Als Wonder Woman 1941 ihren Dienst in Sachen Weltrettung antrat, waren Superhelden jung, weiß, middle- bis upperclass, heterosexuell, muskulös und männlich. Heute würde man sagen: Es gab ein ernsthaftes Diversity-Problem in dieser neuen Comic-Gattung. William Moulton Marston, ein Doktor der Psychologie, der in Harvard promoviert hat, wollte das ändern und erfand Wonder Woman – eine starke, freie und mutige Frauengestalt, die den Lesern zeigen sollte, dass Frauen sich auch in Männerdomänen durchsetzen können.

Blöd nur: Der Job ist immer noch nicht erledigt. Wenn Wonder Woman heute auf der Kinoleinwand kämpft, dann nicht nur gegen den Kriegsgott Ares und andere Schurken, sondern auch immer noch gegen die herrschenden Geschlechterverhältnisse. Beispielsweise in der Filmbranche. Einundzwanzig Filme gibt es über die Kollegen Batman und Superman. Einen über Wonder Woman. Dabei sind die drei fast gleich alt. Superman ist seit 1938 Lex Luthor auf den Fersen und Batman schaut seit 1939 in Gotham City nach dem Rechten.

Der erste Blockbuster mit einer Superheldin und von einer Regisseurin

Und dass Wonder Woman nun erstmals auf der großen Leinwand kämpft, ist durchaus ein kleines – ja: Wunder. Immerhin ist der Film der erste Blockbuster mit einer Superheldin als Protagonistin und von einer weiblichen Regisseurin, Patty Jenkins. Die letzten Comic-Verfilmungen mit weiblichen Hauptrollen, Catwoman und Elektra, floppten gleichermaßen bei der Kritik und an der Kasse (außerdem gelten beide nicht als Superheldinnen).

Lange sah es aus, als würde Wonder Woman nie auf die Leinwand kommen. Seit 1996 war der Film in Planung, immer wieder wurde er verschoben. Regisseure und Regisseurinnen kamen und gingen, Hauptdarstellerinnen ebenso. Schließlich wurde im Herbst 2015 angefangen zu drehen.

Ist Wonder Woman bisexuell?

Damit begannen auch die Debatten. Die Hauptdarstellerin Gal Gadot wurde in einem Fernsehinterview gefragt, ob sie die richtigen Brüste für den Job habe. Eine Frage, die natürlich gar nicht geht – auch nicht für eine Amazone. Dann gab es einen Shitstorm, weil es in einer Kampfszene so aussah, als seien Gadots Achselhaare nachträglich retuschiert worden. Letzten Herbst sorgte Greg Rucka für Aufsehen, der für DC Comics die Wonder-Woman-Geschichten schreibt. Er sagte, dass die Prinzessin aus Themyscira bisexuell sei – was ja nur logisch wäre, immerhin wohnen auf dem feministischen Inselparadies keine Männer. Und zu einem echten Paradies gehört nun mal auch das Liebesglück. Aber würde das auch im Film vorkommen? (Spoiler: nein). Und schließlich platzte noch die News von der Konkurrenz von Marvel rein, laut der sich Hefte mit weiblichen Protagonistinnen schlechter verkaufen würden. Die Sorge, dass „Wonder Woman“ floppen könnte, war da schon groß.

Aber unberechtigt. Das erste Wochenende in den USA spielte laut Variety über 100 Millionen Dollar ein. Damit gilt „Wonder Woman“ als Hit und schlug Thor, Captain America und Doctor Strange.

Der Missing Link im Femininsmus des 20. Jahrhunderts

Wonder Woman zieht nicht nur das Interesse der Kinobesucher auf sich, sondern auch der Wissenschaft. Sie sei der Missing Link des Feminismus des 20. Jahrhunderts, argumentiert die Harvard-Historikerin Jill Lepore in ihrem Buch „The Secret History of Wonder Woman“. Die Amazonen-Prinzessin verbinde die erste Generation Feministinnen Anfang des 20. Jahrhunderts, die etwa das Frauenwahlrecht erkämpften, mit der Frauenbewegung, die nach 1968 losging und für eine gesellschaftliche Gleichstellung stritt.

Ihr Erfinder William Moulton Marston war Feminist, der viele Ideen für die Comics aus der damaligen Frauenbewegung bezog. Amazonen etwa waren ein beliebtes Motiv in der damaligen utopischen feministischen Literatur. Genau wie die Insel, auf der nur Frauen leben. Im Roman „Herland“ (1915) vor von Charlotte Perkins Gilman ist die eingeschlechtlichen Fortpflanzung, die Parthenogenese, ein Thema, das auch in Wonder Woman, die aus Lehm geformt ist, vorkommt. Das Schlagwort der Geburtenkontrolle entwickelte damals politische Schlagkraft. Die Krankenschwester und Frauenrechtlerin Margaret Sanger machte sich für die Idee stark, sie war mit Marston verwandt.

Gleichzeitig lebte Marston ein nicht unbedingt normatives Familienmodell: Er war mit zwei Frauen zusammen, mit denen er vier Kinder aufzog. Diese polyamouröse Konstellation kostete ihn zwar seine akademische Karriere, gab ihm aber den Freiraum, Comics zu schreiben. Dabei waren auch seine seine beiden Frauen, Elizabeth Holloway Marston und Olivie Byrne, beteiligt. Letztere war auch eine Inspiration für den Look von Wonder Woman, weil sie gerne große Armreifen trug. Das Lasso wiederum, mit dem Wonder Woman den Gefesselten zwingt, die Wahrheit zu sagen, bezieht sich auf eine andere berühmte Erfindung Marstons: den Lügendetektor.

Als Marston 1947 starb, änderte das auch das Leben von Wonder Woman. Nachfolgende Autoren der Serie schrieben sie um. Von Empowerment war da nicht mehr viel übrig. 1943 kandidierte sie in einem Comic noch als US-Präsidentin. In den 1950er-Jahren arbeitete sie als Babysitterin, Model und Schauspielerin – wenn sie denn arbeitete. Es dauerte bis in die 1970er-Jahre, dass Wonder Woman von den Feministen als eine von ihnen wiederentdeckt wurde. Und bis 2017, dass sie endlich auch im Popcorn-Kino kämpfen darf. Zu tun gibt es nach wie vor genug für sie.

„Wonder Woman“, Regie: Patty Jenkins, mit: Gal Gadot, Chris Pine, Robin Wright, David Thewlis, USA 2017, 141 Min.

 

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