Russland ist auf Wodka gebaut. Das ist kein Witz. Russland ist so engmaschig mit dem „Wässerchen“ verwoben, dass man von einem grandiosen Kunstwerk sprechen könnte – wenn die Folgen der unheilvollen Liaison zwischen Wodka, Politik, Wirtschaft und autokratischem Staat nicht derart katastrophal wären. Ein Viertel der russischen Männer erreicht das 55. Lebensjahr nicht. Etwa 30.000 Menschen sollen jedes Jahr an Alkoholvergiftung sterben – mindestens. Rund 14 Liter Alkohol werden in Russland jährlich von jedem der 144 Millionen Einwohner konsumiert. Experten gehen davon aus, dass die eigentliche Zahl noch viel höher liegt.

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Wässerchen mit weitreichender Wirkung: Staat und Gesellschaft lassen sich in Russland nicht vom Wodka trennen (Foto: Getty Images)
Wässerchen mit weitreichender Wirkung: Staat und Gesellschaft lassen sich in Russland nicht vom Wodka trennen (Foto: Getty Images)

Das Unheil nahm im 16. Jahrhundert seinen Lauf. Bis dahin tranken die Russen hauptsächlich den meist aus vergorenem Getreide hergestellten „Kwas“, Bier oder Honigwein. Die Kunst des Destillierens war längst im Zarenreich angekommen. Ob der erste Wodka in Polen oder in Russland gebrannt wurde, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Was sich aber sagen lässt: In Russland tropfte der aus Roggen, Weizen und Wasser hergestellte Branntwein auf fruchtbaren Boden. Doch es ist nicht etwa die wilde russische Seele oder das raue Klima, wie in Legenden gemutmaßt wird, die den Siegeszug des Wodkas begünstigten. Es war die Politik der Zaren.

Im 16. Jahrhundert brachte eine Agrarreform ungeahnte Getreideerträge, die irgendwie genutzt werden mussten. Iwan der Schreckliche (1530–1584) erkannte: Wodka ist billig und ein leicht herzustellendes Getränk, mit dem sich Geld verdienen lässt. Der Zar – selbst ein notorischer Trinker, der den Wodka auch dazu benutzte, die Menschen in seinem näheren Umkreis gefügig zu machen – übernahm die Wodka-Produktion und zwang die Wirte der Branntwein-Spelunken in Städten und Dörfern dazu, Wodka zum Wohle des Staates an das durstige Volk zu bringen. Die Kabak-Betreiber fungierten dabei als „Scharnier“ zwischen Zar, lokalen Fürsten und der Bauerngesellschaft, wie der Politologe Mark Lawrence Schrad in seinem Buch „Vodka Politics“ schreibt. Die Kneipiers mussten dafür sorgen, dass der Rubel rollte. Wodka wurde in großzügigen 100-Gramm-Portionen ausgeschenkt (das Gramm ist die bis heutige gültige Maßangabe beim Wodka-Ausschank). Die Landbevölkerung soff sich um Kopf und Kragen und bereicherte so: den Zaren.

Seit dieser Zeit bis zum Ende der Sowjetunion generierte der Staat – mit einigen Ausreißern – rund ein Drittel seines Haushaltes aus den Erlösen mit dem Suff. Mal über Steuern, die Zaren wie Peter der Große auf den Wodka erhoben. Mal über das Produktionsmonopol, das der Staat Ende des 19. Jahrhunderts und in der Sowjetunion besaß. Heute machen die Einnahmen aus dem Wodka-Verkauf mit etwa 1,4 Milliarden Euro noch rund ein Prozent des russischen Staatshaushaltes aus. 

Der Staat unterstützte den Wodka-Suff aus Eigeninteresse. So erhielten Soldaten der zaristischen Armee eine tägliche Ration, was im Russisch-Japanischen Krieg 1905 verheerende Folgen hatte. Das russische Kaiserreich verlor den Krieg, weil die Soldaten zu blau waren. Auch Lenins Versuche, das russische Volk auf Entzug zu setzen, scheiterten – aus wirtschaftlichen Gründen. Mittlerweile war der Wodka so eng mit der Kultur verbunden, dass dieser russische Knoten kaum noch zu lösen war. Berüchtigt waren die Sitzungen des Zentralkomitees unter Stalin, die regelmäßig in Sauforgien endeten. 

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Die politischen Systeme kommen und gehen. Was bleibt, ist der Wodka (Foto: Getty Images)
Die politischen Systeme kommen und gehen. Was bleibt, ist der Wodka (Foto: Getty Images)

1985 war es Michail Gorbatschow, der als sowjetischer Staatschef dem Wodka den Kampf ansagte: „Lasst uns mit der Vernichtung des Volkes aufhören.“ Aber auch er musste erkennen, dass der Durst des Volkes stärker war. Die seit Jahrhunderten praktizierte Schwarzbrennerei florierte. Zudem griff man zu gefährlichen Ersatzliquiden wie Frostschutzmitteln. Die aus dem Wodka-Verkauf ausbleibenden Einnahmen versetzten der Sowjetunion den Todesstoß. Sie seien sogar zum „Katalysator des Regimewechsels“ geworden, schreibt Sonja Margolina. Die Publizistin ist in ihrem Buch „Wodka. Trinken und Macht in Russland“ sogar der Meinung, dass Russland sich mit dem Wodka „zu einer Kolonie seiner selbst“ gemacht habe.

Boris Jelzin, dessen alkoholbedingte Eskapaden in den Neunzigern für Vergnügen sorgten, ließ das Wodka-Geschäft in seiner Eigenschaft als erster Präsident der Russischen Föderation privatisieren. Wladimir Putin, der 2000 das Zepter von Jelzin übernahm, holte den Wodka zumindest teilweise wieder in den staatlichen Hafen zurück. Aus finanziellen Gründen. In seinem kurzen Intermezzo als Präsident erklärte Dmitri Medwedew dem Wodka den Krieg. Dank der florierenden russischen Wirtschaft konnte er es sich erlauben, eine Kampagne gegen übermäßigen Alkoholkonsum zu starten und die Preise für harte Spirituosen staatlich zu regulieren. Aufgrund der erhöhten Steuern erfuhr der Wodka zum 1. Januar 2013 eine Teuerung um rund ein Drittel pro Flasche.

Russlands tiefgreifendes Wodka-Problem zu lösen werde Jahrzehnte dauern, kommentierte der Politologe Schrad in der „New York Times“ 2011. „Der Kreml sollte den ersten Schritt zur Heilung selbst wagen und zugeben, dass auch er ein Alkoholproblem hat.“ Ob Putin bereit ist, die vor Jahrhunderten eingegangene Liaison zwischen Wodka und Staat zu lösen, ist fraglich. Als der russische Rubel im vergangenen Jahr im Zuge der Wirtschaftskrise seine Talfahrt begann, ging der Wodka-Konsum zurück – im Januar 2015 lag er im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar um 17,6 Prozent niedriger. Putin forderte Ende 2014, die Preise für Wodka zu senken. Ab dem 1. Februar darf der Preis für einen halben Liter Wodka auf Anordnung der Duma 185 Rubel (2,60 Euro) nicht mehr übersteigen. Die erwünschte Folge: Mehr Leute greifen zur Flasche - und die Staatseinnahmen steigen.

Ingo Petz, Jahrgang 1973, hat in Russland studiert und schreibt als freier Journalist vor allem über Osteuropa.