Würden sich die im Bundestag sitzenden Parteien jeweils von einem Mitglied vertreten lassen, das ihrem Altersdurchschnitt entspräche – die 50-Jährige von den Grünen wäre die Jüngste in der Runde. Ihr 54-jähriger FDP-Kollege wäre altersmäßig immerhin nicht allzu weit entfernt. Die Vertreter der SPD, Linken, CDU und CSU allerdings würden schon stark auf die Rente zugehen: Ihr Durchschnittsalter liegt zwischen 59 und 60, wie aus einer Studie von Parteienforscher Oskar Niedermayer von der FU Berlin hervorgeht. Und auch die Mitglieder der erwähnten Parteien werden immer älter – und noch dazu auch immer weniger: Gewannen die großen Parteien in den ersten Jahren nach dem Krieg deutlich an Mitgliedern und entwickelten sich bis zur Mitte der 1970er-Jahre unterschiedlich, verloren nach der Wiedervereinigung viele Parteien an Mitgliedern. CDU und SPD zum Beispiel zählten Ende 2015 nur noch etwa die Hälfte der Mitglieder von 1990, die CSU verlor in demselben Zeitraum ein gutes Fünftel ihrer Mitglieder. Wie lässt sich diese Entwicklung stoppen?

Parteien sollen sich verstärkt auf die Gewohnheiten, Denk- und Arbeitsweise von jungen Menschen einstellen

Yannick Haan und die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen – ein gemeinnütziger Thinktank an der Schnittstelle zwischen Politik und Wissenschaft – haben sich Gedanken gemacht und einen Elf-Punkte-Plan entwickelt. Das Ziel: eine „generationengerechte Partei“. Also eine Partei, die sich „verstärkt auf die Gewohnheiten, Denk- und Arbeitsweise von jungen Menschen“ einstellt. Die Punkte zielen darauf ab, Parteistrukturen so zu verändern, dass sich junge Mitglieder leichter einbringen können, zum Beispiel, indem sie finanziell unterstützt werden, um den eigenen Wahlkampf finanzieren zu können, oder indem man eine Nachwuchsquote einführt. „Bei der Listenaufstellung der Parteien sollten mindestens 20 Prozent der Kandidat*innen auf den vorderen Plätzen unter 35 Jahre alt sein“, steht in dem von Yannick Haan verfassten Paper.

Der 31-Jährige fungiert als eine Art Botschafter der Stiftung und lädt zum Gespräch ins Betahaus in Kreuzberg ein, den wohl bekanntesten Treff der Berliner Start-up-Szene. Haan trägt seine Haare kurz, dazu Hemd und transparente Acetatbrille und passt auch sonst optisch gut hierher. „Ich glaube an das Prinzip Volkspartei“, erklärt Haan, der selbst SPD-Mitglied ist. Wenn eine Neuausrichtung bei einer solch traditionsreichen Partei wie der SPD nicht möglich wäre, „hätten wir alle ein Problem“. Denn das würde bedeuten, so meint er, dass die demokratischen Parteien keine wirkliche Zukunft hätten.

Yannik Haan im Betahaus
Mach sie frisch: Im Betahaus, wo sich die Berliner Start-up-Szene trifft, haben Yannick Haan und sein Team einen Elf-Punkte-Plan zur Verjüngung von Parteien erarbeitet
 

Was Haan am meisten stört, ist, wie er es etwas überspitzt nennt, die „Präsenzdiktatur“ in den Parteien. Damit meint er beispielsweise das Ortsprinzip: Mitglieder können sich nur dort engagieren, wo sie auch wohnen. „Auf dem Land mag das gut und richtig sein“, erklärt Haan. „Aber in der Stadt wäre es besser, einzelne Ortsgruppen würden um Mitglieder konkurrieren.“ Außerdem gelte es, mehr Diskussionen und Abstimmungen im Internet zu ermöglichen, damit junge Menschen sich dort beteiligen können, wo sie sich eben aufhalten und informieren: im Netz.

Haan betont, dass er „nichts wegnehmen, sondern nur etwas hinzufügen will“. Damit meint er, dass er die Debatten in Eckkneipen nicht abschaffen möchte, sondern die digitalen Beteiligungsmöglichkeiten als Ergänzung sieht – und mit ihnen einen nahtlosen Übergang ins digitale Zeitalter zu schaffen hofft. „Wir brauchen Diskussion online und offline. Im Netz läuft die Wortwahl bei manchen nämlich auch schnell mal aus dem Ruder.“

Für junge Menschen ist der Eintritt in eine Partei eine große Hürde. Deshalb soll es eine Zwischenstufe von Mitgliedschaft und Nichtmitgliedschaft geben

Manche Forderungen des Elf-Punkte-Plans werden von der einen oder anderen Partei zum Teil schon umgesetzt. So gibt es bei den Grünen bereits einige Landesverbände, die auf die strenge Ortsbindung verzichten. Punkt 2 fordert eine Zwischenstufe von Mitgliedschaft und Nichtmitgliedschaft, da gerade für junge Menschen der Eintritt in eine Partei eine große Hürde sei. Die Regierungsparteien SPD und Union bieten mittlerweile Probemitgliedschaften an, genauso die anderen Bundestagsparteien. Zumeist dürfen die Probemitglieder an Versammlungen teilnehmen, haben aber kein Stimmrecht.

Einen zentralen Punkt des Elf-Punkte-Plans sieht Haan dagegen noch nicht umgesetzt. Er trägt den etwas populistisch angehauchten Titel „Alle Macht den Mitgliedern“. Der Punkt ließe sich zum Beispiel mit Urabstimmungen – dabei dürfen alle Mitglieder einer Partei teilnehmen – zur Ernennung des jeweiligen Kanzlerkandidaten umsetzen. Es wäre sogar möglich, Vorwahlen durchzuführen, bei denen auch Nichtmitglieder ein Stimmrecht haben. „Wer sich heute engagiert, will wirklich mitentscheiden und nicht bloß dasitzen“, sagt Haan.

Kritiker meinen, die junge Generation sei ja nur zu träge

So logisch manche der Punkte auch klingen mögen – es gibt auch Kritik an dem Konzept. Die SPD selbst etwa hält nicht alle Vorschläge für realistisch. Für eine komplette Auflösung des Ortsprinzips zum Beispiel müsste das Parteiengesetz geändert werden, das die Gliederung nach Gebietsverbänden vorgibt. Wieder andere kritisieren – zum Beispiel Teilnehmer dieser TV-Diskussionsrunde, in der Haan zu Gast war –, dass die Punkte nichts bringen würden, solange die junge Generation nicht aus dem Quark komme und sogar zu träge sei, um wählen zu gehen.

Wie wichtig es ist, junge Menschen anzusprechen, zeigt tatsächlich nicht nur ein Blick auf die Parteienmitgliedschaften, sondern auch auf die Menschen, die sie wählen wollen. 48,1 Jahre waren die Menschen alt, die nach Erhebungen im Rahmen der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) zum Jahr 2016 angegeben haben, die Grünen wählen zu wollen – und das war mit Abstand die jüngste Gruppe. Bei den vergangenen Bundestagswahlen war die Wahlbeteiligung bei den 21- bis 24-Jährigen von allen Altersgruppen die niedrigste. Gar nicht auszudenken, wie solche Statistiken in zehn Jahren aussehen werden, falls nicht alle Leser dieses Textes im September wählen gehen – welche Partei auch immer.

Fotos: Yana Wernicke