Während der Wahl am Sonntag werden der 18-jährige Simon Nehrer und seine Freunde beim Politik-Rudelgucken zusammensitzen. Nehrer ist Erstwähler. Genervt von vielen haltungsschwachen Diskussionen haben er und neun seiner Freunde für eine Orientierungshilfe gesorgt: In ihrem Webmagazin „Das kleine Einmaleins der Nationalratswahl“ stellen sie alle für sie wichtigen Inhalte zusammen. Die Seite richtet sich als Wahlguide an Jungwähler. Denn: „Wer Bescheid weiß, wird wählen und sich trauen, echte Meinungen zu bilden“, meint Nehrer. Schluss mit Wischiwaschi, Zeit für Positionen. 

Mitte Mai zerbrach in Österreich die Koalition aus der sozialdemokratischen SPÖ und der konservativen ÖVP aufgrund zahlreicher Streitigkeiten. Nun kämpfen besonders drei Kandidaten um das Amt des Bundeskanzlers: der amtierende Kanzler Christian Kern (SPÖ), Sebastian Kurz (ÖVP) und Heinz-Christian Strache (FPÖ). Prognosen zufolge liegt die ÖVP derzeit (9.10.2017) bei 33 Prozent, die rechtspopulistische FPÖ bei 27 Prozent und die SPÖ bei 23 Prozent. Als Favorit für das Kanzleramt gilt Sebastian Kurz. Dass er sich mit der SPÖ zusammentut und es somit eine Neuauflage der großen Koaltition geben wird, ist unwahrscheinlich. Eine Zusammenarbeit mit der FPÖ – wie schon in den Jahren 2000 bis 2005 – wird dagegen immer wahrscheinlicher: Kurz nimmt vermehrt Positionen der Rechtspopulisten auf, besonders was die Themen Migration und Islam betrifft.

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Felix Oblin, 20 (links) und Josef Huber, 20 sind zwei von mehr als zehn Autoren von "daskleineeinmaleins"
Felix Oblin, 20 (links) und Josef Huber, 20 sind zwei von mehr als zehn Autoren von „daskleineeinmaleins“

„Haben wir alles selbst gedacht und gemacht“

Im Kernteam des kleinen Einmaleins ist keiner über 20 Jahre alt. Die meisten sind entweder frisch von der Schule oder haben gerade ihr Studium begonnen. Simon Nehrer und seine Freunde fühlen sich privilegiert, weil sie wissen, wie sie sich wo informieren können, und weil sie Zeit haben, sich mit Politik auseinanderzusetzen. Sie wissen auch, dass es nicht allen Altersgenossen so geht. Deshalb wollen sie ihr Wissen teilen. Im Einmaleins werden die wichtigsten Themen der Wahl erklärt und die Positionen der Parteien aufgelistet. Dazu gibt’s eine Parteienübersicht, Manifeste zur Demokratie und zu Europa, Streitbares zu Wohlstand, Neoliberalismus und Freiheit. „Haben wir alles selbst gedacht und gemacht, auch die Seite“, sagt Nehrer. 

Sie haben Texte geschrieben, Freunde mit ins Team geholt und dann Unterstützung bekommen von Eltern, Journalisten und verschiedenen Experten wie beispielsweise dem Thinktank Agenda Austria. Das Unterstützerkomitee hat über alles drübergeschaut und Anmerkungen gegeben. Die Parteien wurden aber nicht gefragt, ob sie von den Positionen repräsentiert werden. Anders als ähnliche Angebote, die sich eine umfangreiche Qualitätssicherung leisten können, steht hier keine große Institution im Hintergrund. 

Eines der meistgenutzten Wahl-Orientierungstools in Österreich ist übrigens wahlkabine.at, das dem deutschen Wahl-O-Mat ähnelt. Es wurde gemeinsam von diversen politikwissenschaftlichen Instituten, unter anderem dem Institut für Neue Kulturtechnologien, erstellt.

Die Wähler sollen wissen, was auf dem Spiel steht

Beim kleinen Einmaleins wollen die jungen Autoren nach eigenem Ermessen dafür sorgen, dass möglichst viele verschiedene Meinungen und Einstellungen nebeneinander Platz finden. Die Texte richten sich an junge Erwachsene. Aufklären, anstacheln zum Selberdenken – aber ohne erhobenen Zeigefinger, das ist der Selbstanspruch. „Uns geht es darum, dass Wähler wissen, was auf dem Spiel steht“, sagt Nehrer.

Viele Inhalte sind in den letzten Wochen in den Hintergrund gerückt. Der Wahlkampf wurde zusehends durch Skandale getrieben. Da gab es die sogenannte „Schmutzkübelkampagne“, in der auf Facebook-Seiten mit einschlägigen Videos gegen Sebastian Kurz Stimmung gemacht wurde. Das soll auf das Konto der SPÖ unter der Leitung des – mittlerweile aus anderen Gründen geschassten – Beraters Tal Silberstein gegangen sein. Hinzu kommt die Polemik der Debatten, von der am Ende die Rechtspopulisten der FPÖ profitieren. 

Ob sie bei den nächsten Wahlen noch mal Guides machen, das wissen Simon Nehrer und die anderen noch nicht. Erst mal wollen sie den Sonntag abwarten.

Titelbild: imago / Eibner Europa