Golden Girl
Gunda Pauckner ist 100 Jahre alt und hat neben Krieg und Mauerfall auch viele Feste miterlebt. Hier verrät sie, warum ihr Feiern auch im Alter wichtig ist
fluter: Wie haben Sie Ihren 100. Geburtstag gefeiert?
Gunda Pauckner: Kräftig! Wir waren 21 Leute in einer Gaststätte in Nürnberg – meine Neffen, ihre Familien und Bekannte. Es war aufregend, auf mein langes Leben anzustoßen. Ich kann es ja selbst kaum glauben.
Was ist die erste Geburtstagsfeier, an die Sie sich erinnern können?
Da war ich vielleicht fünf oder sechs. Früher ist das nicht so groß gefeiert worden. Man hat eine Kleinigkeit bekommen, vielleicht ein Stück Kuchen, und hat sich gefreut. Das lief nebenbei.
Anfang 1933, kurz nach Ihrem siebten Geburtstag, kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Wie haben Sie das erlebt?
Als Kinder haben wir „Heil, heil“ gerufen, wenn die beim Reichsparteitag in Nürnberg aufmarschiert sind. Wir kannten es nicht anders – das war für uns halt der „Führer“. Gefeiert wurde da nicht. Im Rückblick war das einfach nur furchtbar.
Haben Sie während des Zweiten Weltkriegs überhaupt noch Geburtstag gefeiert?
An Geburtstage hat damals niemand gedacht, da fielen die Bomben. Mit 14 kam ich aus der Schule ins Pflichtjahr, nach der Lehre zum Arbeitsdienst. Wir wurden am Horchgerät, einem Richtungshörer, ausgebildet, um Flieger anzupeilen, und standen nachts Wache. Feiern kam uns nicht in den Sinn. Wir waren froh, wenn einmal kein Alarm war. Wir haben ja keine Nacht durchgeschlafen.
Sich sehen, gemeinsam essen – das macht ein gutes Fest aus, sagt Gunda Pauckner
Hat es Ihnen gefehlt, unbeschwert zu sein?
Wir sind eben so aufgewachsen. Ich war eigentlich schon immer ein fröhlicher Mensch. Aber Geld war keines da, und der Krieg hat uns diese Jahre genommen. Mein älterer Bruder ist mit 22 Jahren gefallen. Das war eine furchtbare Zeit.
Wollte man nach Kriegsende 1945 erst recht das Leben feiern?
Sicher haben wir uns gefreut. Aber Nürnberg war völlig zerstört, wir waren ausgebombt und hatten nichts zum Anziehen. Ich habe in einem Kaufhaus für wenig Geld die Woche Schutt geräumt. Aber ab und zu sind wir losgezogen. Bei einem Tanzabend habe ich mit 21 meinen Mann kennengelernt. Er war bei der Marine und hatte überlebt.
Wie sahen später die Feste in den Wirtschaftswunderjahren der 1950er-Jahre aus?
Als wir 1950 geheiratet haben – wir waren danach 62 Jahre lang verheiratet –, haben wir mit über 30 Leuten in unserer kleinen Wohnung gefeiert. Dafür wurden die Möbel ausgeräumt, das Wirtshaus hat Bänke geliefert und die Mütter und Tanten haben Klöße gerollt. Die jungen Männer haben drei Klöße auf einmal gegessen – wir waren ja alle noch völlig ausgehungert. Aber wir mussten sparen. Weggehen wie die Jugend heute gab es nicht, dafür fehlte das Geld.
„Schätzt eure Freiheit, lebt euer Leben und feiert, solange ihr jung seid! Im Alter zehrt man von diesen Erinnerungen“
Lange war das Bild der Frau stark von traditionellen Pflichten geprägt und ihre gesellschaftliche Eigenständigkeit sehr eingeschränkt. Wie haben Sie diese Rolle als Frau damals erlebt?
Unterdrückt gefühlt habe ich mich nie, ich hatte einen guten Mann. Aber als er mal scherzte, ich hätte zu früh aufgehört zu arbeiten, habe ich mir heimlich eine Stelle als Schuhverkäuferin gesucht. Ich habe ein Jahr gearbeitet, bis wir uns das erste Auto kaufen konnten. Den Führerschein habe ich mir selbst bezahlt.
1968 gingen die jungen Leute auf die Straße, 1989 fiel die Mauer. Haben Sie solche historischen Ereignisse mitgefeiert?
Solche großen politischen Feste waren nie unsere Welt. Die 68er gingen an uns vorbei – wir wollten am Wochenende nach den harten Jahren einfach in die Natur. Beim Mauerfall haben wir uns natürlich riesig gefreut, weil mein Mann endlich seine alten Kameraden aus dem Osten wiedersehen konnte.
Wenn Sie heute im Fernsehen junge Menschen beim Feiern sehen: Was denken Sie?
Ich freue mich für sie und denke mir, dass das für uns damals auch schön gewesen wäre. Gleichzeitig hoffe ich, dass nie wieder ein Krieg kommt. Ich kann nur sagen: Schätzt eure Freiheit, lebt euer Leben und feiert, solange ihr jung seid! Im Alter zehrt man von diesen Erinnerungen.
Haben Sie denn noch Freundinnen aus alten Zeiten?
Nein, keine mehr, ich habe alle überlebt. Meine Jugendfreundin ist mit 34 gestorben, eine andere mit 67. Dass ich dafür meine Neffen und deren Frauen habe, ist mein ganz großes Glück. Wenn ich sie nicht hätte, wäre ich ganz verloren.
Nach allem, was Sie erlebt haben: Was macht für Sie ein wirklich gutes Fest aus?
Dass ich nicht allein bin. Sich sehen, gemeinsam essen. Dass wir heute in Frieden und Sicherheit zusammenkommen können, ist ein großes Geschenk.
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