Auf den ersten Blick ist Geir Sebastian Tiainen ein typischer Teenager. Er liebt es, stundenlang mit seinen Freunden zu chatten und Computerspiele zu spielen. Meist trägt der 18-Jährige Jeans und T-Shirt, meistens von GAP. Er schätzt Marken wie Adidas, Billabong, Puma oder Vans. Doch Geir hat auch ganz andere Kleider in seinem Schrank. Sobald er in sie hineinschlüpft, wird er zum Botschafter seiner Kultur.

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Jede Region hat ihren eigenen Stil: Ein Profi erkennt also sofort, dass diese Tracht nicht aus Finnland, sondern aus Norwegen kommt (Foto: Gerald Haene/laif)
Jede Region hat ihren eigenen Stil: Ein Profi erkennt also sofort, dass diese Tracht nicht aus Finnland, sondern aus Norwegen kommt (Foto: Gerald Haene/laif)

Geir ist Sámi, so heißt das einzige indigene Volk innerhalb der Europäischen Union. Sápmi, das Siedlungsgebiet der Sámi, erstreckt sich vor allem über Lappland im Norden von Finnland, Schweden und Norwegen bis nach Russland.

Geirs Familie lebt im finnischen Teil, rund 400 Kilometer oberhalb des Polarkreises. Im Winter wird es hier bis zu minus 40 Grad Celsius kalt. Seine Eltern führen im einsam gelegenen Lemmenjoki Nationalpark ganzjährig einen Ferienhof. Jetzt im Sommer, wo die Sonne kaum untergeht, bieten sie für Touristen zum Beispiel Kanufahrten auf dem angrenzenden See an.

Zum Hof gehört neben einigen Holzhütten für Gäste auch das Restaurant „Ahkun Tupa“. Ahkun bedeutet auf Nordsamisch „Großmutter“, und Tupa auf Finnisch „Stube“ oder „Wohnzimmer“. Großmutters Stube spiegelt die beiden Kulturen aus Geirs Familie wider, denn sein Großvater war Sámi und seine Großmutter eine Finnin aus dem Süden. 1955 eröffneten sie ihren Ferienhof, den nun Geirs Eltern weiterführen. Wie ihre Vorfahren besitzt die Familie einige Rentiere, einstmals waren es große Herden, die mit ihrem Fleisch, Fell und ihrer Milch den Sámi das Überleben in der Natur sicherten. Auch Fischerei wurde betrieben.

In der Stube erinnern vergilbte Bilder an die alten Zeiten. Geir, der sich nun umgezogen hat, sieht ein bisschen aus wie den historischen Fotos entsprungen. Der 18-Jährige führt seine traditionelle Sámi-Tracht vor, zu der neben Lederschuhen mit hochgezogener Spitze und bunten Schuhbändern, eine Lederhose und das Gákti, ein kittelähnliches Oberteil, gehört. Typisch ist dabei der an der Taille angesetzte Stoff, das Schößchen. Das blaue, dicke Wollgewand ist mit detailreich gestickten Bändern dekoriert, ebenso der hohe Hut. „Ich finde es toll, dass ich durch die Kleidung meine Kultur repräsentieren kann“, sagt Geir.

Eine Tracht für über 5.000 Euro

Seine Mutter Margetta Jompan-Tiainen hält zum Vergleich ihr Gewand daneben. Die Röcke der Frauen sind etwas länger. Es gibt jeweils eine Tracht für den Winter und den Sommer. „Dieses Wintergewand kostet über 5.000 Euro“, sagt Margetta, die alles in Handarbeit genäht hat. Jedes Detail hat seine Bedeutung – die kleinen Ringe am Gürtel symbolisieren zum Beispiel, dass Geir noch unverheiratet ist. Einst trugen die Sámi ähnliche Outfits als Arbeitskleidung, wenn auch nicht so kunstvoll verzierte.

Jede Region hat ihren eigenen Stil und andere Muster – ein Profi erkennt also sofort, dass Geirs Familie aus Enontekiö stammt. Manche sehen sogar, wer die Tracht genäht hat. Die Infos stehen in keinem Buch, sie werden von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. In Finnland gibt es einige Souvenir-Shops, die Fake-Sámi-Kleider verkaufen, was in der Community stark kritisiert wird.

