitig aus Downtown riesige Rauchwolken aufsteigen sah, das war surreal.

Niemand wusste, was los war. Die Menschen waren völlig verunsichert. Erst nach Tagen sortierte sich das alles ein wenig. Und dann waren da noch all die Menschen, die verzweifelt nach ihren Angehörigen suchten. Das war furchtbar.

Die Stimmung in New York in der Zeit danach lässt sich schwer in Worte fassen. Aber ich erinnere mich an eine sehr angespannte, traurige Zeit: an die schwelenden Ruinen der zwei Türme. An den Rauch und Staub, der wochenlang über der Stadt hing. Es dauerte eine Ewigkeit, bis alles aufgeräumt war. Gleichzeitig gab es aber auch ein tiefes Gefühl von Solidarität in der Stadt.

Die Auswirkungen zeigten sich schon kurze Zeit später. Es wurde eine Sonderregistrierung für Menschen aus zwei Dutzend mehrheitlich muslimischen Ländern angeordnet, sodass sich vor einem Regierungsgebäude in Downtown lange Schlangen von Einwanderern bildeten. Wenig später läuteten die USA den weltweiten Kampf gegen den Terror ein und führten die Kriege in Afghanistan und Irak an.

 

„Meine Mitmenschen sahen in mir aufgrund meines Aussehens erst einmal den Feind“

Elias Naeb war am 11. September 2001 17 Jahre alt und ging in die 12. Klasse. Er ist Sohn afghanischer Eltern und in Bremerhaven geboren und aufgewachsen. Heute arbeitet er als Sozialpädagoge.

An dem Nachmittag habe ich mit meinem Vater einen Schrank in meinem Kinderzimmer aufgebaut. Nebenbei lief RTL auf dem Fernseher. Als das Programm von einem Nachrichtenmoderator für die aktuelle Berichterstattung unterbrochen wurde, war unsere erste Reaktion: Schock. Auch weil eine Cousine von mir in einem der Zwillingstürme gearbeitet hat. Meine Familie konnte sie nicht erreichen, weil die Telefonleitungen in den USA völlig überlastet waren. Erst nach einigen Tagen stellte sich heraus, dass sie rechtzeitig evakuiert worden war.

Ich erinnere mich, dass eine der ersten Vermutungen in den Nachrichten war, dass es sich um eine japanische Terrorgruppe handeln könnte. Ein paar Jahre zuvor hatte es den Giftgasanschlag auf die U-Bahn in Tokio gegeben. Doch dann kam heraus, dass die islamistische Terrorgruppe al-Qaida dahintersteckte. In der Gesellschaft fand daraufhin eine neue Verknüpfung von Islam und Terror statt.

Meine Eltern kommen aus Afghanistan, wo al-Qaida unter ihrem Anführer Osama bin Laden ihren größten Stützpunkt hatte – ich habe die Folgen dieses neuen Denkens selbst zu spüren bekommen. Etwa an vorwurfsvollen Blicken im Bus, wo der Platz neben mir nach dem 11. September meist leer blieb. Meine Mitmenschen sahen in mir aufgrund meines Aussehens erst einmal den Feind. Ich hörte auch Sätze wie: „Du stammst aus Afghanistan? Afghanistan ist gleich bin Laden.“

Mehrere Menschen laufen durch eine staubverhangene Straße zwischen hohen Gebäuden, ihre Gesichter und Kleidung sind mit Staub bedeckt

Der Staub war noch tage- und wochenlang allgegenwärtig in Manhattan

Foto: Jason Florio/Redux/laif

Ein Mitschüler, der damals für eine große Partei in der Lokalpolitik aktiv war, sagte, als Rache müsse man jetzt Mekka wegbomben. Durch solche Aussagen entstand eine Verbundenheit zwischen uns „Schwarzköpfen", wie wir uns nannten, aus den umliegenden Sekundarschulen. Wir trafen uns als Gruppe, in der wir uns über solche diskriminierenden Erfahrungen austauschten. Das Gefühl des Nichtdazugehörens, das ich von Geburt an in Deutschland kannte, wurde durch 9/11 massiv verstärkt.

