Eltern können ganz schön peinlich sein. Immer tauchen sie auf, wenn man am wenigsten mit ihnen rechnet, und ihre Witze lassen einen garantiert vor Scham im Boden versinken. Winfried ist ein besonderer Fall von verhaltensauffälligem Vater. In Maren Ades drittem Spielfilm „Toni Erdmann“ schleppt er ein ganzes Arsenal an Scherzartikeln mit sich herum: ein falsches Gebiss, eine Perücke, Handschellen, ein Furzkissen. Zur Geburtstagsfeier seiner Tochter Ines kommt Winfried direkt von einer Schulaufführung, er macht sich nicht mal die Mühe, sich abzuschminken. Mit seinem Zombie-Make-up wirkt er zwischen seiner Exfrau und ihrem neuen Ehemann ziemlich deplatziert. Doch die Familie ist seine Scherze gewohnt, niemand wundert sich noch über den merkwürdigen Aufzug.

Auch Ines ist nicht gerade eine Traumtochter. An ihrem Geburtstag macht sie nur kurz auf der Durchreise halt: gestern Schanghai, morgen Bukarest, dazwischen ein Alibi-Abstecher in die westdeutsche Provinz, wo ihr Jetset-Lifestyle auf wenig Verständnis stößt. Ines arbeitet als Unternehmensberaterin, sie soll einem deutschen Energiekonzern, der in Osteuropa expandieren will, Entlassungen und Outsourcing im großen Stil als zukunftsweisende Personalmaßnahme verkaufen.

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Toni Erdmann
Komischer Kauz: Als sich der pensionierte Musiklehrer Winfried in Toni Erdmann verwandelt, wird das Leben seiner Tochter Ines nicht eben leichter

Es gibt keinerlei Überschneidungen zwischen den Leben des Alt-68ers und seiner Karrieretochter, und so trennen sich ihre Wege mit der Abmachung, demnächst wieder über Skype miteinander zu telefonieren. Winfrieds Ankündigung, Ines demnächst in Bukarest zu besuchen, hält sie für einen Witz. Umso entsetzter reagiert sie, als ihr Vater plötzlich im Foyer ihres Unternehmens steht.

In diesem Stil könnte Ade ihren Film sehr vorhersehbar als Vater-Tochter-Komödie mit den üblichen Konflikten (Clash der Generationen, Milieukontraste, Weltbildkollisionen) bis zum Happy-End durcherzählen – überraschen würde es nicht, man befindet sich schließlich in einem deutschen Film. Stattdessen passiert in „Toni Erdmann“, der schon bei den Filmfestspielen in Cannes frenetisch gefeiert wurde, etwas ganz anderes: Die Geschichte nimmt eine spontane Abzweigung, und plötzlich sehen sich Ines und Wilfried auf tragikomische Weise mit ihren entgegengesetzten Lebensentwürfen konfrontiert. Es beginnt mit einem harmlosen Scherz, der sich schnell als fantasievoller Sabotageakt des Vaters entpuppt, um das Vertrauen seiner Tochter zu gewinnen: Winfried tritt als ein anderer in das Leben von Ines, als Toni Erdmann, ein irrer Kauz mit schiefen Zähnen und Zottelfrisur, nicht gerade eine präsentable Erscheinung für einen Unternehmensberater. Ines spielt das Spiel zunächst mit, aus Verwunderung, aber auch aus Scham gegenüber ihren Kollegen, die sich über Tonis seltsames Verhalten amüsieren.

„Bist du eigentlich ein Mensch?“

Ines’ Leben zwischen Luxusapartment und Businessmeetings erweist sich für den Vater als Kulturschock. „Bist du eigentlich ein Mensch?“, fragt Winfried mal entgeistert, was ihm kurz darauf schon wieder leidtut. Ade jedoch zeigt die Welt, in der Ines verkehrt, ohne sie zu diffamieren. Im Gegenteil schildert sie die PowerPoint-Sprechweisen der Beraterbranche und den pragmatischen Zynismus des globalen Kapitals mit einer fast dokumentarischen Sachlichkeit. Und je länger der Film Ines bei ihrer Arbeit zeigt, immer wieder begleitet von Toni, der sich einmal sogar mit Handschellen an sie kettet, desto deutlicher wird, dass auch Ines in eine Rolle gewachsen ist, die ihr nicht behagt – die sie aber perfekt ausfüllt. Ines spielt die eiskalte Vollstreckerin in einer Männerdomäne, ihre Hosenanzüge sitzen an ihr wie eine Rüstung. „Bist ’n Tier, Ines!“, meint ihr Chef einmal zu ihr, und das ist im Raubtierkapitalismus wahrscheinlich das größte Kompliment. Ines aber steht in einer Szene auf dem Balkon ihres schrecklich unpersönlichen Apartments und bricht in Tränen aus.

Das Erstaunliche an „Toni Erdmann“ ist, mit welcher Selbstverständlichkeit Ade zwischen komischen Situationen, die nie in bloßen Slapstick kippen, und ernsten Szenen wechselt und dabei Klischees und Rührseligkeiten vermeidet. Mit einer Länge von fast drei Stunden nimmt der Film mitunter wunderliche Umwege, stellenweise verabschiedet er sich komplett von den Zwängen des handlungsorientierten Erzählens. Doch diese Abschweifungen, die immer wieder in absurden Situationen gipfeln, gehören zu den besten Momenten des Films, weil sich Ade als eine sehr genaue Beobachterin von zwischenmenschlichen (Fehl-)Verhaltensformen erweist.

In der letzten Dreiviertelstunde eskalieren die Rollenspiele und Maskeraden schließlich in einer irrwitzigen Wendung: Vater und Tochter stehen sich gegenüber, sie komplett entblößt, er in einem schamanischen Fellkostüm. Zum ersten Mal scheinen sie sich wirklich zu erkennen.