Es ist das beunruhigende Gefühl der Allgegenwärtigkeit. Die E-Mail des Onlinehändlers ist wieder einmal voll von diesen wirklich passenden Dingen, von denen man nicht wusste, dass man sie braucht. Sie kam ungefragt, aber nicht unerwartet. An die Präsenz von Algorithmen haben wir uns schon gewöhnt. Sie lassen Aktien steigen und fallen, den Verkehr fließen, Autos autonom fahren. Die NSA späht mit ihnen unsere Daten aus. Und sie sind der Schlüssel zur künstlichen Intelligenz. Vielleicht, eines fernen Tages, können sich die Maschinen dank besonders schlauer Algorithmen über uns Menschen erheben. Doch müssen wir Algorithmen wirklich fürchten? Taugen sie überhaupt als Projektionsfläche für Zukunftsängste?

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Wenn einem im Internet plötzlich dauernd Artikel, Bücher und Turnschuhe empfohlen werden, ist ein Algorithmus im Spiel
Wenn einem im Internet plötzlich dauernd Artikel, Bücher und Turnschuhe empfohlen werden, ist ein Algorithmus im Spiel

Im Prinzip sind sie doch nichts anderes als mathematische Arbeitsanleitungen, die aus vielen elementaren Anweisungen bestehen und nacheinander ausgeführt die Lösung eines Problems ergeben. Sie sind von Menschen gemacht, und manche von ihnen sind schon uralt. Schon Euklid entwickelte Algorithmen, fast 2.200 Jahre vor dem Internet. Einer wurde sogar nach dem griechischen Mathematiker benannt. Mit ihm lässt sich der größte gemeinsame Teiler zweier natürlicher Zahlen berechnen.

Noch ältere, noch wichtigere Algorithmen nutzt man für das Addieren und Multiplizieren von Zahlen. Heute ist das Stoff der ersten und zweiten Klasse und wichtiges Handwerkszeug für unseren täglichen Umgang mit Zahlen. Will sagen: Auch in früheren Jahrhunderten haben Mathematiker gerechnet wie die Verrückten und dabei auf Algorithmen zurückgegriffen, geritzt in Wachstafeln, durchdacht im Geiste. Geändert haben sich im Laufe der Zeit vor allem die Aufgaben und die Komplexität.

Die „maschinellen“ Algorithmen sind dagegen eine verhältnismäßig junge Entwicklung. Konrad Zuse baute in den 30er- und 40er-Jahren im elterlichen Wohnzimmer in Berlin die ersten funktionsfähigen frei programmierbaren Computer – der erste war noch mechanisch, der zweite elektrisch betrieben. Im Zweiten Weltkrieg konstruierte der englische Mathematiker Alan Turing eine Maschine, um den Enigma-Verschlüsselungscode der deutschen Wehrmacht zu knacken. Ein Wendepunkt im Krieg.

„Die Maschine war eine Hardware-Realisierung eines Algorithmus“, sagt Peter Sanders vom Karlsruher Institut für Technologie. Der Aufstieg der modernen Algorithmen beginnt etwas später – in den frühen 80er-Jahren – mit dem Aufkommen der Heimcomputer. Hinter jedem Programm steht inzwischen ein ganzer Strauß ausgeklügelter Algorithmen. Ähnlich wie Zahnräder greifen sie ineinander, um immer komplexere Probleme in immer kürzerer Zeit zu lösen.

„Besonders nützlich sind sie heute bei der Bearbeitung der stark wachsenden Datenmengen“, sagt Sanders. 2013 wurden in einem Jahr so viele Daten produziert wie in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. Viereinhalb Milliarden Terabyte. Täglich kommen 2,5 Millionen hinzu, Tendenz steigend, längst viel zu viel für den menschlichen Geist.

Algorithmen – ein Wort, das Unbehagen auslöst

Deshalb durchsuchen Algorithmen das Internet nach passenden Antworten auf unsere Suchanfragen oder ermöglichen selbstfahrenden Autos, sicher die Stadt zu durchqueren. Selbst unsere Gesundheit könnte zunehmend in ihren Händen liegen: An der Carnegie Mellon University in Pittsburgh wurde ein Algorithmus entwickelt, der den Herzstillstand eines Patienten schon vier Stunden vor dem Auftreten voraussagen kann. Aus den Vitalwerten berechnet er die Wahrscheinlichkeit eines Ernstfalls und warnt die Ärzte.

