Ein Hubschrauber im Landeanflug auf eine Hochhausschlucht: Damit wir Zuschauer wissen, wo wir sind, steht „New York“ in Großbuchstaben auf der Straße geschrieben. Drei schwarze Männer mit schweren Waffen hängen an den Kufen des Hubschraubers und ballern los. Echt ist allerdings weder der Hubschrauber noch die gesamte Szenerie. Die Männer sind ein Drittel größer als das Fluggerät – da lag der Grafiker bei den Dimensionen leicht daneben. Egal, dafür fliegt als Nächstes das berühmte Restaurant Katz’s in die Luft.

Dieser Actionfilm ist weder in New York noch in einem Hollywood-Studio entstanden, sondern in Uganda, genauer: in Wakaliga, einem Slum in der Hauptstadt Kampala. Er ist die Heimat der Ramon Film Production – auch genannt: „Wakaliwood“ – ,der wahrscheinlich aufregendsten Actionfilm-Produktion Ostafrikas.

Ein paar abgewohnte Zimmer dienen als Proberaum und Werkstatt. Im staubigen Hof wird gedreht

Der Mann, der sämtliche Wakaliwood-Produktionen verantwortet, heißt Isaac Nabwana, trägt heute ein blaues Polohemd und ist schon wieder am Drehen. Gerade kontrolliert er eine Einstellung, die mit improvisiertem Greenscreen  gefilmt wird, einer mit grünem Stoff bespannten Wand. Vor ihr baumelt an einem Seil ein Halbwüchsiger mit Spielzeuggewehr, ungefähr einen Meter über dem Boden. Der einfarbige Hintergrund ermöglicht, dass man den Jungen später am Computer in die wahnwitzigsten Kulissen versetzen kann. Nabwana will, dass sein Schauspieler sich vom Seil fallen lässt, und scherzt: „Echte Kämpfer haben keine Angst zu springen!“

Er ist bei Wakaliwood Produzent, Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion. Hier im armen Wakaliga hat er ein Filmstudio geschaffen: Ramon Film Productions. Ein paar abgewohnte Zimmer dienen als Proberaum und Werkstatt. Im staubigen Hof, in dem Hühner herumrennen und Ziegen am möglichst unauffällig in die Ecken geschobenen Müll zupfen, wird gedreht.

Wakaliwood

Szenenbild aus Dreharbeiten in Wakaliwood, einer erfolgreichen Low-Budget-Filmproduktion in Uganda
Auch ein ziemliches Kaliber: „Maria“, ein Fantasie-Maschinengewehr, das vom modifizierten Motor eines Rasenmähers angetrieben wird und dessen rotierende Kolben aus alten Wasserrohren zusammengeschweißt wurden

Früher war der Stadtteil Wakaliga ein von Wald umgebenes Dorf, auch heute gibt es hier weder Müllabfuhr noch fließend Wasser oder eine regelmäßige Stromversorgung. Fünf Meter neben dem Hof verläuft ein offener Abwasserkanal, der auch schon mal in Filmproduktionen eingebaut wird: Ein rechtschaffener Actionheld hat auf der Flucht vor Mafiaschergen bereits in der Brühe baden müssen. „Die Leute wollen ihre eigene Welt auf der Leinwand sehen“, sagt Nabwana. „Wakaliwood ist eine Schöpfung des Ghettos für das Ghetto.“

Mit einfachsten Mitteln und Mikrobudget entstehen hier Filme, in denen möglichst viel geballert und wenig geredet wird. Filme, in denen künstliches Blut aus platzenden Kondomen spritzt. Filme, wie sie Nabwana liebt. Jede seiner Produktionen kostet zwischen 50 und 160 US-Dollar. Ganz so genau rechnet er da nicht nach. Er lacht. „Leidenschaft und Kreativität schaffen einen Film, nicht Geld.“

Wakaliwoods Charme basiert auf Improvisation. Deren Meister ist der 44-jährige Automechaniker und Schauspieler Dauda Bisaso

Wakaliwoods Charme basiert auf Improvisation. Deren Meister ist der 44-jährige Automechaniker und Schauspieler Dauda Bisaso. Da sich die ugandische Polizei weigert, Nabwana ihren Hubschrauber für einen Dreh zu leihen, tüftelt, sägt und schweißt Bisaso an Altmetall-Resten, um dem Filmemacher den Traum vom eigenen Hubschrauber zu erfüllen. Bislang ist das Skelett fertig. Maßstab 1:1. Noch fehlen die Rotoren. Nur ein Film von Nabwana wird das Ungetüm zum Fliegen bringen können.

