Edwin-Andreas Drotleff ist 26 Jahre alt. Er ist Bundesjugendleiter der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD), der Jugendorganisation der Siebenbürger Sachsen. Der Verein wurde bereits 1949 gegründet. Warum engagiert sich ein junger Mann bei einer Vertriebenenorganisation? Die Flucht Tausender der rund 300.000 Siebenbürger Sachsen begann im Sommer 1944. Angesichts des Frontwechsels im Zweiten Weltkrieg verließen ab August viele von ihnen ihre Heimat. Damals beendete Rumänien das Militärbündnis mit dem Deutschen Reich und nahm anschließend an der Seite der Alliierten am Krieg teil. Zudem rückte die Sowjetarmee vor. Keineswegs alle Siebenbürger Sachsen flohen jedoch unter solch dramatischen Umständen. Ab Ende der 1960er Jahre, noch zu sozialistischen Zeiten, begann eine Auswanderungswelle von Rumäniendeutschen – zunächst durch sogenannte Freikäufe. 1990 erreichte die Auswandererzahl ihren Höhepunkt.

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Verlassene Heimat: Die meisten Rumäniendeutschen sind weg – erst durch Umsiedlung und Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs, dann durch Emigration und Massenauswanderung (Foto:  Kilian Müller)
Verlassene Heimat: Die meisten Rumäniendeutschen sind weg – erst durch Umsiedlung und Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs, dann durch Emigration und Massenauswanderung (Foto: Kilian Müller)

Insgesamt mussten bis zu 14 Millionen Deutsche, die in den deutschen Ostgebieten oder in Mittel- und Ost- und Südosteuropa gelebt hatten, infolge der deutschen Kriegsverbrechen als Vertriebene und Flüchtlinge ihre Heimat verlassen. Sie wurden enteignet, drangsaliert, angegriffen, erschossen, vergewaltigt, in die Flucht getrieben. Edwin-Andreas Drotleff selbst hat all dies nicht erlebt, engagiert sich aber in dem Vertriebenenverband. Was treibt ihn an?

Drotleff wurde noch in Siebenbürgen geboren, ist erst 1991 mit seinen Eltern nach Deutschland gezogen. Da war er zwei Jahre alt. Das sei natürlich keine Flucht und auch keine Vertreibung gewesen. Die Eltern hätten jedoch „schlechte Erfahrungen gemacht“, weil sie deutschstämmig waren, sagt Drotleff. In Siebenbürgen, aber auch in anderen Regionen erlebten Deutschstämmige viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Ausgrenzung, berufliche Nachteile oder Schikane von Behörden. In Deutschland angekommen, wurde Drotleff, der Einwanderer, dann allerdings auch gehänselt. „So ab der Mittelstufe kamen Sprüche wie ‚Du bist doch Rumäne‘. Ich musste meine Herkunft immer erklären, das war nervig, auch belastend.“

Bei der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend musste er sich nicht erklären. Er stieg in eine Gruppe für traditionellen Volkstanz ein. Viele junge Leute finden über solche Gruppen den Weg in die Landsmannschaft. Bald fuhr Drotleff mit zu Feiern, erlebte ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Während in den meisten Vertriebenenverbänden die Mitglieder schwinden, hat die SJD in den vergangenen fünf Jahren die Mitgliederzahl auf 800 verdoppelt. „Wir bieten Gemeinschaft, das suchen viele Jugendliche“, sagt Drotleff. Deshalb seien auch junge Leute bei der SJD, die gar keinen rumäniendeutschen Hintergrund hätten.

