Du bist, was du liest. Nirgendwo gilt das so sehr wie in Großbritannien. Viele Briten definieren ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse oder politischen Richtung über die morgendliche Zeitungslektüre. Und Zeitungen gibt es jede Menge im Vereinigten Königreich. Zur Auswahl stehen einerseits großformatige, renommierte Broadsheet Papers wie die Times, andererseits reißerische Boulevardzeitungen wie die Sun, die auf der Insel Tabloids genannt werden. Außerdem bietet der britische Zeitungsmarkt so ziemlich alles was dazwischen liegt. Wer wissen will, welche Zeitung welche Leserschaft anspricht, muss sich nur eine Szene aus der britischen Satiresendung Yes, Prime Minister von 1987 ansehen: Die Politiker Hacker, Sir Humphrey und Bernard unterhalten sich darin mit dem Premierminister, ob dieser den Zeitungen zu viel Aufmerksamkeit schenkt:

Hacker: "Sagt mir nichts über die Presse. Ich weiß genau, wer die Blätter liest. Den Daily Mirror lesen die Leute, die denken, dass sie das Land regieren. Den Guardian lesen die Leute, die denken, dass sie das Land regieren sollten. Die Times lesen die Leute, die wirklich das Land regieren. Die Daily Mail lesen die Ehefrauen der Leute, die das Land regieren. Die Financial Times lesen die Leute, denen das Land gehört. Den Morning Star lesen die Leute, die denken, dass das Land von einem anderen Land regiert werden sollte. Und den Daily Telegraph lesen die Leute, die denken, dass das schon der Fall ist."
Sir Humphrey: "Premierminister, was ist mit den Leuten, die die Sun lesen?"
Bernard: "Sun-Lesern ist es egal, wer das Land regiert, solange sie große Brüste hat."

Wir stellen euch hier nun eine Auswahl der wichtigsten britischen Medien vor. Daneben gibt es noch den Independent, den Daily Mirror, den Daily Star, den Daily Express, den Daily Record... und so viele mehr.

THE SUN

"The Sun ist das Äquivalent zur deutschen Bild-Zeitung", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Christine Lohmeier von der Universität München. "Auf Political Correctness wird bei der Sunwenig Wert gelegt." In der Tat polarisiert die Sun mit Skandalgeschichten, Fotos von leicht bekleideten Frauen und kreativen Wortspielen in den Überschriften. So nannte sie den deutschen Papst Benedikt XVI einmal "Papa Ratzi". Im Jahr 1992 reklamierte die auflagenstärkste britische Tageszeitung den Wahlsieg des konservativen Kandidaten John Major für sich. Am Tag nach der Wahl titelte sie: "It's The Sun wot won it". Hinter derSun steht der australische Medienmogul Rupert Murdoch.

Auflage: ca. 2,5 Millionen Exemplare, Preis: £0,40, Webseite: http://www.thesun.co.uk

THE GUARDIAN

Wäre der Guardian ein Mensch, man würde bei ihm wohl Borderline diagnostizieren. Einerseits erlebte die Zeitung einen weltweiten Bekanntheitsschub, seit sie die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden veröffentlichte und so die Diskussionen über Massenüberwachungen durch Geheimdienste auslöste. Der Guardian expandiert nach Australien und in die USA, die Journalismusbranche feiert das Blatt für seine innovative Digital-Strategie. Andererseits schreibt es seit Jahren rote Zahlen, die Auflage sinkt bedrohlich und liegt aktuell bei nur noch knapp über 200.000 Exemplaren. Zum Vergleich: Die Freie Presse aus Chemnitz oder die Neue Westfälische aus Bielefeld liegen in der gleichen Größenordnung. Trotzdem: Die politische Relevanz des Guardian ist nicht zu unterschätzen. Kommunikationswissenschaftlerin Lohmeier meint: "The Guardian ist eine politisch links-ausgerichtete Qualitätszeitung, die immer wieder durch hochwertige investigative Berichte internationale Beachtung findet."

