Zum Fasching im Pfarrheim von Gars am Inn ging Ahmad Albaghdadi als Deutscher. Die Verkleidung sei ganz leicht gewesen, sagt der 24-jährige Syrer: einfach in Jeans und Pulli. Unter den ganzen Cowboys, Prinzessinnen und Elfen war das tatsächlich originell. Sein Bruder Mohamad, 26, und dessen vierjähriger Sohn hatten sich als arabische Scheichs verkleidet – mit langem weißen Kaftan und Turban auf dem Kopf.

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Mia san mia: Die Familie aus Syrien hat sich sogar bayrisch eingerichtet (Foto: Sima  Dehgani)
Mia san mia: Die Familie aus Syrien hat sich sogar bayrisch eingerichtet (Foto: Sima Dehgani)

Vor zweieinhalb Jahren kam die Familie Albaghdadi aus der syrischen Millio-nenstadt Damaskus nach Gars am Inn in Oberbayern. 3.800 Einwohner und damals 35 Flüchtlinge. Als sie in den Bahnhof der Kleinstadt hineinfuhren, spürten sie schon, wie sehr ihnen vieles fehlen würde – und sie ahnten noch wenig von dem, was kommen sollte. Aber heute scheint es, als hätten sie nach der Flucht auch das Ankommen geschafft. Während Ahmad vom Fasching erzählt, formt er Falafel – die typisch arabischen Bällchen aus pürierten Kichererbsen, die frittiert in eine Brottasche kommen. Seit November 2015 betreiben die Albaghdadis nämlich ihren eigenen Imbiss – einen kleinen weißen Wagen mitten im Ort gegenüber vom Rathaus und der Sparkasse. In den Auslagen türmen sich Tomaten- und Gurkenscheiben, auf den kleinen Werbe-flyern, die auf der Theke liegen, steht: „Langjährige Familientradition aus Damaskus“.

In Syriens Hauptstadt hatten die Albaghdadis mehrere Lokale, vier Falafel-Imbisse, ein Restaurant mit traditioneller arabischer Küche und einen Laden, in dem es Obst und Säfte gab. Die Geschäfte gingen recht gut, doch dann kam der Krieg.

Sechs Semester hatte er in Damaskus Pharmazie studiert

Ahmad spricht leise und deutlich, sein Deutsch ist schon fast perfekt. Sechs Semester hat er in Damaskus Pharmazie studiert, er ist der Erste in der Familie, der es auf die Uni schaffte. Nun soll es in München weitergehen. Die meiste Zeit lebt er schon jetzt dort, momentan bereitet er sich auf die Prüfung für den Hochschulzugang vor. Im Imbiss hilft er daher nur noch aus, wenn besonders viel los ist.

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Am Imbiss gibt’s auch mal eine Kostprobe (Foto: Sima  Dehgani)
Am Imbiss gibt’s auch mal eine Kostprobe (Foto: Sima Dehgani)

Mohamad, der älteste Sohn, ist jeden Tag da. Er fängt schon morgens um halb sechs an, um Fladenbrot zu backen. Später kommt sein Vater dazu, der den Passanten bereits von Weitem ein fröhliches „Servus“ zuruft. Gars am Inn hat ein Gymnasium, eine Klosterkirche, ein Bierstüberl und einen Italiener. Nun hat es also auch einen Syrer. Wo früher mal eine Würstelbude stand, gibt es nun arabisches und türkisches Essen, Falafel, Döner und Schawarma. Mit Granatapfelsoße, Spezialrezept, genau dosiert. Seit einem guten Jahr sind alle sieben Albaghdadis als Flüchtlinge anerkannt. Sie hätten woanders hinziehen können, stattdessen sind sie geblieben. Die Tochter Layan geht in Gars auf die Schule, die Mutter hat Freundinnen gefunden, vor allem aber, sagt Ahmad, sei vieles auf dem Land leichter als in der Stadt. Man knüpfe schneller persönliche Kontakte, lerne schneller Menschen kennen. Menschen wie Annette Hugel-Seberich, ohne die die Albaghdadis sehr wahrscheinlich gar keinen Imbiss hätten.

Die Albaghdadis hätten woanders hinziehen können, stattdessen sind sie geblieben

Hugel-Seberich ist Ende 50, sie trägt halblange, blonde Haare, einen feinen Lidstrich unter den Augen und die Fingernägel akkurat lackiert. Sie hat Sozialpädagogik studiert, Kindertagesstätten geleitet, mit schwer erziehbaren Kindern und in der Jugendpsychiatrie gearbeitet. Helfen, jemanden unterstützen, zeigen, wie man sein Leben selbst in die Hand nimmt – das ist genau ihre Sache. Dass der Krieg in Syrien bald vorbei ist, glaubt sie nicht. Und genau deswegen ist sie überzeugt, dass man die Flüchtlinge von dort hier nicht einfach nur warten lassen kann.