Teil des metallenen Waffenarsenals, das Bisaso so schon geschaffen hat, ist „Maria“, ein Koloss von Maschinengewehr, das vom modifizierten Motor eines Rasenmähers angetrieben wird und dessen rotierende Kolben Bisaso aus alten Wasserrohren zusammengeschweißt hat. Als er das Gewehr vorführt, schreit er: „Mariamariamariamaria!“, wohl aus Mangel am echten Ballerton. „Wenn ich ein von mir gebautes Gewehr im Film sehe, bin ich stolz.“

Wann immer Nabwana ein neues Werk plant, dreht er stets zunächst einen Trailer, bringt ihn unter die Leute und fragt sie, wie sie sich den Fortgang des Films vorstellen. Aus diesen Ideen entwickelt er die Handlung weiter. Stets arbeitet er gleichzeitig an mehreren Filmen. Gedreht wird auf Luganda, der lokalen Sprache. Englische Untertitel kommen später dazu.

Wakaliwood

Öffentlicher Vorführraum in Wakaliwood
Viele der Fans von Isaac Nabwana haben, wie seine Filme, noch nie einen echten Kinosaal von innen gesehen. Die Wakaliwood-Produktionen laufen nur in improvisierten Vorführräumen, in denen auch US-Blockbuster gezeigt werden. Die kommentiert der Betreiber immer live, wie ein Fußballreporter. Denn die meisten Besucher können nicht so gut Englisch
 

Etwa 50 Spielfilme, schätzt Nabwana, hat er in den vergangenen neun Jahren gedreht. Erhalten geblieben sind gerade mal um die 20. Manche von ihnen, die nur auf dem Computer gespeichert waren, sind Stromausfällen zum Opfer gefallen. Andere der Regenzeit, die das nahe dem Abwasserkanal gelegene Studio unter Wasser gesetzt hat. Und wieder andere hat Isaac schlicht löschen müssen, weil die Festplatte voll war. Doch davon lässt er sich nicht erschüttern.

Seine Filme sind von realen Ereignissen in seinem Heimatland inspiriert. Er thematisiert die Ebola-Epidemie, korrupte Behörden und Polizisten, die mit Gangstern zusammenarbeiten. Armut und die Vernachlässigung von Kindern sind ebenfalls oft in seinen Filmen zu sehen.

Eine Garantie auf ein Happy End gibt es in Wakaliwood-Produktionen nicht. „Im Unterschied zu Hollywood sterben bei uns die Helden“, sagt Nabwana. „Gewalt kann töten, das will ich zeigen. Meine Helden tauchen in anderen Filmen wieder auf, so versteht jeder, dass es nur Schauspielerei ist.“

Sie brennen darauf, berühmt zu werden. Im Bus oder auf dem Markt in Kampala werden sie schon erkannt

Nabwana ist heute ein bekannter Filmproduzent in Uganda. Aufgewachsen ist er in Armut: Seine Familie hatte so wenig Geld, dass Nabwana die Schule nicht beenden konnte und in einer Backsteinfabrik anheuerte. Er sparte lange für einen Computerkurs, in dem er lernte, Computer aus Einzelteilen zusammenzubauen: An diesen Computern entstehen bis heute Filmschnitte und Grafiken, die Nabwanas Hubschrauber in Manhattan landen lassen. Er filmte Hochzeiten und Beerdigungen, um seine Frau und drei Kinder über Wasser zu halten. Später kamen Musikvideos dazu. Wann immer Geld übrig war, drehte er einen Actionfilm. Allmählich machte er sich einen Namen. Doch bei Hochzeiten und Beerdigungen ist Nabwana immer noch im Einsatz – von den Wakaliwood-Produktionen kann er nicht leben.

