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(Foto: Knesebeck)

"Man muss nicht in Paris geboren sein, um den gewissen Pariser Chic zu besitzen." Uff. Der erste Satz von Inès de la Fressanges Stilfibel "Pariser Chic" beruhigt gleich ungemein. De la Fressange selbst, räumt sie gleich danach ein, sei nämlich ein geborenes Landei: Sie komme aus St. Tropez. Für Franzosen gelten, das muss man dazu wissen, alle Orte außerhalb von Paris als Provinz. Selbst der mondäne Urlaubsort an der Côte d'Azur.

Die 1,81 Meter große Brünette wurde mit 19 Jahren für die Laufstege entdeckt; heute gilt sie als eines der dienstältesten Topmodels der Welt. In Frankreich ist sie eine Legende. 2009 und 2011 lief sie, nach langen Jahren der Abstinenz, wieder für Chanel auf den Pariser Schauen – mit Karl Lagerfeld, dem Chef des Modehauses, scheint sie sich versöhnt zu haben. 1989 hatten sie sich im Streit getrennt: Das Supermodel wollte vorzeitig aus ihrem Vertrag raus.

Sie hat schließlich noch andere Talente und Interessen: Nach dem Ende ihrer Laufsteg-Karriere gründete de la Fressange ihr eigenes Modelabel. Sie war das Gesicht der französischen Nationalfigur Marianne. Und inzwischen arbeitet sie, lange schon, als "Beraterin und Botschafterin" der alteingesessenen Pariser Schuhmarke Roger Vivier.

"Folge niemals dem Mainstream"

In ihrem Styleguide "Pariser Chic", 2011 auf Deutsch veröffentlicht, verspricht Madame de la Fressange, ihre Leser/innen in die Geheimnisse und die Praxis der schicken Pariser/innen einzuweihen. Sie selber hat die kurzen Texte geschrieben, die Illustrationen gezeichnet und die Fotos geschossen, die ihre Lieblingsboutiquen zeigen – ein Shoppingführer darf in diesem Buch natürlich nicht fehlen. Mit Nine d'Urso, einer ihrer zwei bildhübschen Töchter, wurden die Styling-Tipps inszeniert. Es sind Fotos aus der Tele-Perspektive, wie sie gute Paparazzis von Promis schießen – oder Modeblogger von schicken Passanten.

Die wichtigsten Grundsätze des Pariser Chics sind schnell erklärt: Ein Edelteil mit Billigwaren und Altem mischen, nie ein Label von Kopf bis Fuß, Dunkelblau oder Weiß geht immer. Wichtiger als Makeup ist die tägliche akkurate Körperpflege. Wer sich wohl fühlt, bewegt sich besser und spürt instinktiv, was ihm oder ihr steht.

Das gewisse Etwas


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Inès de la Fressange im Büro des Modeschöpfers Roger Vivier in Paris (Foto: Benoît Peverelli)
Inès de la Fressange im Büro des Modeschöpfers Roger Vivier in Paris (Foto: Benoît Peverelli)

Kurz: Es geht um einen Look, der mühelos aussieht, es aber nicht unbedingt ist. Oder, wie Inès de la Fressange es ausdrückt: "Temps en temps, moins, c'est mieux." Mitunter ist weniger mehr. Das gewisse Etwas – "un certain je ne sais quoi" – stellt sich, mit Glück, dann von selber ein.

Grundlage dieses Looks ist die Reduktion. Als "die sieben Klassiker" einer Pariser Garderobe nennt de la Fressange Männerjackett, Trenchcoat, dunkelblauen Pullover, Tanktop, kleines Schwarzes, Jeans und Lederjacke. Die meisten dieser Sachen kauft man, meint das Model, besser in der Herrenabteilung – oder im besseren Second-Hand-Geschäft.

Es ist also kein Zufall, dass Nine d'Urso die "Key Pieces" förmlich um den schmalen Leib zu flattern scheinen. Das soll so aussehen. Erst mit den Accessoires wird daraus ein femininer Look: einer ausgesuchten Handtasche, Lippen in Chanels klassischem "New York Red", dezentem Schmuck. Funktionieren soll das, laut de la Fressange, für praktisch jedes Alter.

In Frankreich wird der "mühelose Schick" von Kindesbeinen an geübt und gefördert. Französische Kinder werden von ihren Eltern dazu angehalten, sich ein Auge für Farben und Proportionen zu erarbeiten. Im Zweifelsfall machen konservative, zurückhaltende Farben das Rennen – auf keinen Fall jedoch "Rosa für Mädchen, Hellblau für Jungs"! Agnes B. war die erste Designerin, die in den 1970er-Jahren Kinder komplett in Schwarz ausstaffierte. Ein Affront damals – und eine Super-Idee, findet Inès de la Fressange.

