fluter.de: Vor zwei Jahren starben in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch 1.138 Menschen, Hunderte weitere wurden verletzt. Die meisten Opfer waren Frauen, die den Großteil der Arbeiter/-innen in den Fabriken darstellen. Wurden sie mittlerweile entschädigt?

Gisela Burckhardt: Ja, und auf diesen Tag haben wir lange hingearbeitet. Die Familien, die von diesem Unglück betroffen sind, können sich endlich darauf konzentrieren, ihr Leben wieder aufzubauen. Dies ist ein großer Moment für die Gerechtigkeit. Jedoch haben sich die internationalen Textilunternehmen erst auf öffentlichen Druck dazu bereit erklärt, einen Beitrag zur Bereitstellung der 30 Millionen US-Dollar für die Geschädigten zu leisten.

Warum sträubt sich die westliche Textilbranche so, Verantwortung für die Folgen katastrophaler Produktionsbedingungen im Ausland zu übernehmen?

Die Firmen fürchten, in Haftung genommen zu werden. Wenn sie Entschädigungen zahlen, ist dies ein Eingeständnis der Mitverantwortung. In Deutschland gibt es bisher keine gesetzlich bindende Haftung. Wir fordern das seit langem. Dass Unternehmen mit einem jährlichen Umsatz von zusammen über 20 Milliarden US-Dollar zwei Jahre brauchen, um 30 Millionen US-Dollar zusammenzutragen, ist das skandalöse Ergebnis der freiwilligen Sozialverantwortung von Unternehmen.

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Drei Monate nach dem Unglück wartet eine Mutter immer noch darauf, dass ihre Tochter aus den Trümmern geborgen wird (Foto: Taslima Akhter)
Drei Monate nach dem Unglück wartet eine Mutter immer noch darauf, dass ihre Tochter aus den Trümmern geborgen wird (Foto: Taslima Akhter)

Hunderte Geschädigte von Rana Plaza können nicht mehr arbeiten, weil sie körperlich oder psychisch versehrt sind. Wer kommt für ihre dauerhafte Versorgung auf?

Neben dem Entschädigungsfonds der Firmen hat Bangladeschs Regierung kleinere Summen gezahlt, was allerdings sehr wenig ist. Auch der nationale Unternehmensverband hat kaum Geld gegeben – die Fabrikbesitzer und der Besitzer des Rana-Plaza-Gebäudes nichts.

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO unterstützt Initiativen, die die Arbeitsbedingungen in den Fabriken verbessern sollen. Etwa indem Unfallversicherungen abgeschlossen oder Gewerkschaften zugelassen werden. Wie wirksam sind diese Bemühungen?

Die Idee einer Versicherung ist interessant. Es kommt darauf an, wie sie an die Verhältnisse in Bangladesch angepasst wird. Die Zulassung von Gewerkschaften wurde vor allem durch den internationalen Druck ermöglicht. Ein Jahr nach Rana Plaza konnten sich daher einige Betriebsgewerkschaften gründen, derzeit werden allerdings kaum neue Gewerkschaften zugelassen.

Warum ist das so?

Die Gewerkschaften müssen die Namen ihrer Mitglieder dem Arbeitsministerium vorlegen. Das Arbeitsministerium gibt die Liste jedoch an die Fabrikbesitzer weiter. Das ist ein Unding. Sobald die Fabrikbesitzer die Namen der organisierten Arbeiterinnen erfahren, werden diese entlassen.

Welche Möglichkeit bleibt den Arbeiterinnen, für ihre Rechte zu kämpfen?

Sie kämpfen schon hart, in Deutschland erfährt man davon jedoch wenig. Der internationale Druck muss aufrechterhalten werden, damit die Regierung in Bangladesch Gewerkschaften zulässt und die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessert. Seit drei Jahren fehlen die Umsetzungsbestimmungen für das Arbeitsgesetz. Zusätzlich müsste das Arbeitsgesetz weiter reformiert werden. In der jetzigen Fassung entspricht es nicht allen Anforderungen der ILO.

