Steine lügen nicht. Diese Erfahrung machte Frank Herfort auf seinen langen Reisen durch Russland. Wohin er auch kam, immer wieder stieß der deutsche Fotograf auf Wolkenkratzer, die ihm merkwürdig vorkamen. Wuchtig, goldverspiegelt und eigenartig verschnörkelt waren sie. Einige standen breitbeinig in der Landschaft rum, andere schraubten sich verwegen in die Höhe, manche beherrschten grimmig die Plätze, an denen sie gebaut worden waren. Sie sahen auch nicht aus wie Wolkenkratzer in Amerika oder Europa. Nicht mal wie die in China. Das Bemerkenswerte aber war: Sie waren allesamt neu – entstanden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

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So gar keine Angst vor architektonischen Ordnungswidrigkeiten: Das Gebäude der Verkehrspolizei von Kasan  (Frank Herfort)
So gar keine Angst vor architektonischen Ordnungswidrigkeiten: Das Gebäude der Verkehrspolizei von Kasan (Frank Herfort)

Herfort lebt heute in Berlin und Moskau. Seine Fotoserie „Imperial Pomp: Post Soviet Highrise“ zeigt entsprechend mehr als eine spezifisch postsowjetische Bauform. Sie kartografiert die russische Seelenlandschaft. Und sie stellt Fragen: Wie hat das Land die Umwälzung der letzten Jahre verkraftet? Den Abstieg der Sowjetunion, den Aufstieg der Kaste der Oligarchen.

Die Riesengebäude, so scheint es in der Fotoarbeit Herforts, sind der architektonische Ausdruck eines postimperialen Phantomschmerzes, der das Land tief verunsichert hat. Als müsste der Verlust der Größe mit diesen bisweilen grotesk großen Gebäuden kompensiert werden. Auch wenn sie etwas Überdimensioniertes und Grobes haben, wirken sie zugleich nostalgisch. Mit ihren Türmchen und Pilastern erinnern sie wohl nicht zufällig an den Zuckerbäckerstil der Stalin-Zeit. Sie verraten also gleichermaßen eine tiefe Sehnsucht nach vergangener Größe und ein Unbehagen in der Gegenwart – als Stein gewordenen Großmachtträume.