Rein, klar, reduziert


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Nine d’Urso, die Tochter der Autorin, trägt einen klassischen Trenchcoat  (Foto: Benoît Peverelli)
Nine d’Urso, die Tochter der Autorin, trägt einen klassischen Trenchcoat (Foto: Benoît Peverelli)

Eine reduzierte Grundgarderobe, auch "Capsule Wardrobe" oder "10 Item Wardrobe", genannt, ist im Netz zurzeit ein heißes Thema. Der "Pariser Chic" steht Pate dafür. Auf zahlreichen Modeblogs geht es darum, wie der Kleiderschrank ausgemistet werden kann, was die ein, zwei Must-Haves der Saison sind und wie man Raw Denim, also unbehandeltes Denim ohne Stretchzusätze – gerne bei A.P.C. im superhippen Stadtviertel Saint Germain des Pres gekauft – pflegt. Man kann ziemlich sicher sein, dass die Mehrzahl dieser Blogger und Bloggerinnen im Bioladen einkauft und weiß, welche Makeup-Produkte ohne Tierversuche hergestellt werden.

Oft ist der Blick von außen nicht der Schlechteste. Eine der begabtesten Bloggerinnen zum Thema Pariser Stil ist jedenfalls Dead Fleurette. Wie sie selber angibt, ist sie eine zwanzigjährige Norwegerin, die in Oslo als Klavierlehrerin arbeitet. So oft sie kann, fährt Dead Fleurette nach Paris. Ihre Kleidung ersteht sie möglichst ausschließlich dort.

Ihr Blog ist nicht gerade lustig, denn sie verfolgt eine Mission: "Im Mittelpunkt dieses Blogs steht der Aufbau einer Grundgarderobe, das Streben nach Perfektion, Qualität statt Quantität, Konsumkritik, zeitlose Ästhetik und persönlicher Stil." Ach ja, diese ernsthafte junge Dame hat auch ein Motto: Es ist, nicht verwunderlich, "weniger ist mehr".

Le No Makeup Look

Dass der reduzierte Look auch mit einer gewissenhaften Körperpflege, Ernährung, Inneneinrichtung, kurz: mit einer äußerst bewussten Lebensführung einhergeht – alles auch Themen in dem Buch von Inès de la Fressange –, hat die amerikanische Bloggerin Jennifer L. Scott bestens verinnerlicht. In ihrem You-Tube-Channel konzentriert Scott sich vor allem auf "Le No Makeup Look", die reduzierte französische Gesichtsbemalung. Ihr Jahr bei einer großbürgerlichen Familie in Paris, das ihren grundamerikanischen Lebensstil gründlich auf den Kopf stellte, beschrieb sie in ihrem mit autobiographischen Anekdoten gespickten Sachbuch "Lessons from Madame Chic".

Das in Eigenregie verlegte Buch, dass es für eine Hand voll Dollars auch als E-Book gab, brachte ihr Glück: Diesen Herbst erscheint ihr französisch inspirierter Style-Führer beim New Yorker Verlag Simon & Schuster. Ein garantierter Bestseller. Die hymnische Buchvorstellung in der New York Times – merke: die Buchrezension zu einer selbstverlegten Publikation! – wird da geholfen haben.

Natürlich, nicht aufgedonnert

In Zeiten der Dauerverfügbarkeit von Waren scheinen viele Menschen nach Orientierung zu suchen. Der "Pariser Chic" ist nichts Neues, wird zurzeit aber umfassender rezipiert. Mit seinem Minimalismus trifft er den Nerv der Zeit.

Das haben nicht nur Inès de la Fressange, Jennifer L. Scott oder Dead Fleurette erkannt. Schon die amerikanische Journalistin Ellen Wallace, die Dead Fleurette in ihrem Blog zitiert, hat mit ihrem Cosmopolitan-Artikel "Secrets of French Girls", nach umfassender Recherche in Paris 1982, erkannt, worauf es ankommt.

Warum bloß, fragt Wallace sich konsterniert, sehen die Französinnen, egal welchen Alters, immer so gut aus? Was ist ihr Geheimnis? Pascale, eine Restaurantmanagerin, erklärt es ihr: "Eleganz ist etwas anderes als Schick. Eleganz hat mit Geld zu tun, mit Freizeit, Erziehung und Bildung. Die schicke Frau sieht natürlich aus, nicht aufgedonnert. Chic hat nichts mit Geld zu tun. Chic bedeutet, dass es, von Kopf bis Fuß, ein Gefühl für Proportionen gibt."

Stephanie Wurster ist freie Autorin und fluter.de-Redakteurin. Sie findet die Idee der "10 Item Wardrobe" inspirierend, aber sehr schwer umzusetzen.