Warum geht ein deutscher Landwirt nach Russland? Da muss Christian Kowalczyk keine Sekunde überlegen. „Hier gibt es all das, was dem deutschen Bauern fehlt“, sagt er und lässt in der Begeisterung die fränkische Sprachfärbung umso deutlicher erkennen. „Genügend Ackerland. Günstigen Diesel und tolle Frauen.“

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Traditionelle Landwirtschaft in Russland: Ein Bauer und seine Maschine, gezogen von zwei Pferden, auf dem Feld  (Foto: Universal History Archive/ Kontributor)
(Foto: Universal History Archive/ Kontributor)

Vielleicht nicht unbedingt Geld wie Heu – aber es lässt sich schon ganz gut verdienen in Russlands Landwirtschaft. Wenn man die Sache richtig anzupacken weiß

Gerade beginnt die Aussaat auf den weiten Feldern des Betriebes mit dem Namen LLC RAV Agro Orel. Kowalczyk ist Angestellter dieses Großbetriebes, der dem größten tschechischen Finanzdienstleister, der PPF Group, gehört. Der Betrieb befindet sich im Dorf Soskowo, wo ein paar tausend Menschen leben, etwa 85 Kilometer entfernt von der westrussischen Stadt Orjol und dem Dreiländereck zwischen der Ukraine, Weißrussland und Russland.

Als stellvertretender Geschäftsführer ist der gebürtige Oberfranke derjenige, der den Betrieb jeden Tag am Laufen halten muss. Eine Aufgabe, die in einem russischen Landwirtschaftsbetrieb etwas andere Dimensionen hat als auf einem deutschen Bauernhof. Kowalczyk kümmert sich um 158 Mitarbeiter und 35.000 Hektar Ackerfläche – was gut einem Drittel der Fläche Berlins entspricht. Der durchschnittliche deutsche Landwirt bestellt gerade mal 60 Hektar Feld. Das ist eine Fläche doppelt so groß wie der Berliner Zoo.

„Ich bin langsam in diese Größenordnungen hineingewachsen“

„Alles nur Mathematik“, wiegelt Kowalczyk ab. „Ich bin langsam in diese Größenordnungen hineingewachsen.“ In seiner Heimat nahe Coburg und Triesdorf, wo er 2002 seinen Abschluss als Agraringenieur machte, gibt es einige Betriebe, die zwischen 150 und 500 Hektar groß sind. Nach dem Studium ging er nach Brandenburg, wo er auch als Betriebsleiter Flächen von bis zu 1.500 Hektar betreute. „Dort war es mir aber zu öde und menschenleer“, sagt Kowalczyk. Ein Freund reiste mit ihm 2006 nach Russland. „Das war reiner Zufall. Aber ich habe sofort die Möglichkeiten in der Landwirtschaft erkannt. Außerdem gefiel mir das Leben dort, die Mentalität liegt mir.“

Der junge Landwirt heuerte bei Stefan Dürr an, einem Deutschen, der seit Anfang der 1990er-Jahre in der russischen Landwirtschaft tätig ist und dem mit Ekoniva eines der größten russischen Agrarunternehmen gehört. Ab 2009 bekam Kowalczyk die Chance, einen Großbetrieb von 24.000 Hektar aufzubauen. Seit April 2015 lebt er nun in Soskowo, zusammen mit seiner Familie. Seine Frau, die ebenfalls eine studierte Agraringenieurin ist, lernte er auf dem Acker kennen. 2011 wurde die erste Tochter geboren, 2015 die zweite. „Mit einer russischen Frau ist die Integration natürlich viel einfacher“, sagt Kowalczyk. „Meine Frau ist ja auch vom Fach. Und wir begegnen uns absolut auf Augenhöhe. Dazu hat sie aber viel mehr Verständnis dafür, wenn ich abends erst um zehne nach Hause komme und das Wochenende durcharbeiten muss. Da wäre in Deutschland schon der Teufel los.“

„In Deutschland kannst du als Landwirt einfach nichts verdienen“

Ob dem so ist oder nicht, tatsächlich haben es junge Bauern in Deutschland nicht leicht, eine Partnerin zu finden – was nicht nur am schlechten Image der Landwirtschaft liegt, sondern auch an den eher bescheidenen Verdienstmöglichkeiten. Im Jahr 2014/2015 sanken die Einkommen der Bauern in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um etwa ein Drittel. Durchschnittlich lag das monatliche Einkommen bei 2.500 Euro brutto. Für die sinkenden Einkünfte macht der Bauernverband unter anderem die Handelssanktionen der EU gegen Russland und die Ausweitung der Produktion von Milcherzeugnissen in Neuseeland und in den USA verantwortlich, was die Weltmarktpreise beeinträchtigt habe.

