„Wir können kaum noch atmen“, sagt Ulaş. „Aber wir geben nicht auf. Wir kämpfen weiter.“ Gegen die Umwälzungen im türkischen Bildungssystem geht der 30-jährige Lehrer Ulaş gemeinsam mit Freunden aus seiner Gewerkschaft mehrmals im Monat im westtürkischen Izmir auf die Straße. Flagge zeigen gegen die autoritäre Politik der Regierung. „Die Reformen seit Gründung der Türkei sollen rückgängig gemacht werden“, sagt er.

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In aller Schärfe: Im November 2013 ging die Polizei mit Pfefferspray gegen eine Demonstration der türkischen Lehrergewerkschaft auf dem Kizilay-Platz in der Hauptstadt Ankara vor  (Foto: Cem Oksuz/AA/ABACAPRESS.COM/dpa)
In aller Schärfe: Im November 2013 ging die Polizei mit Pfefferspray gegen eine Demonstration der türkischen Lehrergewerkschaft auf dem Kizilay-Platz in der Hauptstadt Ankara vor (Foto: Cem Oksuz/AA/ABACAPRESS.COM/dpa)

An Wochenenden oder auch zu Streiks ruft er häufig Kollegen von der Lehrergewerkschaft Eğitim-Sen zusammen. Dann treffen sie sich, um zu diskutieren und gemeinsam Zeitungsartikel und Blogposts zur Bildungspolitik zu schreiben.

Vor allem aber demonstrieren sie gemeinsam im Zentrum der Oppositionshochburg Izmir, marschieren auf der langen Uferpromenade, mal mit Dutzenden, mal mit Tausenden Teilnehmern. Ulaş, mit fein gestutztem Schnurrbart und verschmitztem Lächeln, läuft dann in der Mitte des Demonstrationszugs und trägt ein großes Banner seiner Gewerkschaft, gelber Hintergrund mit einer roten Sonne in der Mitte.

Das ist häufig gefährlich, denn in den letzten Monaten geht die AKP-Regierung, die in der Türkei seit 2002 an der Macht ist, mit neuer Härte gegen ihre Gegner vor. So ließ sie Mitte Dezember Dutzende regierungskritische Journalisten verhaften und setzte bei einer Lehrerdemonstration in Ankara einige Tage später Wasserwerfer und Tränengas ein. Nach Medienberichten wurden dort 100 Demonstranten festgenommen.

„Natürlich haben wir alle Angst, wenn wir demonstrieren“, sagt Ulaş. Er ist quasi Demo-Profi: 2013 mobilisierte er im Rahmen der Gezi-Proteste, die von Istanbul aus in andere Landesteile schwappten, in Izmir Tausende Leute über Facebook und Twitter. Die harte Reaktion des Staates habe ihn erschreckt: „Die Proteste haben gezeigt, dass Demonstrationen tödlich sein können. Die Polizei schießt dir einen Tränengaskanister an den Kopf, und du stirbst.“

Die Neuausrichtung des Bildungssystems ist das Kernstück von Erdoğans Politik

Fast jede Woche hat Ulaş’ Gewerkschaft, die 1995 aus dem Zusammenschluss zweier Bildungsgewerkschaften hervorgegangen ist, einen neuen Anlass für eine Demonstration, denn die Neuausrichtung des Bildungssystems ist das Kernstück von Präsident Recep Tayyip Erdoğans Politik: Seit 2012 wandelte die Regierung mehr als 3.000 säkulare Schulen in religiöse Imam-Hatip-Schulen um, bei denen Koranunterricht im Mittelpunkt steht und Mädchen und Jungen getrennt unterrichtet werden. Nach der Erlaubnis von Kopftüchern an öffentlichen Schulen verbot das Bildungsministerium kürzlich Schülern das Tragen von Piercings und Tattoos. Kreationismus, also der Glaube an eine wörtliche Auslegung des religiösen Schöpfungsmythos, ist schon lange Teil des Schulunterrichts. Und auch Osmanisch, die Vorgängersprache des modernen Türkisch ohne lateinische Buchstaben, soll bald auf dem Lehrplan stehen. Erdoğan forderte außerdem in einer Rede, die Entdeckungsgeschichte Amerikas müsse in den Schulbüchern umgeschrieben werden. Schließlich hätten Moslems den Kontinent schon drei Jahrhunderte vor Kolumbus entdeckt. Er beruft sich dabei auf den umstrittenen Gelehrten Youssef Mroueh, dem zufolge Muslime aus Westafrika lange vor dem italienischen Seefahrer in die Neue Welt gesegelt sein sollen.

