Die romantischste Straße Europas liegt in Duisburg-Marxloh: An die 70 Hochzeitsgeschäfte haben sich in der Weseler Straße niedergelassen. Sie verkaufen Brautkleider und Schmuck und ziehen, vor allem am Wochenende, Paare aus ganz Europa an. Besonders türkischstämmige Brautleute schätzen die Angebote der Geschäfte. Autokennzeichen aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden zeugen von einer Internationalität der Kunden, die man sonst im Ruhrgebiet vergebens sucht. 

Mit den Hochzeitsgeschäften an der Weseler Straße, sagt Halil Özet, habe sich Marxloh versucht neu zu erfinden. Özet sitzt in seinem Loft in der oberen Etage eines umgebauten Bunkers aus dem Zweiten Weltkrieg. Hier wohnt und arbeitet er als Filmproduzent. Durch die Fenster, die einst dazu dienten, alliierte Bombergeschwader beim Anflug auf Duisburg zu ­beobachten, hat man einen Blick über den gesamten Stadtteil: Da ist die Hütte von ThyssenKrupp Steel, das immer noch eins der größten Stahlwerke Europas ist. Die Rauchschwaden haben die Rahmen der Fenster im Bunker verätzt, neue stehen schon zum Einbau bereit. Direkt an das ThyssenKrupp-Gelände grenzen die Häuser von Marxloh: viel Stuck, viel Gründerzeit und zwischendurch immer wieder Bäume, kleine Parks. Von hier oben betrachtet kommen einem die Schlagzeilen über dieses Viertel ziemlich seltsam vor: 

Selbst die Polizei traue sich nicht mehr rein in den Stadtteil, heißt es.
Die Kriminalitätsrate sei im Deutschlandvergleich beispiellos, heißt es.
Einwanderer-Clans aus dem Libanon würden Angst und Schrecken verbreiten, heißt es.
Marxloh = No-go-Area.

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Der erste Brautmodeladen öffnete vor rund 20 Jahren. Der Erfolg der Geschäfte sorgt für Selbstbewusstsein in Marxloh (Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz)
Der erste Brautmodeladen öffnete vor rund 20 Jahren. Der Erfolg der Geschäfte sorgt für Selbstbewusstsein in Marxloh (Foto: Jörg Brüggemann/Ostkreuz)

Als Özet hier geboren wurde, war Marxloh ein reicher Stadtteil. Das war vor 35 Jahren. Die Menschen hatten Arbeit. Sie verdienten ihr Geld im Stahlwerk und in den Zechen in Walsum und in Dinslaken. Damals war Marxloh noch kein von türkischen Einwanderern geprägtes Viertel, doch als die Zechen dichtmachten, gingen auch viele Deutsche. Die Türken blieben. 

Auch das Stahlwerk hat Personal abgebaut. Und die, die noch auf dem Gelände arbeiten, haben keinen Vertrag mehr bei ThyssenKrupp, sondern unsichere und schlechter bezahlte Jobs bei Dienstleistern, die für den Konzern arbeiten. 

„Ich habe selbst noch eine Aufnahmeprüfung bei der Zeche Walsum absolviert“, sagt Özet. Aber dann hatte er die Nase voll, wollte weg aus Marxloh und wurde Kameraassistent. Er arbeitete für TV-Sender und Werbeagenturen in ganz Europa. Irgendwann war er wieder zurück. „Ich wollte mich selbstständig machen, und ich wollte zurück zu meinen Wurzeln.“ Er übernahm den alten Bunker, richtete sein Studio dort ein und erfand die Initiative „Made in Marxloh“. Sie veranstaltet Ausstellungen im Bunker und dreht Filme über den Stadtteil. 

Als das Ruhrgebiet – und damit auch Duisburg – 2010 Kulturhauptstadt Europas wurde, schickte die Initiative 100 festlich gekleidete Bräute zum Bürgerfest auf die gesperrte ­Autobahn und schaffte es damit weltweit in die Schlagzeilen. Die Weseler Straße war am Boden, bevor hier vor 20 Jahren die ersten Brautläden eröffneten. Heute bekommt man dort keinen Laden unter 40 Euro den Quadratmeter. „Es sind viele neue Jobs entstanden, und vor allem hat dieser Erfolg den Menschen hier Selbstbewusstsein und Hoffnung gegeben“, sagt Özet. „Aber seitdem alle nur noch darüber reden, wie gefährlich es in Marxloh ist, wollen viele Türken wegziehen. Nicht nur die Geschäftsleute. Sie haben keine Lust mehr, in einem Stadtteil zu leben, der runtergeschrieben wird. Das ist hier sicher nicht das Paradies, aber dass sich keiner mehr auf die Straße trauen kann, ist Unsinn.“

Die Verbrechensstatistik sagt etwas anderes als die Schlagzeilen

Und das lässt sich mit Zahlen untermauern: Die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes für das Jahr 2014 weist Duisburg nicht als eine Verbrechenshochburg aus. 10.369 Straftaten auf 100.000 Einwohner verzeichnet die Statistik. 2013 waren es noch 10.692. Duisburg liegt damit weit hinter Frankfurt (16.938), Berlin (15.873) oder Dortmund (15.027), ungefähr auf dem Niveau von Stuttgart (10.190) und Karlsruhe (10.320). Mord und Totschlag gingen zurück, Körperverletzungen sind leicht angestiegen.