Haben sich die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken seit Rana Plaza überhaupt in irgendeiner Weise verbessert?

Die Arbeitsbedingungen selber nicht, aber die Sicherheit der Fabriken hat zugenommen. Rund 200 Unternehmen haben das Gebäude- und Brandschutzabkommen „Accord“ unterzeichnet. Somit darf rund die Hälfte der Textilfabriken in Bangladesch kontrolliert werden. Und zwar im Hinblick auf Statik, Elektrizität und Feuerschutzmaßnahmen. Dennoch: Frauen bleiben in diesem Land schlecht bezahlt und werden diskriminiert. In den Fabriken werden sie oft beschimpft. Und das gilt nicht nur für Fabriken, in denen Billigmarken produzieren lassen, sondern auch für die, in denen Kleidung für teure Labels wie Hugo Boss hergestellt wird.

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Zwölf Tage später: Diese Eltern haben soeben die Leiche ihrer Tochter entdeckt (Foto: Taslima Akhter)
Zwölf Tage später: Diese Eltern haben soeben die Leiche ihrer Tochter entdeckt (Foto: Taslima Akhter)

Katastrophale Arbeitsbedingungen herrschen auch in anderen Textilien produzierenden Ländern. Derzeit versucht das Europäische Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte, den deutschen Textildiscounter KiK für den Tod von 259 Arbeiter/-innen in Pakistan verantwortlich zu machen. Für wie aussichtsreich halten Sie die Klage?

Allein der Versuch ist sehr lohnenswert. Schließlich behauptet KiK immer, die Fabriken zu prüfen, bevor sie Aufträge vergeben. Das kann hier nicht der Fall gewesen sein. Es hätte auffallen müssen, dass es keine Notausgänge oder Feuerleitern gab. Es ist ein trauriges und erschreckendes Beispiel, wie wenig sich Unternehmen darum scheren, unter welchen Bedingungen ihre Ware produziert wird.

Können europäische Gerichte heimische Textilfirmen für ihre fehlende Verantwortung im Ausland haftbar machen?

Bisher nicht, weil die Gerichte die Verantwortung einer einzelnen Firma für eine Fabrik nicht so einfach nachweisen können. Es lassen ja in der Regel mehrere Auftraggeber in einer Fabrik produzieren. In dem Fall, den Sie angesprochen haben, ist die Lage jedoch anders, weil KiK der Hauptauftraggeber war. Nun muss das Gericht entscheiden. Ich würde mir wünschen, dass Unternehmen haften müssen, wenn sie ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachkommen. Dann würde sich schlagartig viel ändern.

Wie können die Konsumenten in Deutschland für bessere Arbeitsbedingungen für Näherinnen in Bangladesch sorgen?

Unser Konsumverhalten ist entscheidend. Inzwischen kostet ein T-Shirt bei der Billigkette Primark weniger als eine Tasse Kaffee oder eine Busfahrt. Dadurch ist die Achtung vor der Arbeit einer Näherin verloren gegangen. Jeder sollte wissen: Weil wir alles billiger haben wollen, müssen beispielsweise Menschen in Bangladesch dafür leiden. Anstatt Wegwerfmode zu kaufen, sollten wir weniger und bewusster kaufen. Es gibt einige wenige Siegel wie Fairtrade für Baumwolle oder GOTS für Umweltstandards, auf die man achten sollte. Erfreulicherweise lässt sich ein Wandel bei einem Teil der Bevölkerung feststellen: Ethischer Konsum nimmt zu.

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cms-image-000046677.jpg (Foto: Horst Galuschka/dpa)
(Foto: Horst Galuschka/dpa)

Gisela Burckhardt ist Vorstandsvorsitzende von FEMNET (ein Verein, der sich für die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte von Frauen weltweit einsetzt) und Unterstützerin der Kampagne für Saubere Kleidung. 2014 erschien ihr Buch „Todschick: Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert“.