Der New Yorker Fotograf Ken Schles kennt seine Stadt so gut, wie man sie kennen kann. Er wurde in Brooklyn geboren und wuchs in Queens auf. Als Jugendlicher, Ende der 70er Jahre, zog er nach Lower Manhattan, wo er zwei Jahrzehnte lang Junkies, Künstler, Hausbesetzer und Verbrecher, sprich: seine Nachbarn fotografierte. 1988 erschien sein Fotoband „Invisible City“, der den Elendszauber jener Tage im East Village so eindrucksvoll dokumentiert. Das Buch war schnell vergriffen, wurde zum Szene-Klassiker und 2014 im Steidl-Verlag neuaufgelegt. Heute lebt Schles, 57 Jahre alt, wieder in Brooklyn, mit seiner Frau und zwei Kindern, im sehr gemütlichen Viertel Fort Green. Seit der Wahl im November 2016 begleitet Schles die Proteste gegen US-Präsident Trump. Woche für Woche, mit einer kleinen Lumix-Kamera. 

fluter.de: Woher kam das Bedürfnis, die Anti-Trump-Demonstrationen zu begleiten?

Ken Schles: Zunächst ein mal war die Wahl ein Schock. Für New York, für mich und für meine Familie hier im progressiven Brooklyn. Es herrschte eine Stimmung zwischen Unglaube und Verdrängung. Meine Kinder, 13 und 17 Jahre alt, kannten das Land ja quasi nur mit einem afroamerikanischen Präsidenten. Ich hatte also das Gefühl, etwas tun zu müssen. Und gemeinsam im öffentlichen Raum zu sein hat ja auch was von Katharsis. Mich hat interessiert, was für Leute kommen. 

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No Ban, No Wall!
Als Trump per Dekret einen Einreisestopp für Bürger bestimmter muslimisch geprägter Länder erlassen wollte, gingen innerhalb weniger Stunden Tausende auf die Straße und protestierten gegen den „Muslim Ban“

Und was für Leute kamen?

Es war überwiegend die Mittelschicht. Viele Familien, Eltern mit Kindern auf den Schultern. Menschen, die das Privileg und die Zeit haben, zu protestieren. Für Leute mit zwei drei Jobs ist es schwierig, sich zu organisieren. 

„Viele denken: Das ist unsere Heimatstadt und du, Donald, bist zum Kotzen“

Glauben Sie, dass die Proteste in New York besonders aufgeladen sind, weil es Trumps Heimatstadt ist?

Die Leute hier hassen ihn. Und das schon immer. Die Antwort lautet also: ja. Viele denken: Das ist unsere Heimatstadt und du, Donald, bist zum Kotzen. 

Auf Ihren Fotos sieht man Wut, Verzweiflung, aber auch Freude und Ironie. Menschen umarmen sich. Eine junge Frau mit Mütze hält ein Schild hoch, auf dem steht: „Ich bin so wütend, dass ich diese Mütze gestrickt habe.“ Was für eine Stimmung haben Sie beobachtet?

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HOTTIES AGAINST HOTNESS
Phasenweise war die Stimmung ganz schön aufgeheizt

Die ersten großen Proteste, zum Beispiel der Women’s March nach der Amtseinweihung, fühlten sich wie Staatstrauer an. Meine grundsätzliche Beobachtung ist, dass der etablierte politische Prozess die Stimmung und Sorgen vieler Leute nicht wahrnimmt, nicht widerspiegelt. Und dass die Proteste Gelegenheit waren, diesen Frust auszudrücken. 

Die Proteste der vergangenen zwölf Monate haben sich gegen Trump gerichtet, aber auch gegen strukturelle Gesellschaftsprobleme: Sexismus, Rassismus, Klimawandel, Polizeigewalt. Probleme, die auch unter einer Präsidentin Hillary Clinton fortbestanden hätten. 

In dieser Hinsicht ist Trump großartig, ja, auf seltsame Weise. Er ist jemand, den man bekämpfen kann, die Verkörperung vieler Probleme. Aber er allein ist nicht das Problem. Das sind die Strukturen. Nehmen wir die Demokratische Partei und den New Yorker Senator Charles Schumer. Der hat sich den Protesten zwar angeschlossen, aber er selbst ist bestimmt kein Revolutionär. Er ist ein Neoliberaler, der Fortschritt oft genug verhindert hat. Auch Bernie Sanders ist ein bisschen zu alt, um das alles voranzutreiben. Es fehlen frische, visionäre Gesichter in der Partei. 

„In New York haben die Politiker schnell verstanden, die Proteste für sich zu nutzen. Sie nutzen es für ihre Agenda. Aber verändern tut sich nichts“

Zurück zu den Demonstrationen. Wie haben die sich über das Jahr hinweg verändert?