Der IBM-Supercomputer „Watson“ analysiert am renommierten Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York die Krankenakten von Krebspatienten und sucht nach ähnlichen Diagnosen in der Fachliteratur und in anderen Krankenakten. Die Algorithmen im Hintergrund berücksichtigen mehr Daten als je ein Arzt zuvor, Erbanlagen, Umwelteinflüsse oder Lebensumstände. Die Hoffnung: schnellere Diagnosen, weniger Behandlungsfehler, weniger wirkungslose Therapien. Auch Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Wirbelstürme sollen Algorithmen in Zukunft besser voraussagen. Doch wie jedes nützliche Werkzeug dienen Algorithmen nicht nur positiven Dingen wie der Heilung von Krankheiten oder einer sicheren Mobilität.

Versicherungen, Pharmaunternehmen, aber auch neugierige Arbeitgeber schielen sehnsüchtig auf die Daten aus unseren Krankenakten und Fitnesstrackern. Die NSA nutzt Algorithmen, um vertrauliche Mails mitzulesen. Hinter denen von Google, Facebook und Co. stecken kommerzielle Interessen. Die intelligenten Suchprozesse spüren Zusammenhänge auf, die nicht jedem sofort ins Auge springen. Am Warenkorb erkennen Algorithmen, ob wir schwanger sind oder gerade eine Trennung hinter uns haben, und liefern entsprechende Produktvorschläge. Soziale Netzwerke werten unsere Daten aus, um immer besser personalisierte Werbung zu verkaufen.

Die Konsequenz ist ein Gefühl der Ohnmacht seitens der Nutzer. Der Algorithmus wird zu einem Synonym für eine scheinbar höhere Gewalt mit Zugriff auf Weltwissen und persönliche Daten, ein Wort stellvertretend für die Vorgänge tief in den Programmen, für den Otto Normalverbraucher weder verständlich noch sichtbar. Ein Wort, das Unbehagen erzeugt.

„Es sind nicht die Algorithmen, die uns beherrschen, sondern die Menschen dahinter.“

Ein Gefühl, das eigentlich nur eine Konsequenz zulässt – die intensive Beschäftigung mit Algorithmen und unseren Daten. „Es sind nicht die Algorithmen, die uns beherrschen, sondern die Menschen dahinter“, sagt Günter M. Ziegler, Mathematikprofessor an der Freien Universität Berlin. Es sei eine Herrschaft durch, nicht eine Herrschaft der Algorithmen.

Umso wichtiger ist es, dass sich die Gesellschaft damit beschäftigt, welche Möglichkeiten in der Weltsprache aus Zahlen stecken und wo ihre Grenzen liegen, auch die moralischen. Möchte man die Bewegungsdaten aus seinem Fitnesstracker offenlegen und dafür eine günstigere Versicherungsprämie genießen? Will man Prozente beim Einkauf bekommen und dafür dem Händler mehr über sich verraten? Wann ist der Ausverkauf unserer Daten in Ordnung und wann nicht? Dürfen unsere Daten einfach durchsucht werden? Was kann man denn aus ihnen herauslesen? Sind die digitalen Schutzmauern rund um die Clouds sicher genug, um darin sensible Daten zu speichern?

Die Antworten auf solche Fragen können und dürfen nicht nur von Informatikern oder Mathematikern kommen. Auch Nichtinsider sollten sich daran beteiligen. Horrorszenarien von einer Technologie-Allmacht sind dabei genauso unpassend wie blindes Vertrauen. „Wir sollten ein realistisches Gefühl für Algorithmen und ihre Möglichkeiten im Umgang mit unseren Daten entwickeln. Die Urmenschen wussten auch, wie schnell Löwen oder Säbelzahntiger laufen können, und das hat ihr Leben verbessert“, sagt Ziegler.

Nur manchmal sei man machtlos, gibt er zu. So bei der unfreiwilligen, unbemerkten Datenauswertung seitens Unternehmen oder internationaler Geheimdienste. Schuld daran sind aber nicht die Algorithmen, sondern die Weltsicht und die Denkweise der Menschen, die sie entwickelt haben.

Birk Grüling wuchs im niedersächsischen Niemandsland auf, studierte Mathe und Kulturjournalismus in Hannover und verlor dann sein Herz an Hamburg. Als freier Journalist schreibt er aus der Hansestadt für große Tageszeitungen und Magazine über Wissenschaft und Gesellschaft. 2014 wurde er vom Medium Magazin unter die Top 30 bis 30 Nachwuchsjournalisten gewählt.