Dabei kann er für seine Filme auf etwa 30 loyale Schauspieler zählen, die mit Nabwana arbeiten, obwohl er ihnen keine Gagen zahlen kann: Sie brennen darauf, berühmt zu werden. Im Bus oder auf dem Markt in Kampala werden sie schon erkannt. Die Darsteller arbeiten allerdings nicht nur für den Ruhm, sondern werden auch am Verkauf der DVDs mit der Hälfte des Gewinns beteiligt. Eine DVD kostet umgerechnet 70 Cent – und ist eine Woche nach Verkaufsstart kaum noch verkäuflich. Dann sind Nabwanas Filme raubkopiert worden.

Sein berühmtestes Werk „Who killed Captain Alex?“ kann man online anschauen . Eine Stimme aus dem Off, Video-Joker genannt, kommentiert den Film – ein besonderer künstlerischer Kniff aus Uganda. Das sorgt für Lacher und Kontext. Wenn ein von Abwasser überfluteter Hof gezeigt wird, sagt die Stimme trocken: „Herrlich. Uganda, die Perle Afrikas.“ Als ein Söldner sich hinter einen Baum zurückzieht, um sich zu erleichtern, weiß der Joker: „Er hat eine gefährliche Waffe in der Hand.“

Wakaliwood

Der Amerikaner Alan Hofmani in einer Szene aus dem Film „Captain Alex“, einer Wakaliwood-Produktion
Alan Hofmani hat mal ein großes Filmfestival in den USA geleitet. Er hat sich vorgenommen, Isaac Nabwanas Filmkunst mit allen Mitteln zu fördern. Und wenn er dafür selbst mitspielen und sich von Kannibalen verspeisen lassen muss – wie hier in dem Film „Eaten Alive“

Millionenfach sind Nabwanas Trailer und Filme im Internet aufgerufen worden. Fans aus aller Welt rufen an, hinterlassen begeisterte Kommentare, senden selbst gedrehte Actionszenen ein, die der Regisseur verspricht, in den nächsten Film einzubauen.

Wie viele der knapp 2,6 Millionen Klicks auf den Trailer von „Captain Alex“ auf Alan Hofmanis zurückzuführen sind, ist schwer zu sagen. Der ehemalige Programmleiter des Lake-Placid-Filmfestivals sah Nabwanas Kreativität zum ersten Mal auf dem Handy eines Freundes in einer Bar in Manhattan. Damals, vor gut vier Jahren, verbiss sich der 46-jährige New Yorker in eine Mission: „Ich will die Wand zwischen dem westlichen Geschäftsmodell und Isaacs Kunst einreißen“, sagt er. „Isaac in Cannes. Das ist mein Ziel.“

Ugandas Mittelschicht will mit Wakaliwood nichts zu tun haben – weil die Filme aus dem Slum kommen

Dafür ist Hofmanis in den Slum nach Wakaliga gezogen und hat sich der Vermarktung von Nabwanas Filmen verschrieben. Doch sein Enthusiasmus stößt an Grenzen. Ugandas Mittelschicht will mit Wakaliwood nichts zu tun haben – weil die Filme aus dem Slum kommen. Ein Vertreter der ugandischen Botschaft in den USA komplimentierte ihn aus dem Büro: „Kommen Sie wieder, wenn Sie ein positiveres Bild von Afrika zu zeigen haben.“ Amerikanische Produzenten wiederum fragen, warum ein Regisseur aus dem Slum keinen Film über Armut dreht.

Diese Reaktionen verkennen Nabwanas Talent und Originalität, findet Hofmanis – und suchte im Netz Unterstützung: Er startete eine Crowdfunding-Kampagne für Wakaliwood. 160 Dollar für einen Filmdreh war das Ziel. Am Ende kamen 13.000 Dollar zusammen. Wakaliwood konnte Computer und Festplatten kaufen, der Dreh für die ugandische Version von Sylvester Stallones „Expendables“ ist inzwischen in vollem Gange.

Das Open-Air-Filmstudio in Wakaliga wird für Nabwanas Pläne allmählich zu eng. Er träumt davon, außerhalb der Stadt ein Stück Land zu kaufen, um mehr Platz zum Drehen sowie für eine kleine Filmschule zu haben, wo er „Filme für Leute in der ganzen Welt“ machen kann. Aus Uganda selbst will er nicht weg. „Ich bin Ugander und stolz darauf. Wir haben hier doch fast alles. Bis auf Schnee.“

Fotos: Frédéric Noy / Cosmos / Agentur Focus