Auflage: ca. 200.000 Exemplare, Preis: £1,60, Webseite: http://www.theguardian.com

THE TIMES

Der Aufschrei war groß, als die News Corporation des australischen Medienmoguls Rupert Murdoch im Februar 1981 die renommierte Times kaufte. Murdoch war bis dahin vor allem mit dem Boulevardblatt The Sun aufgefallen. Bis heute wird dieTimes allerdings in der britischen Oberschicht geschätzt, wie Christine Lohmeier bestätigt: "The Times ist eine konservativ-liberale Tageszeitung, die den Ruf genießt, einen Großteil der politischen und wirtschaftlichen Elite unter ihren Lesern zu haben." Als eine der wenigen Zeitungen verlangt The Times Geld von den Lesern für ihren Online-Auftritt. Seitdem schwinden die Leserzahlen im Internet.

Auflage: 400.000 Exemplare, Preis: £1, Webseite: http://www.thetimes.co.uk

THE MORNING STAR

"Die Tageszeitung des Volkes“, nennt sich der Morning Star selbst. In der Tat gehört das Blatt, das der kommunistischen Partei Großbritanniens nahesteht, seinen Lesern. Doch die werden immer weniger. Die journalistische Kooperative sieht sich als einzige sozialistische Tageszeitung der englischsprachigen Welt. Kommunikationswissenschaftlerin Christine Lohmeier sagt: "DerMorning Star ist ein politisch links ausgerichtetes Tabloid Paper, das 1930 als Blatt der Arbeiter und Gewerkschaften gegründet wurde." Heute ist die stolze Zeitung nur noch ein Abziehbild ihrer selbst. Auf der Website wird um Spenden gebeten und die Auflage liegt, je nach Quelle, nur noch bei 15.000-30.000 Zeitungen.

Auflage: 15.000-30.000, Preis: £1, Webseite: http://morningstaronline.co.uk/

DAILY MAIL

Wem die Times zu anspruchsvoll ist und die Sun zu plump, der liest die Daily Mail, die Zeitung mit der zweithöchsten Auflage auf der Insel. "Sie wird dem sogenannten Mid-Market-Segment zugerechnet, das zwischen Tabloids und Broadsheet eingeordnet ist", erklärt Christine Lohmeier. Politisch sei das Blatt eher konservativ ausgerichtet. Der New Yorker nannte die Daily Mail einmal "die mächtigste Zeitung in Großbritannien". Zwar habe sie weniger Leser als die Sun, dafür würde sie von den Mächtigen ernst genommen. Nach eigenen Angaben ist die Leserschaft der Daily Mail in der Mehrzahl weiblich. MailOnline, die Onlineausgabe der Daily Mail ist mit Abstand die meist-gelesene Nachrichtenwebsite Großbritanniens und gehört zu den 100 meistbesuchten Websites überhaupt.

Auflage: ca. 1,8 Millionen Exemplare, Preis: £0.60, Webseite: http://www.mailonline.co.uk

THE DAILY TELEGRAPH

Neben der Times ist der Daily Telegraph die größte konservative Tageszeitung Großbritanniens. "Sie ist für ihre Unterstützung der konservativen Partei bekannt und hat sich dadurch den Spitznamen 'Torygraph' eingehandelt", sagt Christine Lohmeier (bezieht sich auf die konservative Tory Party, auch "Tories" genannt). Bereits im Jahr 1906 sorgte der Daily Telegraph für diplomatische Spannungen zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien, als sie ein heikles Interview mit dem damaligen Kaiser Wilhelm II. abdruckte. Die Website des Daily Telegraph ist bereits seit November 1994 online. "Damit wurde sie zur ersten europäische Zeitung, die im Web erhältlich war", sagt Christine Lohmeier. Seit 2004 ist die Zeitung im Besitz der schwerreichen Zwillinge David und Frederick Barclay.

Auflage: ca. 400.000 Exemplare, Preis: £1.20, Webseite: http://www.telegraph.co.uk

THE HERALD

Genau wie in vielen anderen Lebensbereichen hat Schottland was Zeitungen angeht einen Sonderstatus. Nicht die Londoner Blätter geben im Norden der Insel den Ton an, sondern die schottischen: The Herald aus Glasgow und The Scotsman aus Edinburgh. "Unter den schottischen Tageszeitungen hat The Herald die größte Leserschaft", sagt Christine Lohmeier. Allerdings: "Wie alle schottischen Regionalzeitungen steht der Herald im Wettbewerb mit den nationalen Tageszeitungen, von denen viele eine spezielle Version für schottische Leser anbieten."

