Am Ende, als es schon keine Hoffnung mehr gab, wandte sich Alexander Kalich in einem Brief an die Öffentlichkeit. „Es bleibt kaum noch Luft zum Atmen“, schrieb der Leiter der Permer Sektion der russischen NGO Memorial und nannte die Tragödie, die sich seit Beginn des Jahres 2014 rund um die weltberühmte Gulag-Gedenkstätte Perm 36 abspielte, „eine feindliche Übernahme“. Wie war es dazu gekommen?

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Kaltes Grauen: Perm 36 war nur eins von vielen Arbeitslagern, die es zur Zeit der Sowjetunion in Sibirien gab
Kaltes Grauen: Perm 36 war nur eins von vielen Arbeitslagern, die es zur Zeit der Sowjetunion in Sibirien gab

Das Arbeitslager Perm 36, auch ITK-6 genannt, wurde 1946 rund 100 Kilometer nordöstlich der Ural-Stadt Perm errichtet. Es war Teil des Gulag-Systems unter Stalin. Erst 1987/88, als Michail Gorbatschow als Staatsoberhaupt seine Politik von Glasnost und Perestroika umsetzte, wurde Perm 36 geschlossen.

Die Lager wurden in der Sowjetunion viele Jahre lang geheim gehalten. Wie Millionen anderer Sowjetbürger glaubte auch die Historikerin Tatjana Kursina nicht an die Existenz von Perm 36, sondern an die Sowjetunion und ihre sozialistische Mission. „Ich dachte, ich und meine Kinder leben in einem wunderbaren Land“, sagt Kursina in einem Gespräch mit der „Neuen Zürcher Zeitung“. Der Besuch des Lagers im Zuge einer Exkursion 1992 war für die heutige Mittsechzigerin deshalb ein Schlüsselerlebnis, das ihr Leben veränderte. Sie entdeckte, dass die Lager tatsächlich existiert hatten, und sie begann sich dafür zu interessieren, wer dort inhaftiert gewesen war, wie die Menschen dort gelebt hatten, warum niemand von diesen Lagern gesprochen hatte.

Zusammen mit Menschenrechtlern und ehemaligen Häftlingen setzte sich Kursina dafür ein, den einstigen Lagerkomplex als Museum zu restaurieren und zu einem internationalen Forschungs- und Erinnerungsort auszubauen. 1994 gründete sich der Trägerverein des Museums „Gedenkzentrum für die Geschichte der politischen Repressionen Perm 36“. Kursina wollte den Menschen so ihre Angst nehmen. Denn diese Angst, die den Sowjetbürgern durch Stalins Schreckensherrschaft eingetrichtert worden war, verhindere, meint Kursina, dass sich die Menschen mit der Geschichte der Lager und den Schattenseiten der Sowjetunion beschäftigen können. Es sei „eine Angst, die vermutlich bis heute in uns weiterlebt“.

Der Verein restaurierte, auch unter Beteiligung von internationalen Organisationen, Zellen, Baracken und Wachtürme und trug eine Ausstellung zum Lagerleben und zur Repression politischer Häftlinge zusammen, mit Kleidungsstücken, selbst hergestellten Essutensilien oder Zeichnungen, die den Alltag im Lager dokumentieren.

Das Museum war das Paradebeispiel für ein offenes Russland, in dem es einer zivilgesellschaftlichen Graswurzel-Initiative gelungen war, eine progressive Erinnerungskultur zu etablieren. So wurde „Perm 36“ das einzige Museum zur düsteren Gulag-Geschichte, das auf einem ehemaligen Lagerkomplex errichtet wurde.

„Das war das Beispiel einer erfolgreichen Zusammenarbeit von Verwaltung und gesellschaftlichen Organisationen“, erklärt Tatjana Margolina, Beauftragte für Menschenrechte der Region Perm. „Der Staat war Eigentümer der Infrastruktur des ehemaligen Lagers, eine nichtkommerzielle Organisation sorgte für die ‚Füllmasse‘, also die Exponate, Archive, Führungen und Programme für Forschung und politische Aufklärung.“

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Eine der Baracken, in denen die Häftlinge unter unwürdigen Bedingungen untergebracht waren
Eine der Baracken, in denen die Häftlinge unter unwürdigen Bedingungen untergebracht waren

Ab 2005 fand außerdem das „Pilorama“-Festival auf dem Gelände des Lagers statt. Menschenrechtler, Wissenschaftler und Künstler trafen sich dort, um sich Theateraufführungen anzuschauen, zu diskutieren oder Konzerte zu besuchen. Doch mit der erneuten Präsidentschaft von Wladimir Putin 2012 drehte sich der Wind für die Gedenkstätte. Stalin-Kult und Sowjetmythen kamen wieder in Mode. Ehrliche Aufklärungsarbeit wurde von staatlicher Seite, von Neostalinisten und Sowjetnostalgikern zunehmend torpediert. Das Bewusstsein über die Verbrechen der Sowjetunion würden an den Rand der Gesellschaft gedrängt, beklagt Arseni Roginski, ein ehemaliger politischer Gefangener und heute Vorstandsvorsitzender von Memorial. „Der Staat“, so Roginski in einem Gespräch mit dem Nachrichtenportal Russia Beyond The Headlines (RBTH), „will die Arbeit gesellschaftlicher Organisationen wieder stärker kontrollieren, besonders in solch sensiblen Bereichen wie der Geschichte des Landes.“

Ab 2012 begann schließlich die „feindliche Übernahme“ des Museums. Unter dem neuen Gouverneur von Perm, Viktor Basargin, hatten es die Leiter von „Perm 36“ immer schwerer. Der Trägerverein und seine Aktivisten wurden genötigt, sich wie alle NGOs, die von internationalen Organisationen Geld beziehen, als „ausländische Agenten“ registrieren zu lassen. Dem „Pilorama“-Festival wurden die Gelder gekappt. 2014 kam es zum Eklat, der von einer internationalen Welle der Kritik begleitet wurde. Das Museum und seine Besucher wurden mit Kontrollen durch Behörden drangsaliert, Strafen für angeblich nicht angezahlte Strom- und Gasrechnungen flatterten ins Haus. Zudem erhielt „Perm 36“ eine Flut von Hassbriefen, die von der Putin-nahen patriotischen Gruppierung „Sut wremeni“ nebst ihrem Vordenker, dem Neostalinisten Sergej Kurginjan, sowie ehemaligen Lageraufsehern stammten und dem Verein „antisowjetische Propaganda“ vorwarfen. Der Verein entschloss sich, die Trägerschaft des Museums an den Staat abzugeben - mit der Hoffnung, die Demütigungen so stoppen zu können. Stattdessen entließen die Behörden die Museumsleitung unter Kursina und Viktor Schmyrow. Mit Natalja Semakowa wurde eine staatsnahe Beamtin installiert.

Es kam zu einigen Vermittlungsgesprächen, die jedoch ohne Ergebnis blieben. „Gesellschaftliche Initiativen finden in unserem Land wenig Unterstützung, im Gegenteil, sie stehen immer unter Verdacht“, sagte Roginski bei einem solchen Treffen. Am 3. März 2015 verkündete der alte Trägerverein seine Selbstauflösung. Und der Kultusminister der Region, Igor Gladnew, vermeldete, dass das Museum „eine Akzentverschiebung“ vornehmen werde. In einer neuen Ausstellung soll nun die Arbeit der Lageraufseher in den Vordergrund gerückt werden.

Ingo Petz, Jahrgang 1973, hat in Russland studiert und schreibt als freier Journalist vor allem über Osteuropa.