„In Deutschland kannst du als Landwirt einfach nichts verdienen“, erklärt Kowalczyk. „Da hast du als angestellter Geschäftsführer ein Leben in gesicherter Armut. Bei all den überteuerten Immobilien und Bodenpreisen brauchst du zu viel Kapital.“ Für einfache Angestellte allerdings ist der Durchschnittslohn in der russischen Landwirtschaft auch eher gering. Im März 2016 lag das monatliche Einkommen bei 18.000 Rubel, umgerechnet rund 235 Euro. Doch als leitender Angestellter und Fachkraft aus Deutschland verdient Kowalczyk deutlich mehr. „Im Vergleich zu einem Betriebsleiter im Umland von – sagen wir – Neuruppin oder Magdeburg ist mein Verdienst mehr als nur besser.“

Und es kommt noch etwas hinzu, das ihm im „langweiligen Deutschland“ fehlte: Abenteuer

Und es kommt noch etwas hinzu, das ihm im „langweiligen Deutschland“ auch fehlte: „sehr viel Abenteuer“. Mit der russischen Sprache gehe es schon los, die hat der Coburger direkt auf dem Acker gelernt. „Mit Dolmetscher wird das hier nie was. Da nimmt dich keiner ernst“, erklärt er und betont, dass das „Russkij Mat“, die berüchtigte Schimpfwortsprache, einer der Schlüssel zum Glück in Russland sei. „Wenn du den Russen etwas nicht mit Mat erklärst, wirst du nie Erfolg haben. Das muss sprachlich schon was derber sein.“

Dieses Bemühen um Anpassung muss sein, um in den Genuss der Vorzüge russischer Landwirtschaft zu kommen. Zu diesem Bemühen gehört vielleicht auch, ein wenig zu verdrängen, dass man in einer Autokratie leben wird – und in einem System, in dem es viel Korruption gibt. Kowalczyk jedenfalls fasst die Komponenten, die für einen Erfolg in Russland notwendig sind, so zusammen: „33 Prozent Sprache, 33 Prozent Mentalität und Umgang mit den Leuten – und nur 33 Prozent Know-how.“

„Wer mit Russland einigermaßen klarkommt, für den ist es ein Land mit Möglichkeiten.“

Aber auch von den aktuellen politischen Rahmenbedingungen einmal abgesehen ist die russische Landwirtschaft keineswegs das Paradies auf Erden. Sie leidet unter dem im Vergleich zu Westeuropa schlechteren Wetter, den kälteren Temperaturen, an der Altlast der sowjetischen Kolchosenwirtschaft und an ausgeprägten strukturellen Problemen – aber: „Wer mit dem Land einigermaßen klarkommt, wer sich auf die Leute einstellen kann, für den ist Russland auch ein Land mit Möglichkeiten.“

Und die sind laut der UN-Fachorganisation FAO nicht gerade klein: In Russland befindet sich mit ca. 120 Millionen Hektar ein knappes Zehntel der Flächen, die weltweit für den Ackerbau genutzt werden können. Allerdings erzielte Russland nach jüngsten Schätzungen nur einen Anteil von gut acht Prozent an der weltweiten Weizenproduktion. Dennoch hat sich in den vergangenen zehn Jahren einiges getan in der russischen Landwirtschaft. „Mittlerweile liegt der Grad der Selbstversorgung Russlands mit landwirtschaftlichen Gütern bei rund 95 Prozent“, betont Kowalczyk. Die Sanktionen, die die EU seit 2014 aufgrund der Annexion der Krim gegen Russland erhoben und die Russland mit Importverboten von Landwirtschaftsprodukten aus der EU beantwortet hat, würden ihm als Bauern zum Vorteil gereichen.

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Deutscher Landwirt in Russland mit seiner Familie (Foto: privat)
Deutscher Landwirt in Russland mit seiner Familie (Foto: privat)

Im Winter reist Kowalczyk mit seiner Familie nach Deutschland und berichtet dort in Vorträgen von seiner Arbeit und den Möglichkeiten für deutsche Landwirte in Russland. „Gut ausgebildete Kräfte aus Deutschland sind natürlich gefragt“, sagt er. „Aber das Land ist eben nicht für jeden was.“ Er selbst beschäftige drei bis vier Praktikanten aus Deutschland im Jahr; einer ist sogar geblieben und betreut heute im Betrieb den Bereich „Technik“. Ob er sich vorstellen könne, nach Deutschland zurückzukehren? Auch auf diese Frage kommt Kowalczyks Antwort sehr schnell und entschieden: „Wissen Sie, in Russland sind die Leute offen und freundlich. In Deutschland sind sie griesgrämig und unzufrieden. Die Leute wissen nicht, wie gut es ihnen geht.“ Ganz klar: Für Kowalczyk ist Deutschland keine Alternative.