Fiona Apple: „Tiny Hands“

Donald Trumps angeblich so kleine Hände wurden schon viel psychologisiert: Sind sie der Grund, weshalb er so große Häuser baute? Wäre er mit größeren Händen in der Immobilienbranche geblieben? Muss man seine Prahlereien kompensatorisch verstehen? Selbst sein Kontrahent Marco Rubio machte Trumps angeblich so kurze Finger im Vorwahlkampf zum Thema. Endgültig in die Popkultur hievte sie Fiona Apple. Zum Woman’s March in Washington am 21.1., einen Tag nach Trumps Amtseinführung, veröffentlichte sie den – ziemlich kurzen – Song „Tiny Hands“. Die Lyrics sind so einfach wie einprägsam: „We don’t want your tiny hands anywhere near our underpants“. Dazu ein Sample von Trumps berüchtigtem „Lockerroom-Talk“: „You can do anything“ und „Grab ’em by the pussy.“ Schon jetzt ein Klassiker der Protestmusik.

Downtown Boys: „A Wall“

Von der Mauer an der Grenze zu Mexiko, die illegale Einwanderer stoppen soll, stehen bislang nur Betonprototypen. Donald Trumps vielleicht liebstem Wahlkampfversprechen haben die Downtown Boys aber vorsorglich einen Protestsong gewidmet. Die Punkband aus Rhode Island sind beherzte Queer- und Brown-Pride-Aktivisten, die auch dem Kapitalismus manchen musikalischen Schienbeintritt verpassen. Standesgemäß wütend brüllt Sängerin Victoria Ruiz zu einem treibenden Bass und verzerrten Gitarren, wie sinnlos Mauern im konkreten wie im metaphorischen Sinne sind. Eine Mauer kann ja nicht nur Länder trennen, sondern auch soziale Schichten. „Fuck it“, finden die Downtown Boys.

J Balvin, Willy William ft. Beyoncé: „Mi Gente“

Eine Solidaritätsgeste der grenzüberschreitenden Art ist Beyoncés Remix von „Mi Gente“. Das Stück mit dem hypnotischen Reggaeton-Rhythmus stammt von J Balvin und Willy William. Auf dem Remix rappt (!) die Queen of Pop auf Spanisch, Französisch und Englisch und schlägt somit ganz nonchalant eine kulturelle Brücke von Texas über Puerto Rico, Mexiko und die Karibik bis nach Kolumbien, der Heimat von J Balvin. Und sie lässt den gereimten Worten Taten folgen: Die Einnahmen des Songs spendete sie den Opfern der Stürme und Erdbeben, die diese Region im Herbst heimgesucht hatten und zahlreiche Todesopfer forderten.

Jay-Z: „The Story of O.J.“

Beyoncés Gatte Jay-Z hat sich auf seinem Album „4:44“ ein Statement von Ex-Football-Star O.J. Simpson vorgenommen: „I’m not black, I’m O.J.“ Der dazugehörige Track, der auf einem Nina-Simone-Sample basiert, erzählt das ganze Drama der afroamerikanischen Geschichte bis ins Hier und Jetzt der Trump-Ära. Egal wie erfolgreich man ist, räsoniert Jay-Z, man entkomme eben den Zuschreibungen nicht, die mit der dunklen Hautfarbe einhergehen, und auch nicht den damit verbundenen Ungerechtigkeiten. Da kann man noch so gut in Immobilien, Kunst und Autos investieren. Denn, so Jay-Z:

„Light nigga, dark nigga, faux nigga, real nigga
Rich nigga, poor nigga, house nigga, field nigga
Still nigga, still nigga“

           

Matthew Herbert’s Brexit Big Band

Der englische Musiker, Produzent und DJ Matthew Herbert hat zu wirklich jedem Thema eine starke Meinung. Natürlich auch zum Brexit, der sein Land spaltet und dessen Verhandlungen für alle Beteiligten in diesem Jahr nur qualvoll schleppend voranschritten. Mit seiner frisch gegründeten Brexit Big Band will Matthew Herbert die künstlerische und musikalische Zusammenarbeit über nationale Grenzen hinaus feiern. Mit 16 Musikern tourt er durch Europa und holt auf jeder Station lokale Musiker und Chöre auf die Bühne. Dazu organisiert er einen „Brexit Sound Swap“. Jeder kann einen kurzen Soundclip auf eine öffentlich zugängliche Plattform stellen. Daraus arrangiert Herbert dann neue Stücke. Das Projekt soll so lange dauern wie die Brexit-Verhandlungen. Zum EU-Austritt soll dann ein mehrsprachiges Album erscheinen. Not amused war die britische Boulevardpresse, die dahinter eine mit Steuergeldern finanzierte Anti-Bexit-Kampagne witterte. Die Band bekam Fördermittel vom Dachverband der britischen Musikindustrie.