Auflage: ca. 50.000 Exemplare, Preis: £1.10, Webseite: http://www.heraldscotland.co.uk

Die BBC

Die British Broadcasting Corporation ist zwar keine Zeitung, aber dennoch das wohl einflussreichste Medium in Großbritannien. Auntie, das "Tantchen", oder auch "The Beep" nennen die Briten ihre BBC scherzhaft. Und das piepende Tantchen ist mit 23.000 Mitarbeitern eine der größten Rundfunkanstalten der Welt. "Ihre ursprüngliche Aufgabe, der britischen Bevölkerung Informationen, Bildung und Unterhaltung zu liefern, hat die Entwicklung zahlreicher öffentlich-rechtlicher Rundfunkgesellschaften in Europa stark geprägt", erklärt Christine Lohmeier. Die BBC wird über eine direkte Gebühr aller Haushalte finanziert, ähnlich wie ARD und ZDF in Deutschland. Die BBC ist besonders für ihre Auslandsberichterstattung bekannt, aber genauso für selbst produzierte Serien - wie "Yes, Prime Minister".

BBC Webseite: http://www.bbc.co.uk
Preis: £145,50 im Jahr

Der Hort der Pressefreiheit in Gefahr?

Im Vergleich zu Deutschland gilt die britische Presse als härter. "Dort geht man wenig zimperlich mit den Menschen um, über die berichtet wird", sagt Christine Lohmeier. Viele Journalisten berufen sich dabei auf die traditionell starke Pressefreiheit, für die das Vereinigte Königreich bekannt ist – UK-Mitglied England schaffte die Zensur nämlich als erstes Land 1695 ab. Doch als der Guardian im letzten Jahr aus den Geheimdokumenten des amerikanischen Whistleblowers Edward Snowden zitierte, wurde der britische Geheimdienst GCHQ ungemütlich. "Ihr hattet euren Spaß. Jetzt wollen wir das Zeug zurück", sollen Geheimdienstmitarbeiter zu Alan Rusbridger, dem Chefredakteur des Guardian, gesagt haben. Unter Aufsicht zweier Techniker des Geheimdienstes zerstörten Guardian-Mitarbeiter daraufhin Festplatten und andere Datenträger mit dem brisanten Material. "Das war schon ein erstaunlicher Schritt", sagt Lohmeier, "denn die Pressefreiheit war in Großbritannien mit prägend auf dem Weg hin zur Demokratie".

Die Zukunft: digital, was sonst?

Wie fast überall auf der Welt wandelt sich die Mediennutzung auch auf der Insel. "Junge wenden sich von Zeitungen ab", heißt es in einer Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov von 2013. Die vermeintliche Folge: "Die Blätter sterben mit der alten Generation aus." Zwar lesen immerhin 61 Prozent der jungen Briten Online-Zeitungen, allerdings nimmt die Leser-Blatt-Bindung ab, wie Christine Lohmeier erklärt: "Die jungen Leute kaufen nicht mehr eine Zeitung und lesen die, sondern im Internet kommt es zu einer Vermischung." Leser setzten sich so mit Inhalten aus verschiedenen Medien auseinander. Dass der Sun-Leser auch mal zum digitalen Daily Telegraph surft, ist aber eher nicht anzunehmen.

 

Maximilian Zierer ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München und berichtet zwischen Bayern und Barcelona – und auch mal über Britannien.

Links: 

Ebenfalls brisant: Der Abhörskandal bei News of the World, dazu ein Stück aus dem Tagesspiegel.
Ein Spiegel-Artikel über Alan Rusbridger.
Video der Guardian-Mitarbeiter, die ihre Festplatten im NSA-Skandal zerstören mussten.
Eine Folge aus "Yes, Prime Minister" auf Youtube.
Auflagenzahlen der größten Zeitungen auf der Seite des Guardian.
Artikel aus dem New Yorker über die Daily Mail.
Und hier noch die YouGov-Studie zur Mediennutzung im Vereinigten Königreich.