Telefon, Kamera, Musikbibliothek, Spielekonsole, Navi, Fitnesstracker. Das Smartphone kann inzwischen fast alles. Aber können wir überhaupt noch ohne Smartphone? Der „Smombie“, also der Smartphone-Zombie, ist das Jugendwort des Jahres, und Studien belegen, wie sehr wir an den Geräten hängen. Fluter.de hat mit dem Psychologen Dr. Bernd Sobottka von der AHG Klinik Schweriner See über Digitalsucht gesprochen.

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Zwei körperlose Arme, auf einen Tisch abgestützt, halten ein Smartphone in der Hand
Für manche Paare, die sich nichts mehr zu sagen haben, sind Smartphones ja fast schon ein Segen

Fluter: Laut „Onlinestudie“ von ARD und ZDF hängen wir im Durchschnitt drei Stunden täglich an unseren Smartphones. Werden die Telefone langsam zum Problem?

Bernd Sobottka: Ich würde das riesige Spektrum der Smartphones eher als nützlich und nicht als problematisch bezeichnen. Bedenklich kann es jedoch sein, wenn Smartphones so häufig genutzt werden, dass die reale Kommunikation in den Hintergrund rückt. Manche verlieren sich stundenlang beim Gaming, andere beim Chatten. Das geschieht vor allem dann, wenn das Smartphone der Hauptinternetzugang ist.

Aus welchen Gründen kleben die Betroffenen an ihren Smartphones fest?

Häufig besteht ein Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit. Wer nach und nach in Foren und Chatrooms Kontakte knüpft, kommt schnell auf massive Chatzeiten. Die Mitglieder wollen dann zur Peergroup gehören und müssen online am Ball bleiben. Wenn sie das nicht tun, glauben sie, sie würden etwas verpassen oder könnten nicht mithalten.

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Körperlose Arme halten in einem Vorlesungsraum Smartphones in der Hand
Gekommen, um zu swipen: Sogar dort, wo man besser mal aufschauen und zuhören sollte

Welche Personen sind dabei vor allem betroffen?

Beim Gaming sind es zu 90 Prozent junge Männer. Die aktuelle „Pinta-Diari-Studie“ besagt, dass sowohl Frauen als auch Männer in einem problematischen Ausmaß online sind. Junge Frauen verbringen dabei mehr Zeit beim Chatten, junge Männer beim Spielen. Dieses Klischee wird in der Studie empirisch untermauert. In unserer Klinik haben wir bislang nur wenige Fälle, die ausschließlich mit den Smartphones Probleme haben. In den Beratungsstellen kann das sicherlich anders aussehen. Den Prognosen der Studie zufolge kommt da bald eine größere Patientengruppe auf uns zu.

Wie lange muss ich mich mit meinem Smartphone beschäftigen, bis man mich als süchtig bezeichnen würde?

Da gibt es keine einheitlichen diagnostischen Kriterien. Zunächst lässt sich ein pathologisches Verhalten nicht immer an der Nutzungsdauer messen. In Deutschland nutzen Jugendliche ihre Smartphones oder andere Internetzugänge mehrere Stunden am Tag. Mit dieser Entwicklung müssen wir umgehen. In Skandinavien, den USA und manchen asiatischen Ländern liegen die Zeiten deutlich höher. In der Therapie betrachten wir, was für langfristige Konsequenzen eine hohe Nutzungsdauer haben kann. Wir behandeln Menschen, die durchschnittlich etwa zehn Stunden am Tag online sind und dabei den Bezug zur Realität verlieren. Menschen, die wegen des Spielens oder Chattens die Schule, die Arbeit oder den Kontakt zu Familie und Freunden vernachlässigen. Es kommt beispielsweise zur Veränderung des Schlaf-Wach-Rhythmus, Fehlernährung oder Vernachlässigung der Körperhygiene. In diesen Fällen kann man davon ausgehen, dass ein Krankheitsbild vorliegt. Ob das dann als Sucht oder pathologisches Verhalten bezeichnet wird, ist zweitrangig.

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Ein körperloser Arm hält in einer Toilette ein Handy in der Hand
Restroom oder Chatroom? Die ganz harten Fälle können es auch hier nicht lassen

Wie kann man Betroffenen helfen?

Die Angehörigen sollten sich zunächst mit den Betroffenen auseinandersetzen. Verbote nützen in der Regel überhaupt nichts. Denn Möglichkeiten, online zu sein, gibt es immer. Am besten ist es, gemeinsam eine Lösung zu finden. Dabei können zum Beispiel Vertrauenslehrer und Beratungsstellen helfen, die sich mit Medien auskennen. Für die Betroffenen geht es darum, sich nicht den Automatismen des Geräts zu unterwerfen. So könnte man zum Beispiel Nachrichtensignale und Push-Benachrichtigungen deaktivieren, damit man sich nicht so häufig dazu verleiten lässt, das Telefon zur Hand zu nehmen.

Was halten Sie von einer App wie „Moment“, die das eigene Nutzungsverhalten dokumentiert und gegen Smartphone-Sucht helfen soll?

Diese App ermöglicht, das eigene Nutzungsverhalten zu objektivieren. Sie erfasst die Zeit und bietet Alarmsignale und Sperren bei übermäßiger Nutzung an. Diese Quantifizierung ist eine faire Sache. Die App kann helfen, die Nutzungsdauer zu begrenzen. Das funktioniert aber nur bei Menschen, die ihr Verhalten ohnehin schon reflektieren können. Personen, die ihr Medium in pathologischem Ausmaß nutzen, haben diese Entscheidungsfreiheit für eine selbstständige Regulierung jedoch nicht mehr. Gegen die App ist also nichts einzuwenden, wenn sie bei der Quantifizierung hilft. Ein Therapeutikum ist sie aber sicherlich nicht.

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Zwei körperlose Arme halten in einem Wohnzimmer Smartphones in der Hand
Und das mit dem Couchsurfing war auch anders gemeint

Dr. Bernd Sobottka ist leitender Psychologe an der AHG Klinik Schweriner See in Mecklenburg-Vorpommern. Die Klinik ist spezialisiert auf psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Suchtmedizin. Dr. Sobottka behandelt dort also auch Fälle von pathologischem Computer-Gebrauch, wie es in der Fachsprache heißt.

Philipp Brandstädter ist freier Journalist in Berlin. Sein Smartphone sagt, seine Rekordruhezeit in Sachen Nichtnutzung läge bei 527 Minuten. Da muss er beim Nachrichtenchecken eingenickt sein.

Illustrationen: Kamit Kotarba