Irgendwie beschämend diese Bilder. Mit Dornen, Gittern und Pollern sollen da Obdachlosen die Schlafmöglichkeiten genommen werden. Fast so, als wären sie Tauben, die sich bitte nicht auf die Leuchtreklame der Geschäfte setzen sollen oder auf das anfällige Gestein einer alten Kirche. Fotografiert wurde diese – man muss es wohl so nennen – Anti-Obdachlosen-Architektur in Mailand und Paris. Haben es Menschen ohne ein Dach über dem Kopf in Deutschland besser? Wir haben den Londoner John (54) gefragt, der seit mehr als einem Jahrzehnt auf der Straße lebt und dabei schon eine ganze Reihe von Ländern gesehen hat.

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Bitte nicht vor meinem Fenster: Dieser Schlafplatz ist tabu (Survival Group)
Bitte nicht vor meinem Fenster: Dieser Schlafplatz ist tabu (Survival Group)

Im Moment schlafe ich bei Karstadt, draußen hinterm Gebäude. Das ist ganz okay, aber du hast nie deine Ruhe, weil da eine große Straße ist. Immerhin verscheuchen sie dich dort nicht. Ich habe auch schon in der Hasenheide (Park in Berlin, die Red.) geschlafen, aber das ist nicht so toll. Denn da bist du draußen und im Wind. Morgens kommt der Tau und lässt sich auf deinem Schlafsack nieder. Dann ist echt alles ziemlich klamm, und das ist nicht so toll. Bei Karstadt ist es schon ganz gut.

In Holland kannst du nicht draußen schlafen. In Deutschland geht das. In Holland schicken sie dich weiter oder stecken dich gar für eine Nacht in die Zelle. Also, verschiedene Länder haben verschiedene Gesetze. In England zum Beispiel ist es illegal zu betteln. Du darfst dort nicht betteln, das ist einfach nicht erlaubt, da kommt die Polizei und verscheucht dich. In Deutschland geht das, das ist prächtig.

Aber diese Bilder, die sind echt unglaublich. Solche Stacheln kenne ich aus London, in Deutschland habe ich die auch schon in ein paar Städten gesehen. Diese Bügel auf dem U-Bahn-Schacht kenne ich aber nicht. Und diese Poller, die begegnen einem überall. Aber die Stacheln sind echt am schlimmsten: Sie bedecken ganze Flächen damit, und keiner kann dort schlafen.

Klar, sie können behaupten, das ist eben ein gefährlicher Ort zum Schlafen. Aber wenn du keinen Ort zum Schlafen hast, dann ist jedes Plätzchen besser als keins. In Ägypten habe ich mal zwischen zwei Autobahnen geschlafen. Die eine ging in die eine Richtung, die andere in die andere – und ich genau in der Mitte. Es gab nichts anderes. Wenn du schlafen musst, musst du einfach schlafen. Punkt.

Mir ist nie was passiert. Nur einmal in Mailand. Ich hab eigentlich ganz sicher dagelegen, hinter ein paar Pollern, in so einer kleinen Nische. Gegen zwei Uhr morgens kamen zwei italienische Jugendliche auf ihrer Vespa an, haben mir eins übergezogen und sind schnell abgehauen. Das war das einzige Mal, dass ich Probleme hatte – in zehn Jahren.

Nur gegen die Kälte kannst du nichts machen. Heute Morgen saß ich vor McDonald’s und habe gefrühstückt. Da kamen zwei junge Typen, Deutschtürken waren das, ich kannte die schon. Sie gaben mir ein bisschen „Kleingeld“ (das Wort sagt er auf Deutsch, die Red.), und morgen früh wollen sie mir ein paar Handschuhe bringen. Wenn nicht, gehe ich zur „Bahnhofsmission“. Die geben dir Kleidung, also könnten sie auch Handschuhe haben. Ich sollte mal hingehen und fragen.

Vor gut zehn Jahren, als ich das erste Mal in Berlin war, habe ich ein bisschen Land erobert. Irgendwo hinter Charlottenburg war das. Ich hab mir eine kleine Hütte gebaut, mit einer Plane als Dach, und den ganzen Winter dort verbracht. Mann, das werde ich nie wieder machen! Es war scheußlich kalt, das war es wirklich. Oh, ich bin wirklich fast erfroren. Aber ich habe es bis zum Ende des Winters ausgehalten. Erst im Februar bin ich runter nach Italien. Wirklich, es war verdammt kalt.

Dokumentiert und übersetzt von Lukas Wohner