Der Abzug internationaler Truppen aus Afghanistan im vergangenen Jahr markierte – wenn auch noch nicht vollständig abgeschlossen – einen Wendepunkt für das umkämpfte Land. Ganz besonders betroffen waren alle, die mit ausländischen Organisationen zusammengearbeitet hatten. Auf einmal fiel die einst garantierte Sicherheit weg, und die Angst ging um: Was wird bloß passieren in einem Land, in dem alles passieren kann? Das fragte sich auch Sharmila Hashimi.

Als Frau wurde die junge Journalistin doppelt angefeindet: Sie erhielt Drohungen, weil sie für ausländische Medien über Frauen- und Bürgerrechte geschrieben hatte – und weil dort unter ihren Kollegen natürlich auch Männer waren. Für die religiösen Führer in ihrer Heimatstadt Herat gehört es sich nicht, dass Frauen mit Männern zusammenarbeiten, zumal mit „ungläubigen“ Ausländern. Sie war für sie eine Schande, die es zu beseitigen galt. „Solche Gedanken sind gefährlicher als die Taliban“, sagt Hashimi heute.

Die 28-Jährige ist in ihrem zweiten Berliner Sommer auffallend gut gelaunt, sie lacht viel. Nach mehreren Monaten im Asylbewerberheim hat sie mittlerweile einen Aufenthaltstitel. Und sie hat in einem Gemeindehaus der evangelischen Kirche eine Wohnung für sich und ihren siebenjährigen Sohn Bilal gefunden. In der Schule ist er einer der Besten, sagt die Mutter stolz. Es geht also bergauf. Trotzdem vermisst sie ihre Familie, besonders ihren Mann.

Hashimi, die einige Zeit Journalismus und im Nebenfach Jura studiert hat, wollte in Afghanistan eigentlich ein Zentrum für den Schutz, die Vertretung und Ausbildung von Journalisten aufbauen, auch ein privates Radio wollte sie gründen. Doch dann kam alles anders: Die Sicherheitskräfte verließen das Land, Unbekannte durchsuchten Hashimis Wohnung, stahlen Laptops, Kameras und Telefone. „Sie wussten ganz genau, was wir vorhatten“, sagt Hashimi. Über Kabul floh die Familie nach Pakistan, von dort sollte es mit gefälschten Pässen in die Türkei gehen. Doch am Flughafen wurde ihr Mann festgehalten – die Tarnung flog auf, die Maschine hob ohne ihn ab.

Drei Monate habe es gedauert, bis sie endlich in Deutschland angekommen sei, erzählt Hashimi, in einem Lkw sei sie zunächst nach Griechenland gelangt. Dass es ihr in Berlin erst nicht gut ging, erzählte sie den Verwandten nicht. Sie wollte niemanden beunruhigen. Jetzt, nach unzähligen Deutschstunden, einer aufreibenden Wohnungssuche und einem Praktikum bei der Deutschen Welle, kann sie wieder nach vorne schauen. In einigen Monaten will endlich auch ihr Mann nach Berlin kommen.

Wenn die Lage in Afghanistan so bleibt – „es ist schlimmer als vorher“ –, wird Sharmila Hashimi ihr Radio-Projekt nicht weiterverfolgen. Dafür hat sie einen neuen Traum: auf dem Sozialamt mit Flüchtlingen arbeiten. „Dort hört niemand zu“, klagt sie.

Amélie Loser wurde 1976 in Versailles geboren. In Paris hat sie deutsche Literatur und Kunst studiert, anschließend in Berlin Dokumentarfotografie. Ihr Spezialgebiet sind Porträts, Reportagen und multimediales Storytelling. www.amelielosier.com

Lukas Wohner arbeitet neben dem Studium als freier Journalist in Berlin – wenn er nicht gerade fluter-Praktikant ist. Auch wenn's pathetisch klingt: Im Gespräch mit den verfolgten Kollegen wurde ihm klar, wie gut es Journalisten in Deutschland haben.

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