Pater Oliver ist weit davon entfernt, Marxloh als Idyll zu beschreiben. Er arbeitet im sozialpastoralen Zentrum an der Katholischen Kirche St. Peter. „Wir bieten hier die einzige Sprechstunde für die über 10.000 Menschen, die in diesem Stadtteil ohne Krankenversicherung leben.“ Die meisten von ihnen sind Roma aus Bulgarien und Rumänien. Viele von ihnen haben früher in der Landwirtschaft in Südeuropa oder auf Baustellen in Großbritannien gearbeitet. Nach Duisburg kamen sie, weil die Stadt noch immer den Ruf hat, ein starker Industrie­standort zu sein.Die gefährlichste Gegend Duisburgs ist auch nicht Marxloh, sondern die grenzt direkt an die Innenstadt. Hier wurde an der Vulkanstraße mit Genehmigung der Stadtverwaltung ein Großbordell angesiedelt, in dessen Nähe sich Rockerclubs wie die Bandidos niedergelassen haben. Immer wieder kommt es dort zu Revierkämpfen zwischen den verschiedenen Banden. 2009 erschoss ein Hells Angel einen Bandido und sorgte damit nicht nur für Schlagzeilen, sondern auch für weitere Auseinandersetzungen in der Szene. 

Die Stadt ist pleite, die Duisburger sind arm

Ein Gerücht, an dem nicht mehr viel dran ist. Duisburg hat eine Arbeitslosenquote von 13,3 Prozent. Die Stadt ist pleite, die Duisburger sind arm: Die Kaufkraft liegt bei gerade einmal 18.272 Euro je Einwohner. Im Bundesdurchschnitt sind es 20.877 Euro. 

Viele Roma kommen nach Marxloh, weil hier Wohnungen leer stehen und billig sind. Skrupellose Hausbesitzer vermieten sogar in verfallenen Häusern Matratzenplätze für bis zu 200 Euro im Monat. Ein lukratives Geschäft, das den Stadtteil herunterzieht. In der Nähe dieser überfüllten „Ekelhäuser“, wie sie zuweilen in der Presse genannt werden, finden sich nicht selten Müllberge, mit deren Abtransport die Stadt nicht nachkommt. Es leben einfach zu viele Menschen in diesen Häusern, die Abfalltonnen reichen für sie nicht aus.

Das Gerede von der No-go-Area ist auch für Pater Oliver Unfug: „Natürlich gibt es hier Kriminalität, und natürlich ist es hier härter als in Stadtteilen, die reicher sind, aber man muss auf der Straße keine Angst haben. Der Ruf der Libanesen-Clans, die das Viertel angeblich regieren, hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun.“ Die Polizeiwache im Viertel hätte nicht einmal einen Dienstwagen, sondern nur zwei Fahrräder. „Die Ausstattung der Wache in einer No-go-Area stelle ich mir anders vor.“ Polizeisprecher Ramon van der Maat sieht auch keine rechtsfreien Räume.„Vieles würde hier besser laufen, wenn die Stadt mit Initiativen und der Kirche zusammenarbeiten würde, aber da gibt es einen großen Nachholbedarf“, sagt Pater Oliver. Marxloh sei ein Stadtteil mit vielen Problemen, aber auch mit großen Chancen: „Die Menschen, die hier leben und klarkommen, schaffen das unter sehr widrigen Bedingungen. Solche Leute haben doch ein Potenzial, das man nutzen kann.“ Nur nutzt es keiner. Weil für Roma-Kinder kein Platz in den Schulen war, hat der Pater sein Arbeitszimmer geräumt. Es wurde zum Klassenraum.

Die Kinder müssen in die Schule gehen – sonst kommen sie hier nie raus

Pater Oliver kennt auch die Mitglieder des angeblichen Clans, der nicht nur aus Libanesen, sondern auch aus Türken, Kurden und einem Iraker besteht, und an einem schönen Sommerabend sitzen sie auf einer Bank neben einem kleinen Park. Sie begrüßen ihn, man macht Scherze, man kennt sich. Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel hier war, finden sie alle gut und hoffen, dass sich auch dadurch etwas ändert. Die Probleme mit den Bulgaren und Roma zum Beispiel: „Die brauchen vernünftige Wohnungen“, sagt einer von ihnen. „Die können doch nicht in diesen runtergekommenen Hütten mit den Ratten wohnen.“ Und überhaupt müssten deren Kinder in die Schule gehen: „Sonst haben die keine Chance, hier jemals rauszukommen.“

So wenig, wie sie selbst eine haben. In Marxloh leben viele Libanesen, einige bezeichnen sich als staatenlos. „Ich bin 24 Jahre alt. Ich bin hier geboren, das ist meine Heimat. Mit dem Libanon habe ich nichts zu tun“, sagt einer der Jungs und zeigt ein Papier, seine „Fiktionsbescheinigung“. Die gibt an, dass er für drei Monate eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland hat. „Wer gibt einem eine Lehrstelle oder einen richtigen Job, wenn man eine Aufenthaltserlaubnis für nur drei Monate hat? Niemand.“ Sicher, früher seien sie kriminell gewesen. „Kleinkram“ hätten sie gemacht, wie viele hier im Viertel. „Aber der deutsche Kevin kommt aus dem Knast und hat eine Chance. Wir nicht.“ Sie seien „keine Engel“, aber die Zeiten hätten sich geändert. Sie arbeiten 

im Messebau oder in Cafés. Schwarz, ohne Vertrag und für kleines Geld. Sie würden sich gern selbstständig machen. „Arbeit zu finden ist schwer. Ich mach mir Arbeit. Ich will arbeiten und mir ­etwas aufbauen.“ Auf große Hilfe der Stadt können sie nicht zählen. Die Street­worker, die sich um sie kümmern könnten, bieten nur eine Sprechstunde in der ­Woche an: mittwochs von 11 bis 15 Uhr.