Es gibt in Sergei Loznitsas Dokumentarfilm „Austerlitz“ eine zufällige Einstellung, die man fast als Kommentar des Regisseurs verstehen könnte. Darin blickt ein Mann für einige Sekunden aus dem geöffneten Fenster in einer KZ-Gedenkstätte regungslos in die Kamera. Er trägt ein Jurassic-Park-Shirt, wie es in Steven Spielbergs Film auch die Besucher des gleichnamigen Vergnügungsparks kaufen konnten. Sein kurzes Innehalten fügt sich nahtlos in den Besucherstrom, der sich durch die engen Räume und über die offenen Plätze schiebt – und doch bleibt das Bild im Kopf, weil die Parallele zwischen dem fiktiven Themenpark und der realen Gedenkstätte in diesem Moment offenkundig wird. Auch die ehemaligen Konzentrationslager in Sachsenhausen, Dachau und Buchenwald sind heute Touristenattraktionen, die jedes Jahr Millionen von Besuchern anlocken. Natürlich erfüllt eine KZ-Gedenkstätte eine andere gesellschaftliche Funktion als ein Vergnügungspark, doch das Verhalten, das die Menschen in „Austerlitz“ in den vermeintlich unbeobachteten Situationen zeigen, lässt zumindest auch einen anderen Schluss zu.

Darf man hier ein Wurstbrot essen?

Der Dresscode, in dem die Besucher über das Gelände streichen, ist sommerlich casual. Man könnte darüber streiten, ob die Sprüche auf ihren T-Shirts („Cool Story, Bro“ oder „This Is Your Lucky Day“) der historischen Bedeutung des Ortes angemessen sind oder ob man sein Wurstbrot wirklich da essen sollte, wo 70 Jahre zuvor Zehntausende von Menschen in den Todesfabriken der Nazis ihre Leben verloren. Der Film stellt diese Fragen nicht ausdrücklich, er beobachtet das Verhalten der Menschen.

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Szene aus dem Film Austerlitz
Keine Interviews, keine Nahaufnahmen, keine Farben – Sergei Loznitsa beobachtet den Gedenkstättentourismus aus der Distanz

Viele Besucher laufen mit ihren Handykameras über das Gelände, manche schmeißen sich vor dem schmiedeeisernen Tor mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ in Pose und schießen Selfies. Für wen? Verschicken sie diese Bilder später über Snapchat?

Erinnern – aber wie?

Der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa hat sich in den vergangenen Jahren als Dokumentarfilmer einen Namen gemacht. Sein bekanntester Film „Maidan“ begleitete die ukrainischen „Euromaidan“-Proteste im Januar 2014 kommentarlos von ihren friedlichen Anfängen bis zur blutigen Niederschlagung und wahrte dabei eine neutrale Haltung. Ähnlich arbeitet Loznitsa in „Austerlitz“. Einen Sommer lang drehte er in verschiedenen deutschen KZ-Gedenkstätten.

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Szene aus dem Film Austerlitz
Die Zahl der Gedenkstättenbesucher wächst seit Jahren. Nach Sachsenhausen bei Berlin kommen jährlich rund 500.000 Besucher, nach Dachau bei München um die 800.000 Besucher

Loznitsa will nicht das Verhalten der Menschen in seinem Film bewerten. „Für mich“, erklärt er im Interview, „besteht ein Widerspruch zwischen ihrem Verhalten und der historischen Bedeutung des Ortes. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches, die Besucher des Konzentrationslagers verhalten sich menschlich. Es gibt keinen Verhaltenskodex für einen solchen Ort.“

Keine Antworten, viele Fragen

Die zentrale Frage führt zurück zu der Szene mit dem Mann im Jurassic-Park-Shirt: Welche Funktion erfüllen KZ-Gedenkstätten heutzutage? Entwürdigt der Gedenkstättentourismus diese Orte, oder ist es nicht sogar wünschenswert, dass sie wieder mit Leben erfüllt sind – ohne dass ihre Geschichte darüber in Vergessenheit gerät?

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Szene aus dem Film Austerlitz
Aber wie geht das zusammen – der Massentourismus und das Erinnern an den Holocaust? Austerlitz liefert Anschauungsmaterial für diese schwierige Frage

Loznitsa nimmt dem Publikum die Antwort nicht ab. Er liefert Anschauungsmaterial, anhand dessen man sich eine eigene Meinung bilden kann. „Ich möchte das Publikum involvieren“, sagt er, „es soll in einen Dialog eintreten. Die Zuschauer haben die Möglichkeit, etwas in meinen Filmen zu entdecken, statt Erklärungen vorgesetzt zu bekommen.“

Ein wenig ratlos lässt einen „Austerlitz“ aber dennoch zurück. Das beginnt schon mit dem Titel. Der gleichnamige Roman von W. G. Sebald handelt von einem jüdischen Kunsthistoriker mit einem Interesse an öffentlichen Gebäuden. Die stellen für die Titelfigur Jacques Austerlitz einen Zugang zur Geschichte dar. Für Loznitsa wiederum ist eine KZ-Gedenkstätte hierfür ein exemplarischer Ort. Ihm geht es darum, dass die Menschen ihr Verhältnis zur Geschichte wieder reflektieren. Man könnte nun das Verhalten der Gedenkstättenbesucher in „Austerlitz“ als Beleg dafür heranziehen, dass dieses historische Bewusstsein nicht mehr allzu ausgeprägt ist. Oder umgekehrt, dass sich die Erinnerungskultur in Zeiten des Massentourismus nicht mehr auf der Höhe der Zeit befindet. Klar ist: Wenn man das Leben aber an diese Orte einlädt, muss man es – mit allen Randerscheinungen – aushalten.

„Austerlitz“, Regie & Buch: Sergei Loznitsa, D/USA, 94 Min.