Benjamin Clementine: „Jupiter“

Überraschend politisch geriet das heiß erwartete zweite Album von Benjamin Clementine, der in wenigen Jahren eine Karriere vom Straßenmusiker und zeitweiligen Obdachlosen zum Gewinner des prestigeträchtigen Mercury Prize hingelegt hat. Auf „I tell a fly“ erinnert der Engländer in dem Song „God Save the Jungle“ an das Flüchtlingscamp von Calais, das zwar 2016 aufgelöst wurde, in dem aber längst wieder Geflüchtete warten in der Hoffnung, nach England zu gelangen. In „Phantom of Aleppoville“ verknüpft er den syrischen Bürgerkrieg assoziativ mit traumatischen Kindheitserinnerungen. In „Jupiter“ vertont er die Einreisebedingungen der USA. Laut seinem Künstlervisum ist er ein „Alien with extraordinary ability“, ein „Außerirdischer mit außergewöhnlichen Fähigkeiten“.

Txarango: „Agafant l’horitzó“

2017 war auch das Jahr, in dem der Streit um die katalanische Unabhängigkeitsbewegung eskalierte. Besonders viele junge Katalanen begeistern sich für die Idee eines eigenen Staates. Und auch so manche Musiker nahmen sich des Themas an. Einen Song für das Referendum hat etwa die Band Txarango geschrieben. Es heißt „Agafant l’horitzó“, was so viel wie „Nach dem Himmel greifen“ bedeutet. Zum gut gelaunt wippenden Rumba-Beat singt Txarango Zeilen wie „Wir säen Rebellion und ernten Freiheit“. Die Realität war am Ende weniger von Feelgood-Stimmung als von Gewalt auf den Straßen und massiven Protesten beider Lager geprägt. Kurz nach dem Referendum am 1.10. ging ein anderer Song viral – eine Heavy-Metal-Version der katalanischen Nationalhymne, gespielt von der aus Washington stammenden Band A Sound of Thunder, hatte schnell eine Million Klicks erreicht. Die Mutter von Sängerin Nina Osegueda stammt aus Katalonien.

 

Baba Zula: „Efkarli Yaprak“

Ein kontroverses Referendum wurde bekanntlich auch in der Türkei abgehalten, nämlich jenes, das Präsident Erdoğan eine noch größere Macht sicherte. Die Lage der Journalisten im Land hat sich indes nicht geändert. An die erinnert Baba Zula, die mit ihrem Oriental Dub statt auf E-Gitarren auf traditionelle türkische Instrumente wie die Saz oder die Darbouka setzen. Ihr Album „XX“ zum 20. Bandjubiläum mussten sie auf einem deutschen Label veröffentlichen – in der Türkei durfte es wegen seines freizügigen Covers nicht erscheinen. Der Song „Efkarli Yaprak“, was auf Deutsch „Besorgtes Blatt“ heißt, ist all jenen Journalisten gewidmet, die sich in der Türkei in Haft befinden. Laut Reporter ohne Grenzen zählt die Türkei zu den Ländern, in denen weltweit die meisten Journalisten inhaftiert sind. Auch der Deutsch-Türke Deniz Yücel ist aktuell im Gefängnis, Mesale Tolu ist kürzlich entlassen worden.

Celo & Abdi: „Diaspora“

Mit 12,6 Prozent ist die AfD im Herbst in den Bundestag eingezogen. Wie ein Deutscher mit Migrationshintergrund sich damit so fühlt, das machen Celo & Abdi aus Frankfurt zum Thema ihres Tracks „Diaspora“: „Als Ausländer musst du dich doppelt beweisen“, rappt Celo im Titelstück. Das hätte sein Vater ihm immer gesagt, der aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland kam. Seine mahnenden Worte nehmen Celo & Abdi gleich so ernst, dass sie in ihren Hinterhofjargon-Textcollagen auch noch ein Goethe-Zitat unterbringen. Sicher ist sicher.

Ebow: „Punani Power“

Mit den Sprachen, genauer: mit Deutsch, Türkisch und Englisch, jongliert auch Ebow aus München. Die 27-jährige Rapperin mixt auf ihrem Album „Komplexität“ Fragen der kulturellen Identität mit feministischem Empowerment. Manchmal erfrischend großmäulig: „Eure Masterarbeit fängt mit mir als These an“ („Bad Lan“), dann wieder, wie in „Punani Power“, mit durchaus überraschenden Schlüssen: „Willst ein Gangster sein, weil das so männlich ist / Aber ein echter Gangster ist ein Feminist“.

Titelbild: Josh Sisk