Heute tragen die Sámi ihre Tracht meist nur zu besonderen Familienfesten und ihrem eigenen Nationalfeiertag Anfang Februar. „Ich fühle mich als Sámi und nicht als Finne“, sagt Geir, der in der Schule auch Unterricht auf Nordsamisch hat. Lange wurde den Sámi verboten, ihre eigene Sprache zu sprechen und ihre Kultur wurde unterdrückt. Heute haben sie mehr Rechte und sowohl in Norwegen als auch in Schweden und in Finnland haben die Sámi ein eigenes Parlament.

Das Sámi-Dasein als Politikum

Dennoch sind viele Sámi enttäuscht, dass das Finnische Parlament die Indigenous and Tribal Peoples Convention, kurz ILO 169, die ihnen mehr Rechte geben würde, bis heute nicht unterschrieben hat. Anders als die norwegische Regierung. Außerdem ist es ein Politikum, wer überhaupt als Sámi anerkannt wird. Mindestens ein Elternteil muss zum Beispiel eine samische Sprache als Muttersprache nachweisen können. Die Volksgruppe wird insgesamt von der Finnischen Botschaft in Berlin auf 76.000 bis 110.000 Personen geschätzt, nur die Hälfte davon spricht noch eine der Sámi-Sprachen. Manche Sámi fürchten sogar, dass ihre Kultur demnächst aussterben könnte. In Finnland leben etwa 7.500 bis 9.000 Sámi. Die meisten wohnen im Süden, sie werden City-Sámi genannt.

Einer von ihnen ist Markku Laakso. Gemeinsam mit seiner Frau Annika Dahlsten lebt er in der Stadt Turku. „Und doch träume ich fast jede Nacht von meiner Heimat“, sagt Laakso. Der Künstler wuchs in Enontekiö auf, sein Gewand ähnelt also dem von Geirs Familie. Laakso spricht selbst jedoch kaum Samisch.

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Geht gar nicht: Die Sámi sehen es nicht gern, dass Souvenirshops ihre Trachten verkaufen (Foto: Gerald Haene/laif)
Geht gar nicht: Die Sámi sehen es nicht gern, dass Souvenirshops ihre Trachten verkaufen (Foto: Gerald Haene/laif)

In seinen Gemälden setzt er sich immer wieder mit der Identitätsfrage auseinander. Auf einem sitzt ein Sámi neben Elvis am Lagerfeuer. So wie er hier die Kulturen mischt, macht er dies auch in den Video- und Fotoprojekten mit seiner Frau. Dahlsten ist Finnin. „Bei Performances trage ich manchmal die Tracht meiner Schwiegermutter, im Alltag würde es nie tun“, sagt die Künstlerin. Obwohl sie es als Frau eines Sámi sogar dürfte. „Ich denke, dass das Gewand sehr politisch ist. Es hat etwas Tiefgreifendes, sogar Heiliges.“ Für eine Arbeit kreierte das Künstlerehepaar eigene Sommergewänder, die sie mit verschiedenen Stilen kombinierten. Sie fotografierten sich darin in Afrika und im Hamburger Zoo. Während ihrer Weltreise wollten Dahlsten und Laakso das Anderssein und die Frage nach der Originalität erforschen.

Zuletzt drehten sie eine Art Rockmusikvideo, bei dem sie und eine Gruppe von Tänzern verschiedene Sámi-Trachten tragen. Als das Video erstmals im Rahmen der Ausstellung „Sámi Contemporary“ gezeigt wurde, kritisierten einige Sámi, dass es zu humoristisch sei und die Künstler die Tracht nicht richtig präsentieren würden. Dabei will das Paar bewusst die bedrohte Kultur wahren, aber eben auch neue, moderne Einblicke gewähren. Oft wurden die Künstler gefragt, ob sie die „hübschen und süßen Kostüme“ bei Vernissagen oder anderen Events tragen könnten. „Zu viele in der Kulturszene sehen das Gewand immer noch als Kostüm“, sagt Laakso. „Ich finde, das zeigt die Naivität und Ignoranz gegenüber den Sámi-Rechten.“

Als Rheinländerin ist Alva Gehrmann an Karneval schon in viele Rollen und Kleider geschlüpft. Nach der Recherche für diese Story ist der Berliner Journalistin klar, dass sie aus Respekt vor der Sámi-Kultur nie ein Gákti tragen würde.