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Venturecapital: Annette Hugel-Seberich hat sich selbst Geld von der Bank geliehen, um es dann den Albaghadis zu geben (Foto: Sima  Dehgani)
Venturecapital: Annette Hugel-Seberich hat sich selbst Geld von der Bank geliehen, um es dann den Albaghadis zu geben (Foto: Sima Dehgani)

Auch für die Albaghdadis gab es am Anfang nichts zu tun: keine Arbeit und Deutschkurse nur für die Jüngeren. Die Eltern lernten die Sprache von freiwilligen Helfern, lange nicht so gut wie die Kinder. Die Sehnsucht nach einer Aufgabe wurde immer größer. Dass sie wieder in der Gastronomie arbeiten wollten, war allen klar, am liebsten im eigenen Betrieb. Dass das schwierig werden würde, auch. Irgendwann stieß Ahmad dann im Internet auf einen Imbisswagen, der zum Verkauf stand. Doch ihre Ersparnisse waren nach der Flucht aufgebraucht, und es schien aussichtslos, einen Kredit zu bekommen. Deutsche Freunde telefonierten mit Banken, ohne Erfolg. Dass Flüchtlinge sich selbstständig machen, war anscheinend nicht wirklich erwartet worden.

Annette Hugel-Seberich hatte die Albaghdadis über ihre Tochter kennengelernt. Die ist Kindergärtnerin, eine der Töchter war in ihrer Gruppe. Man freundete sich an, fuhr zusammen nach München aufs Oktoberfest und an den Starnberger See, wo Hugel-Seberich in einem umgebauten Bauernhof wohnt.

„Ihr baut wirklich etwas Eigenes auf – zur Not eben mit meinem Geld.“

Schließlich machte sie den Albaghdadis einen Vorschlag: „Ihr baut wirklich etwas Eigenes auf – zur Not eben mit meinem Geld.“ Dann beantragte sie einen Kredit über 16.000 Euro und lieh sie der Familie.

Gemeinsam stellte man einen Businessplan auf, informierte sich im Jobcenter, bei der Handelskammer. „Die meinten, wir sollten erst mal Deutsch lernen und dann erst arbeiten“, sagt Ahmad. Doch die Albaghdadis hatten keine Zweifel an ihrem Vorhaben. Mohamad und Ahmad machten den Führerschein, eine befreundete Grafikdesignerin gestaltete kostenlos die Flyer. Und schließlich stand er da: der Imbiss, den sie „Habibi“ nannten, Liebling. Albaghdadi hätte zu sehr nach Abu Bakr al-Baghdadi geklungen, dem Führer der Terrororganisation IS.

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Das schmeckt auch der lokalen Bevölkerung (Foto: Sima  Dehgan)
Das schmeckt auch der lokalen Bevölkerung (Foto: Sima Dehgan)

„Ohne Hilfe geht es doch nicht“, sagt Hugel-Seberich, auch wenn es der syrischen Familie nicht immer leichtfalle, sie anzunehmen. „Yahya Albaghdadi war mal ein Chef, hatte alles im Griff und hat so viel zurückgelassen.“ Hat sie keine Angst um ihr Geld? „Ich kenne die Familie so gut mittlerweile, dass ich weiß: Ich kriege das zurück. Das ist Ehrensache.“ Die ersten Raten seien sogar schon eingegangen. Am besten wäre es, wenn die freiwillige Hilfe so liefe wie bei ihr, nur eben ein wenig koordinierter. So eine Art Pate für jeden Flüchtling, das ist ihre Idee. Es gibt Menschen, die nicht verstehen, warum sie für die Fremden sogar Schulden machte. „Wir sind maßgeblich daran beteiligt, wie es in Krisenländern zugeht, und wir haben doch wirklich genug, unsere Wohnungen, unser Essen, unsere Autos, unsere Urlaube“, sagt sie. Wenn es klappen solle mit der Integration, dann müssten sich eben alle ein bisschen öffnen.

Der Imbisswagen ist ein Anfang. Vielleicht reiche es irgendwann für ein richtiges Lokal, sagt Yahya Albaghdadi, inschallah, so Gott will. Wenn man die Familie fragt, wie Integration gelingen kann, müssen alle eine Weile überlegen. Dann sagt Yahya: „Die Garser respektieren unsere Kultur und wir ihre, von Anfang an.“

Ein gutes Geschäft – die neue EU-Richtlinie zum „Basiskonto“

Bislang war es für die meisten Flüchtlinge schwer, überhaupt ein Konto zu eröffnen – nun sollen sie ein 
Recht darauf bekommen. Bis Herbst soll eine EU-Richtlinie zum „Basiskonto“ in deutsches Recht umgesetzt werden. Doch so etwas wie ein Recht auf Kredit gibt es nicht. Da die Menschen nach der Flucht meist keine Sicherheiten bieten können, haben sie bei normalen Banken schlechte Chancen. Ein neues Programm könnte ihnen Zugang zu Darlehen gewähren: Eine Stiftung 
der staatlichen Förderbank KfW gewährt seit Kurzem rund ein Dutzend Stipendien für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt.

Um Flüchtlinge und Firmen zusammenzubringen, fördert das Wirtschaftsministerium sogenannte Willkommenslotsen. Sie sollen 
besonders kleinen und mittelständischen Unternehmen helfen, unter den Geflohenen geeignete Bewerber für Ausbildungsplätze und Stellen zu finden. Selbstständigkeit und Existenzgründung werden jedoch erst langsam als Optionen für anerkannte Flüchtlinge diskutiert. Und solange der Asylantrag noch läuft, kann sich kein Flüchtling selbstständig machen.