Aber ich hatte Glück mit einem coolen Geografielehrer. Er bat mich, eine Präsentation über Afghanistan zu halten, um ein anderes Bild meines Herkunftslands zu zeigen als das mediale. Das hat die Stimmung in meiner Klasse etwas aufgebrochen, meine Mitschüler haben das Land nicht mehr per se mit Krieg und Konflikt gleichgesetzt. Und ebenso wenig die Menschen, die aus dem Land kommen. Im Abibuch stand später, ich sei der „Diplomat“ gewesen. Ich habe versucht, nichts persönlich zu nehmen und zu allen Kontakt zu halten.

Doch das Gefühl der Isolation hat sich bis heute tief in mir festgesetzt. Ich fühlte mich schuldig, ohne etwas getan zu haben. Es gab in meinem muslimischen Umfeld auch Leute, die sich dann als Gegenreaktion auf die Diskriminierung plötzlich mit ihrem Glauben oder ihrer Herkunft überidentifiziert haben. Auf einmal waren sie überzeugte Muslime oder zum Beispiel Anhänger von Erdoğan.

 

„Ich spürte eine große Hilflosigkeit und vor allem große Angst vor einem dritten Weltkrieg“

Ulrike Schmieder war am 11. September 2001 16 Jahre alt, wohnte in Sonneberg, Thüringen, und machte gerade eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten. Sie arbeitet bis heute in diesem Beruf.

Als die Meldung bei uns in der Kanzlei im Radio lief, horchten alle sofort auf, und wir haben das Radio lauter gemacht. Als das zweite Flugzeug einschlug, war klar: Das ist ein Terroranschlag. Schock, Angst und Unsicherheit machten sich breit. Nach der Arbeit saß ich noch bis abends mit Freunden in einem Café, wo die ganze Zeit ein Fernseher mit Nachrichten lief. Es fühlte sich an wie das Ende der Welt. Ich spürte eine große Hilflosigkeit und vor allem große Angst vor einem dritten Weltkrieg.

Als der Vergeltungskrieg der USA begann, fand ich das superschlimm. Meine Angst: Ziehen da alle Länder mit? Müssen jetzt plötzlich alle Männer in den Krieg? Was bedeutet das für uns in Deutschland und vor allem für meine Familie? Dieser Tag hat mir meine kindliche Naivität genommen. Ich bin viel wachsamer geworden und habe darauf geachtet: Steht irgendwo ein Koffer, eine Tasche, verhält sich jemand komisch? Bei größeren Menschenansammlungen hielt ich nach möglichen Ausgängen Ausschau. Später überlegte ich oft, ob ich überhaupt hingehen sollte. Das war vorher nie ein Thema gewesen.

Als ich später nach Berlin gezogen bin, bin ich aus der U-Bahn sogar mal wieder ausgestiegen, als ein Mann im traditionellen Gewand – das mich an bin Laden erinnerte – und langem Bart einstieg. Ich dachte mir: Ach, ich nehme lieber die nächste. Danach habe ich mich aber total ertappt gefühlt. Weil ich in den Momenten meine eigenen rassistischen Vorurteile erkannt habe.

Mit dem 11. September verbinde ich große Trauer und Bestürzung. Noch heute steigen mir Tränen in die Augen, wenn ich die Bilder des Tages aus New York sehe. Vor zwei Jahren war ich zum allerersten Mal in New York. Als ich zu den Hochhäusern hochschaute und ein Flugzeug recht tief vorbeiflog, stockte mir für einen Moment der Atem. Am Ground Zero – dem Ort, an dem einst die Türme standen – diese riesigen Löcher zu sehen, all die Namen der Opfer zu lesen, war unglaublich bedrückend. Anlässlich des 18. Geburtstags einer meiner Söhne fliege ich bald wieder hin und werde ihn mit ins 9/11 Memorial Museum nehmen. Er hat großes Interesse bekundet. Ich weiß, dass es hart wird, und ich werde weinen müssen, aber das ist Zeitgeschichte.

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Titelbild: Andrew Lichtenstein/Corbis via Getty Images