Er musste sein Land verlassen. Majid al-Bunni kommt aus der syrischen Stadt Homs, der Keimzelle der Revolution, wie er sagt. Heute lebt der Journalist als anerkannter Flüchtling in Berlin. Doch er ist nicht nur nach Deutschland, sondern auch in den Sarkasmus geflohen. Wer mit ihm spricht, bekommt eine Menge schwarzhumorige Bemerkungen zu hören. Zum Beispiel über den Anfang seiner Karriere, da arbeitete er als Lokalredakteur für den syrischen Staatsrundfunk. Als Journalismus will er diesen Job nicht verstanden wissen, schließlich habe er damals bloß lobende Meldungen nach dem Muster „Minister besucht Elektrizitätswerk“ produziert.

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Homs im Zentrum Syriens hat der Bürgerkrieg hart getroffen. Große Teile der Stadt sind zerstört (Foto: Olga Kravets / laif)
Homs im Zentrum Syriens hat der Bürgerkrieg hart getroffen. Große Teile der Stadt sind zerstört (Foto: Olga Kravets / laif)

Al-Bunni, geboren 1988, hat in Syrien bis kurz nach dem Bachelor-Abschluss Internationale Beziehungen studiert und begreift sich als politischer Mensch. Er kündigte, als er einsah, mit seiner Arbeit nichts bewegen zu können. Wegen seiner regimekritischen Meinung, die er dann auf Blogs veröffentlichte, statt sie geheim zu halten, wurde er mehrfach bedroht. Im November 2011 hat man ihn nach einer Demonstration verhaftet: weil er Teil eines revolutionären Netzwerks sei, dessen Führer die Organisation von Kuwait aus mit britischen Pfund versorge. „Whatever!“, sagt al-Bunni und lacht. Gar nicht lustig hingegen, was in den darauffolgenden 48 Stunden passierte. Die Folter fesselte ihn zwei Monate ans Krankenbett, erst nach einer Operation konnte er sein linkes Bein wieder richtig bewegen.

Du musst fort, sagten die Eltern. Um dem Militärdienst zu entgehen, flüchtete al-Bunni im April 2012 erst zu seinem Bruder nach China, dann über Malaysia nach Istanbul, wo er für den Master zugelassen wurde und erste Beiträge für den exilsyrischen Sender Baladna FM produzierte. „Fan al Mumken“ – die Kunst des Möglichen, so hieß seine wöchentliche Polit-Sendung bei dem Sender, in der sich sein Sarkasmus fortan entlud.

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cms-image-000045920.jpg (Foto: privat)
(Foto: privat)

Gut ein Jahr später erhielt er das Angebot der Nichtregierungsorganisation Media in Cooperation and Transition (MICT). Die gemeinnützige Gesellschaft macht Projekte im Bereich der medialen Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika und bot al-Bunni an, als Redakteur für mehrere Monate nach Berlin zu kommen. Hier wird Baladna FM mit Unterstützung von MICT produziert. „Das war eine große Chance“, sagt al-Bunni. Während andere große Risiken in Kauf nehmen, um nach Europa zu gelangen, wurde er eingeladen – und kam ganz ohne Schlepper und musste nicht ins Flüchtlingsheim. Entgegen der Abmachung mit der NGO beantragte er jedoch Asyl und erlebte doch noch, was andere Flüchtlinge in Deutschland erleben. Nun arbeitet er beim MICT als Redakteur für das syrische Radionetzwerk Syrnet.

Will er zurück? „Absolut!“ Er würde gern helfen, das Land wiederaufzubauen, den Kreislauf des Hasses zu durchbrechen und eine neue Gesellschaft mitzuformen. Aber erst, wenn die Lage es zulässt. Bis dahin möchte er vom Exil aus etwas bewegen. Und falls alle Stricke reißen? Majid al-Bunni überlegt kurz und antwortet mit seinem ganz eigenen Humor: Falls gar nichts geht, wolle er mit einer Ziege und Hühnern in die Berge Japans ziehen, fortan nur noch mit seinen Tieren sprechen – auf Japanisch, wohlgemerkt – und sarkastische Anti-alles-Lieder schreiben.

Lukas Wohner arbeitet neben dem Studium als freier Journalist in Berlin – wenn er nicht gerade fluter-Praktikant ist. Auch wenn's pathetisch klingt: Im Gespräch mit den verfolgten Kollegen wurde ihm klar, wie gut es Journalisten in Deutschland haben.