Szene aus dem Film "23 000 Leben": Ein Schlauchboot mit mehreren Menschen in Rettungswesten nähert sich einem überfüllten blauen Boot mit winkenden Personen auf offenem Meer

Was tun?

Die NGO „Jugend rettet“ half Geflüchteten in Seenot auf dem Mittelmeer und stand dafür in Italien vor Gericht. „23 000 Leben“ erzählt ihre Geschichte nun als Spielfilm. Kann das funktionieren?

Von Kathrin Hollmer
Thema: Kultur
24. Juli 2026

Worum geht’s?

Im Jahr 2015 engagiert sich Lukas neben seinem Job im Supermarkt ehrenamtlich für Geflüchtete. Als sich Nachrichten über Menschen häufen, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken, will er nicht länger dabei zusehen. Aus der vagen Idee, mit einem Boot loszufahren und Menschen aus dem Meer zu retten, wird ein konkreter Plan. Trotz Bedenken seiner Familie und seiner Freundin Kitty sucht Lukas Mitstreiter:innen und findet sie unter anderem in seiner Mitbewohnerin Nina und im Fotografen Mauro. Gemeinsam gründen sie die NGO „Jugend rettet“, starten eine Crowdfunding-Kampagne, kaufen und restaurieren ein altes Schiff. Unter anderem mit der Kapitänin Viola, der Ärztin Su und dem erfahrenen Seenotretter Sören stechen sie auf der „Iuventa“ (lat.: Jugend) in See. Bald treffen sie auf Menschen in überfüllten, nicht seetauglichen Schlauch- und Holzbooten, evakuieren sie und helfen ihnen, nach Europa zu kommen. Im Wasser kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen, außerdem werden sie von bewaffneten libyschen Milizen bedroht.

Szene aus dem Film "23 000 Leben": Mehrere Mitglieder der NGO "Jugend rettet" sitzen entspannt im Halbkreis auf einem Boot und unterhalten sich

Da hat er aber etwas angestoßen: Lukas (Louis Hofmann, ganz rechts) mit seiner Crew

Worum geht’s eigentlich?

Junge Menschen, die nicht nur schockiert und wütend sind über die Situation im Mittelmeer, sondern selbst aktiv werden. Sie stellen sich die Frage, was sie angesichts des Sterbens im Mittelmeer tun wollen: Es geht um den Mut, sich für die eigenen Überzeugungen einzusetzen – und das Gefühl, allein damit zu sein.

Wie wird’s erzählt?

Die Perspektive bleibt klar bei den Rettenden, was schade ist. Wie Lukas und seine Mitstreiter:innen losziehen, ohne Erfahrung auf See oder gar in der Seenotrettung, scheint anfangs naiv, der Film schafft es aber, ihren Idealismus und ihre Entschlossenheit spürbar zu machen. Die Kamera ist nah an ihnen dran bei gefährlichen Rettungsaktionen, wenn sie über geglückte Missionen jubeln, aber auch wenn sie verzweifelt sind, weil sie Menschen nicht retten können. „23 000 Leben“ ist berührend, packend und zum Teil voller Pathos. Wenn etwa Geflüchtete wie Lamin und Rose zu Wort kommen und wiederholt ihren Dank äußern, ist das nachvollziehbar, gerät aber ein wenig ins Kitschige. Außerdem wird bisweilen etwas viel erklärt. Die Situation im Mittelmeer bekommt man als Zuschauer:in über Radionachrichten, eingeblendete Fernsehbilder und in der Geflüchtetenunterkunft mit, zusätzlich schildert Lukas aus dem Off die Lage und sagt, dass er helfen will, als man das schon längst verstanden hat.

Eine Person mit Rucksack steht am Ufer und blickt auf ein Schiff, das schwarzen Rauch ausstößt

Die „Iuventa“ gab es wirklich. 2017 wurde sie von italienischen Behörden beschlagnahmt

Die Hintergründe des Films:

Inspiriert ist „23 000 Leben“ von wahren Begebenheiten. Die NGO „Jugend rettet“ gab es wirklich, innerhalb eines Jahres sei sie nach eigenen Angaben an der Rettung von 23.000 Menschen aus dem Mittelmeer beteiligt gewesen. Im August 2017 wurde die reale „Iuventa“ von den italienischen Behörden beschlagnahmt und die Crew vor Gericht gestellt; zu den Anklagepunkten gehörte unter anderem, dass sie mit libyschen Schleusern zusammengearbeitet hätte. Die „Beihilfe zur irregulären Einreise“ ist laut einer EU-Richtlinie strafbar. 2024 wurde die Crew in allen Anklagepunkten freigesprochen. Das Schiff wurde zurückgegeben, war jedoch inzwischen nicht mehr seetüchtig.

NGOs wie „Jugend rettet“, die sich für zivile Seenotrettung einsetzen, wird immer wieder – auch in juristischen Auseinandersetzungen – vorgeworfen, sie würden mit Schleppernetzwerken kooperieren oder Menschen dazu verleiten, die gefährliche Überfahrt anzutreten, weil sie sich durch die Anwesenheit von Rettungsschiffen sicher wähnen (der sogenannte „Pull-Effekt“). Organisationen, die sich für Seenotrettung einsetzen, werfen europäischen Regierungen und der EU-Kommission wiederum eine Kriminalisierung ihrer Arbeit vor. Der Pull-Effekt konnte bisher wissenschaftlich nicht belegt werden.

Grundsätzlich sind alle Schiffe auf See verpflichtet, Schiffbrüchige zu retten. Seenotrettung und Hafeneinfahrt sind aber rechtlich verschiedene Dinge: Staaten wie Italien haben das Recht, einem Schiff mit Geretteten die Hafeneinfahrt zu verweigern. Wenn Schiffsbesatzungen sich darüber hinwegsetzen, können sie sich strafbar machen. Seit Juni regelt übrigens ein neues Gemeinsames Europäisches Asylsystem (GEAS) den Umgang mit Asylantragstellenden an den EU-Außengrenzen. Das betrifft auch Menschen, die aus Seenot gerettet werden.

Mehrere Schwarze Männer mit ernsten Gesichtern stehen dicht beieinander und blicken in dieselbe Richtung, einer trägt eine helle Schirmmütze

Die Geflüchteten spielen im Film leider nur eine Nebenrolle, der Fokus ist klar bei der Crew der „Iuventa“

Gut zu wissen:

Die meisten der Geflohenen im Film werden von echten Geflüchteten gespielt. Um einer Retraumatisierung entgegenzuwirken, gab es Coachings, Empowerment-Workshops und Proben vor den Drehtagen.

Das Drehbuch von Oliver Ziegenbalg entstand in Zusammenarbeit mit dem Dokumentarfilmer Michele Cinque, der die reale Crew der „Iuventa“ über ein Jahr lang begleitet hat. Sein Film „Iuventa“ kam 2018 ins Kino.

Lohnt sich das?

Auf jeden Fall, der Film regt zum Nachdenken an. Aus der medialen Aufmerksamkeit ist Seenotrettung fast verschwunden, doch noch immer sterben Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer oder werden vermisst. Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge war das erste Quartal 2026 mit fast 1.000 Opfern einer der tödlichsten Jahresanfänge auf den Mittelmeerrouten seit Beginn der Erfassung 2014. Zwar gibt es bereits die Dokumentation von Michele Cinque, aber als Spielfilm erreicht das Thema noch einmal mehr Menschen.

„23 000 Leben“ läuft bei Netflix.

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Fotos: Courtesy of Netflix © 2024