Ein Fisch mit Brille und Schnauzbart. Ein betrogener Ehemann, der einen Bus entführt und damit bis nach Italien reist. Ein sprechender Fluss. Eine Tante, so lebendig und schnell, dass sie einer Naturgewalt gleicht. Urgroßeltern, denen jeder Anlass recht ist, um ein Fest zu feiern, sei es ein Meteorit im Gemüsegarten oder die Einweihung des ersten Innenklos im ganzen Dorf.

Wenn Aleksandar Krsmanović von seiner Kindheit in Višegrad, einer Kleinstadt im östlichen Bosnien, erzählt, sind das wunderbare Geschichten, denen oft etwas Märchenhaftes innewohnt. Es ist eine behütete Kindheit, die durch zwei Ereignisse ein Ende findet: den Tod des geliebten Großvaters und den Krieg. Der kündigt sich erst aus der Ferne an, um dann von einem Tag auf den anderen über Višegrad hereinzubrechen.

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Bosnien in den frühen 1990er-Jahren (Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz)
Bosnien in den frühen 1990er-Jahren (Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz)

Aleksandar ist die Hauptfigur in Saša Stanišićs Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“. Stanišić, Sohn einer Bosniakin und eines Serben, wurde 1978 ebenfalls in Višegrad geboren. 1992 floh er mit seinen Eltern nach Deutschland. Dass es in seinem ersten Roman um den Bürgerkrieg in Bosnien gehen würde, war für Stanišić selbstverständlich. Eine Notwendigkeit. „Wenn du einmal all das erlebt hast, dann hast du lange Zeit gar kein anderes Thema“, sagt er.

Da waren zu viele offene Fragen an seine Kindheit, an den Krieg und die Flucht. „Weil keiner von den dreien antworten kann, habe ich mich selbst ein paar Dinge gefragt, dann andere, und das habe ich dann aufgeschrieben und mir dazu Geschichten ausgedacht.“ Mit einer Autobiografie braucht man seinen Roman aber nicht zu verwechseln. Stanišić selbst möchte das Buch am liebsten überhaupt nicht biografisch gelesen wissen. Zu stark würden sich beim Schreiben Erinnerungen und Fiktion vermischen.

Und welche Erinnerungen hat Stanišić an Krieg und Flucht? Woran er sich entsinnen kann, sei heute nur noch sehr vage und erscheine ihm fast irreal, sagt der Autor. Als in Višegrad die ersten Kämpfe losgingen, konnten seine Familie und er sich in einem Keller verstecken. Bald darauf verließen sie die Stadt und reisten nach Serbien, nach Kroatien und dann über Ungarn nach Deutschland, wo sie schließlich in Heidelberg unterkamen. Die Flucht kommt Stanišić heute ganz unwahrscheinlich vor. „Als wäre sie jemand anderem zugestoßen, der sie mir dann erzählt hat. Als wäre ich nicht dabei gewesen. Keine Emotion ist mir mehr zugänglich, ich weiß nicht, ob ich Angst empfand, wann ich erleichtert war und wann verzweifelt. Ich weiß eigentlich nur, dass ich mich erst in Heidelberg, in Deutschland, zum ersten Mal nach dem Verlassen meiner Heimatstadt sicher gefühlt habe.“

Seine Mutter, eine Politikprofessorin, arbeitete in Deutschland in einer Wäscherei 

In Deutschland besaß die Familie erst einmal nicht mehr als drei gepackte Koffer. Stanišićs Vater, ein Betriebswirt, bekam einen Job auf dem Bau, und seine Mutter, eine Politikprofessorin, begann in einer Wäscherei zu arbeiten. Saša besuchte eine internationale Schule und lernte schnell Deutsch. „Die Sprache war ein Schlüssel“, sagt er. Mit ihrer Hilfe konnte er sich einen schnellen Zugang zum Leben in Deutschland verschaffen. Stanišić machte sein Abitur und studierte Deutsch als Fremdsprache und slawische Philologie an der Universität Heidelberg. Lange Zeit wollte er Deutsch lehren, um Flüchtlingen in Deutschland ebenso zu helfen, wie auch ihm geholfen worden war.

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Saša Stanišić, knapp 20 Jahre später (Foto: Katja Sämann)
Saša Stanišić, knapp 20 Jahre später (Foto: Katja Sämann)

Letztlich entschied er sich aber für ein zweites Studium am Literaturinstitut Leipzig. Noch während Stanišić dort studierte, schrieb er „Wie der Soldat das Grammofon repariert“, das es dann 2006 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Mittlerweile ist das Buch in 31 Sprachen übersetzt worden.

Es kommt leichtfüßig daher, besonders anfangs, trotz seiner schweren Themen. Stanišić eröffnet seinen Lesern eine amüsante Welt aus Anekdoten und skurrilen Gestalten, gesehen durch die etwas naiven, aber keinesfalls dummen Augen eines Kindes, das sich die Realität auch mal mit Hilfe der eigenen Fantasie interessanter macht. Der Tonfall ist unbemüht humorvoll, ohne dabei albern zu werden.

Aber Stanišić kann auch anders. Von Beginn an lassen Andeutungen die nahende Bedrohung erahnen. Aleksandar beschreibt genau, was er sieht, und versteht zwar nicht immer, womit er es zu tun hat, meist aber doch genug, um zu wissen, dass etwas nicht stimmt. Etwa wenn während der Besetzung Višegrads der „Soldat mit dem Goldzahn“ ständig die Nähe der Bäckerin Amela sucht und ihr auflauert. Dass es sich um die mehrfache Vergewaltigung einer Frau handelt, die durch die Misshandlungen gebrochen wird und sich schließlich umbringt, wird nie konkret ausgesprochen, vom Leser aber genau verstanden.

Verloren in dem Land, das einst die Heimat war

Im letzten Teil des Buches reist Aleksandar, mittlerweile 20 und Student in Deutschland, nach Bosnien zurück, in ein zerrüttetes Land, das nicht mehr sein altes Heimatland ist und in dem er sich verloren fühlt. Als Stanišić selbst 1998, sechs Jahre nach seiner Flucht, nach Višegrad reiste, fand er eine andere Stadt vor, die „Menschen und Gebäude und ihre Würde verloren hatte, auch ihre Schönheit.“ Bosnien war gezeichnet von Verlust, Verheerung und Verwahrlosung. „Die Folgen von alldem plagen das Land bis heute“, sagt Stanišić.

Heute lebt Stanišić in Hamburg und ist als Schriftsteller enorm erfolgreich. Letztes Jahr ist sein zweiter Roman „Vor dem Fest“ erschienen. Der spielt in Deutschland, in der Uckermark, und ist ebenso lesenswert wie „Wie der Soldat das Grammofon repariert“.

Wenn man ihn danach fragt, ob er Deutschland oder Bosnien als sein Zuhause empfinde, antwortet Saša Stanišić: „Ich kann mit dem Begriff der Heimat in keiner Ausprägung seiner Bedeutung etwas anfangen, und das ist Heimat.“