Der in München geborene Ludwig Beeg zum Beispiel. Der 33-Jährige ist seit 2008 Mitglied in der SJD, obwohl auch seine Eltern und Großeltern in Deutschland geboren wurden. Ein Freund lud Beeg zur Münchner Tanzgruppe der Siebenbürger Sachsen ein. „Ich dachte mir, das schaue ich mir mal an“, erinnert sich Beeg. Und blieb dabei. „Bei den Siebenbürger Sachsen habe ich sofort eine ganz große Herzlichkeit erlebt, mehr noch, als das in anderen Vereinen oder Gruppen der Fall ist.“ Beeg gefällt der Familiensinn der Siebenbürger Sachsen, die Menschen stünden zusammen. „Hinzu kommt bei mir ein Geschichtsinteresse. Es geht ja auch um den Erhalt wertvoller Kultur, und das hat nichts mit Volkstümelei oder rechtem Gedankengut zu tun“, sagt Beeg. Einmal im Jahr fährt er in den Urlaub nach Siebenbürgen, im vergangenen Jahr hat er eine Siebenbürger Sächsin geheiratet.

Edwin-Andreas Drotleff sagt, er engagiere sich bei der SJD, weil er das Wir-Gefühl toll finde und es ihm wichtig sei, die Kultur der Siebenbürger Sachsen zu bewahren. Außerdem mache ihm die ehrenamtliche Arbeit Spaß. Künftig will er die SJD mit Hilfe der sozialen Netzwerke und anderer Werbemaßnahmen noch bekannter machen. Er könne sich vorstellen, eines Tages zurück nach Rumänien zu ziehen, wenn sich die wirtschaftliche Lage dort weiter verbessere. Seine Eltern haben vor Ort ein Haus, er war schon oft da. Zu den politischen Zielen der Vertriebenenverbände möchte sich Drotleff übrigens nicht äußern. Die Aufgabe der SJD sei schließlich die Kulturpflege. Und für politische Fragen seien der Vereinsvorstand der Siebenbürger Sachsen oder der Dachverband Bund der Vertriebenen (BdV) zuständig.

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Viele Häuser, in denen mal Rumäniendeutsche lebten, stehen heute leer. Dieses hier wird inzwischen als Lager für Maiskolben genutzt ( Kilian Müller)
Viele Häuser, in denen mal Rumäniendeutsche lebten, stehen heute leer. Dieses hier wird inzwischen als Lager für Maiskolben genutzt ( Kilian Müller)

Mit dem ursprünglichen Anlass für die Gründung des Vereins nach der Vertreibung haben die jungen Leute heute offenkundig nur noch wenig zu tun. Drotleff sagt: „Die Jugendlichen heute belasten sich vermutlich nicht so sehr mit dem Thema Vertreibung und der Frage, ob sie Vertriebene sind.“ Es gehe vorrangig darum, sich mit der eigenen Kultur zu beschäftigen. „Unsere Mitglieder wollen ihre Identität finden und interessieren sich für ihre Wurzeln“.

Großeltern, die geflüchtet sind oder Eltern, die später von Rumänien nach Deutschland zogen – das sei aber durchaus noch ein Thema bei gemeinsamen Treffen der SJD-Mitglieder. Ganz schlimme Geschichten über Vertreibungen aus Rumänien hat Drotleff selbst jedoch nicht gehört, eher Auswanderergeschichten. Allerdings gehe es ja auch in diesen Fällen um den Verlust von Heimat. Drotleffs Geschwister sind fünf und sieben Jahre älter als er. „Sie können sich noch daran erinnern, wie es war, in Rumänien in einem Ort zu leben, wo kaum noch jemand Deutsch sprach.“

Foto Startseite: Wolfgang Kunz / Fotos im Text: Kilian Müller, Jahrgang 1986, berichtet mit seiner Fotoserie „Hüter der Kirche“ von den letzten Siebenbürger Sachsen. In Rumänien gibt es seit ihrer kollektiven Auswanderung zu wenige von ihnen, um ihre Kultur und Gemeinden dauerhaft zu erhalten.

Felix Ehring lebt in Frankfurt am Main und schreibt als freier Journalist für Die Zeit, die Tageszeitung, Spiegel Online, Das Parlament und viele andere.