„Die politischen Entwicklungen machen vielen Menschen Angst“, erzählt Ulaş. „Der Staat will Schüler erziehen, die religiös und machthörig sind.“ An seiner Schule in Izmir arbeitet er seit zwei Jahren als Beratungslehrer. Jeden Tag fährt er raus in einen heruntergekommenen Bezirk, in dem vor allem benachteiligte Familien leben. Vorher unterrichtete er, wie für Beamte im türkischen Staatsdienst üblich, fünf Jahre lang in der Osttürkei. Jetzt bietet er an seiner Schule psychologische Beratungen an und hilft Kindern, die Probleme mit Mobbing und Gewalt haben oder mit Lehrern nicht klarkommen.

Besondere Sorgen macht er sich um die Schüler, die einer Minderheit angehören. „Viele Kinder mit einem anderen religiösen Hintergrund sind traumatisiert, weil sie an den staatlichen Schulen diskriminiert werden“, erzählt Ulaş.

Viele sind eingeschüchtert vom aggressiven Kurs der Regierung

Das hat auch auf Ulaş selbst Auswirkungen, denn vor kurzem ist er Vater geworden. Wie wohl sein Kind später mal an der Schule zurechtkommen wird? Auf eine staatliche Schule würde er es nie schicken, sagt er seufzend. Zwar sei er der Meinung, dass der Staat für Bildung sorgen soll. Aber unter den jetzigen politischen Bedingungen solle sein Kind besser auf einer privaten Schule unterrichtet werden. „Ich wünschte, ich müsste mir keine Sorgen um seine Zukunft machen.“

Für seine politischen Aktivitäten nimmt Ulaş in Kauf, dass er im Staatsdienst nie Karriere machen wird. „Als Mitglied meiner Gewerkschaft ist das nicht möglich“, sagt er. Die Webseite von Eğitim-Sen wurde bereits einmal durch das Bildungsministerium gesperrt. Der Druck auf die Lehrkräfte steigt. Ein Lehrer in Ankara wurde vor vier Jahren verwarnt, weil er Schülern auf Nachfrage die naturwissenschaftliche Evolutionstheorie erklärte.

Eğitim-Sen klagt regelmäßig gegen Vorhaben der Regierung. Und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilt häufig gegen die türkische Regierung, etwa Mitte September vergangenen Jahres, als das Gericht die Türkei aufforderte, das Pflichtfach Religion abzuschaffen. Die türkische Regierung legte allerdings Berufung ein.

Vor zehn Jahren wäre Eğitim-Sen selbst fast verboten worden, weil die Gewerkschaft die Möglichkeit von Kurdischunterricht an Schulen forderte – was inzwischen allerdings teilweise erlaubt ist. Seitdem verliert die Gewerkschaft massenhaft Mitglieder, von ehemals 200.000 sind noch 130.000 übrig. Viele sind eingeschüchtert vom aggressiven Kurs der Regierung.

Ulaş hält das aber nicht davon ab, weiter zu protestieren. „Ich bin seit zwölf Jahren Mitglied in der Gewerkschaft. Wir haben eine große Verantwortung für unsere Mitglieder und die Zukunft des Landes. Uns bleibt keine andere Option, als uns gegen unsere Angst zu stellen.“

Arne Semsrott arbeitet als freier Journalist in Berlin. Er hat ein Jahr in Istanbul gelebt und vor allem den Osten der Türkei ausgiebig bereist.