Zu Beginn sah es so aus, als wäre es radikal. Ich erinnere mich an noch den Protest gegen den „Muslim Ban“ am Flughafen JFK im Januar. Innerhalb weniger Stunden kamen Tausende. Ein spontaner Aufstand, die Polizei wirkte kampfbereit. Doch plötzlich fand ein Stimmungswechsel statt, und zwar mit dem Moment, als sich Cuomo (New Yorks Gouverneur, Anm.) einschaltete. Er stellte sich hinter die Demonstranten und entzog dem Protest in gewisser Weise die Spannung. 

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Black Lives Matter
Protestiert hat hauptsächlich die Mittelschicht. Menschen, die die Zeit haben, sich zu organisieren

Dass Politiker Protest vereinnahmen, ist nichts Neues. 

Richtig. In New York haben die Politiker schnell verstanden, die Proteste für sich zu nutzen. Sie nutzen es für ihre Agenda. Aber verändern tut sich nichts.

War eine gewisse Normalisierung unvermeidbar?

Definitiv. Die Leute spüren, dass sie ihr Leben auf die Reihe bekommen müssen, dass sie weiterleben müssen. Und natürlich brauchen politische Bewegungen auch Zeit. Das Civil Rights Movement, zum Beispiel, das waren nicht nur der Marsch nach Selma, Martin Luther King und Kumbaya. Das begann in den 1950er-Jahren und die Black Panthers gehörten genauso dazu. Das System bewegt sich langsam. 

In New York City agiert die Polizei bei Protesten mittlerweile extrem professionell. Krawallbilder werden verhindert ...

... und sie überlegen sich vorher, wie viele Festnahmen sie wollen. Vieles läuft nach Drehbuch.

Ist das dann überhaupt Protest, wenn alles orchestriert ist?

Ich bin gespalten. Einerseits ist es großartig, dass Protest so fest zu diesem Land gehört, dass er in der Mitte akzeptiert wird. Andererseits gibt es nicht genug Drang nach wirklichem Wandel. Was wir bräuchten, ist eine sozio-ökonomische Neugestaltung. Zu viele Menschen in diesem Land sind mit dem Status quo verheiratet. Die Linke, allgemein betrachtet, ist angesichts Trumps zu konservativ. Trump will zerstören, und die Linke will bewahren. 

„Die Proteste wirken zu selbstgerecht. Wie toll, dass wir hier sind. Wir feiern, wer wir sind“

Werden Sie die Widerstandsbewegung denn weiter fotografisch begleiten?

Das ist eine gute Frage. Es wurde mit der Zeit weniger interessant, die Proteste zu fotografieren.

Warum?

Ich habe das Gefühl, dass es sich etwas erschöpft hat. Die rhetorische Funktion von vor ein paar Monaten ist nicht mehr gegeben. Die Proteste wirken zu selbstgerecht. Wie toll, dass wir hier sind. Wir feiern, wer wir sind. Es ist alles sehr nett. Es ist alles so verdammt nett. 

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Climate Change Is Bigger Than You
Gewandelt hat sich auch ein wenig das Klima der Proteste: von radikal zu selbstgerecht – findet Ken Schles

Womit wir wieder beim Thema wären. Sollen, dürfen Proteste auch Spaß machen? 

Ja, sollen sie. Man will ja nicht allein im Apartment herumgrummeln. Insofern haben die Proteste ihren Sinn erfüllt, sie haben den Menschen eine Plattform gegeben. Jetzt geht es um den nächsten Schritt. Proteste allein werden nichts verändern. Sie müssen in eine Bewegung münden, die auch Einfluss auf die Legislatur hat. Und so können Proteste und Fotos die gleiche Funktion haben: ein Gespräch öffnen, etwas in Gang setzen.

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FUCK THE POLICE
Nicht immer ist der Protest moderat und familienfreundlich

Wieso haben Sie sich dafür entschieden, neben Anti-Trump-Protestlern auch die andere Seite, die Nationalisten, zu fotografieren?

So viele von denen gibt es in New York ja nicht. Der „Marsch gegen Scharia“ war das Größte, was ich gesehen hab. Da stand eine Gruppe von jungen Männern, die zu „Identity Evropa“ gehörten. Dümmliche Jungs in adretten Poloshirts, die rumalberten, als ich sie fotografierte und ansprach. Bis der Anführer meinte: „Wir reden nicht mit dir.“ Dann schauten sie plötzlich alle grimmig. Es war erbärmlich. Und schaurig zugleich. 

Im Bronx Documentary Center fand Anfang des Jahres eine Protest-Ausstellung mit dem Titel „Whose Streets? Our Streets“ statt. Im Whitney Museum läuft derzeit die Ausstellung „An Incomplete History of Protest“. Das Thema ist präsent. 

Ich glaube, die Institutionen wollen ihren Beitrag leisten. Wichtig ist ja auch, zu zeigen, dass es Protest-Vorbilder gibt, dass 2017 im langen Kontext steht.