Thema – Generationen

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Gefährliche Liebschaften

Große Gefühle branden im Kino andauernd auf. Treffen sich Paare mit großem Altersunterschied, geraten dabei auch oft die gesellschaftlichen Verhältnisse in Wallung

Die Reifeprüfung

Liebesgeschichten gehören seit jeher zu den großen Themen des Kinos. Spannend wird’s häufig, wenn Paare zusammenfinden, die so ganz unterschiedlich sind. Etwa in ihrem Alter. Eines der bekanntesten Beispiele für die Konstellation „reifer Mann und junge Frau“ ist Stanley Kubricks Verfilmung des Skandalromans „Lolita“ von Vladimir Nabokov, in der ein Literaturprofessor (James Mason) von einem minderjährigen Mädchen (Sue Lyon) magisch angezogen wird und eine verbotene Liaison beginnt. Für einiges Aufsehen sorgte auch Bernardo Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris“ (1972), der von den intimen Begegnungen eines 45-jährigen Amerikaners (Marlon Brando) und einer 20-jährigen Französin (Maria Schneider) handelt. Berüchtigt ist der Film noch heute wegen seiner verstörenden Sexszenen. Unterschlagen wird jedoch oft, dass das Erotikdrama viele spannende Fragen zum fragilen Zustand des modernen Individuums aufwirft. 

Weit seltener als das Klischee „älterer Mann und junge Frau“ ist der umgekehrte Fall. Aber es gibt ihn. Und nicht selten kratzt er an der herrschenden Moral der Gesellschaft. Exemplarisch etwa im Melodram „Was der Himmel erlaubt“ (1955) des in Hamburg geborenen Regisseurs Douglas Sirk. Oberflächlich betrachtet wirkt der Film, in dem sich eine Witwe aus der Oberklasse (Jane Wyman) in ihren deutlich jüngeren Gärtner (Rock Hudson) verliebt, wie eine plumpe Technicolor-Schnulze. Bei genauerem Hinsehen schält sich aus der Erzählung aber eine durchaus subversive Kritik an den konservativen Moralvorstellungen der 1950er-Jahre heraus. Sirk nimmt das Klatschgebaren der ach so anständigen Suburbia-Welt aufs Korn und verleiht mit ironischen Brechungen dem bunten Treiben eine ambivalente Note. 

Davon inspirieren ließ sich besonders der deutsche Vielfilmer Rainer Werner Fassbinder, der in „Angst essen Seele auf“ (1974) nicht nur die gesellschaftliche Ablehnung einer altersungleichen Partnerschaft ins Visier nimmt. Am Beispiel der Beziehung zwischen einer rüstigen Putzfrau (Brigitte Mira) und einem arabischsprachigen Gastarbeiter (El Hedi ben Salem) spürt er auch einer tief verwurzelten Feindseligkeit gegenüber Migranten nach – ein Thema, das leider nichts von seiner Brisanz verloren hat. 

Keine Sexszene, aber ein Skandal

Offen wie kein anderer Hollywoodfilm zuvor befasste sich 1967 die Romanadaption „Die Reifeprüfung“ mit einem Verhältnis zwischen einem College-Absolventen (Dustin Hoffman) und einer begüterten, aber frustrierten Hausfrau (Anne Bancroft). Ihre Affäre, die auch ohne explizite Sexszenen an den damaligen Sitten rüttelte, erweist sich letztlich als kurze, stürmische Episode, in der Liebe keine Rolle spielt. Interessant ist die von Mike Nichols inszenierte Gesellschaftssatire auch deshalb, weil sie ein prägnantes Bild einer von Zukunftsängsten geplagten Jugend zeichnet und überzogenes Leistungsdenken hinterfragt.

Als Markstein ungewöhnlicher Liebesgeschichten auf der großen Leinwand gilt noch heute Hal Ashbys rabenschwarze Komödie „Harold und Maude“, die nach ihrer Veröffentlichung 1971 bei Kritik und Publikum zunächst wenig Anklang fand. Im Mittelpunkt des Films steht ein junger Mann (Bud Cort), der mit inszenierten Selbstmordversuchen die Aufmerksamkeit seiner wenig einfühlsamen Mutter (Vivian Pickles) gewinnen möchte. In seiner Freizeit besucht der todessehnsüchtige Teenager Beerdigungen fremder Menschen und trifft dabei auf die quirlige, fast 80-jährige Maude (Ruth Gordon), die ihm langsam wieder neuen Lebensmut einimpft. Die Romanze der beiden altersmäßig weit auseinanderliegenden Protagonisten, der unverkrampfte Umgang mit dem Thema Sterben und der Aufschrei gegen ein verkrustetes Wertesystem machen Ashbys Regiearbeit zu einem besonderen Erlebnis, dessen liberalen Geist der schmissige Filmsong „If You Want to Sing Out, Sing Out“ treffend einfängt. 

Eine weitere Dimension eröffnet die Literaturverfilmung „Der Vorleser“ (2008), die eine erotische Beziehung zwischen einem Schüler (David Kross) und einer Straßenbahnschaffnerin (Kate Winslet) im Nachkriegsdeutschland beschreibt. Ein Verhältnis, das in einem gänzlich neuen Licht erscheint, als herauskommt, dass die Frau Teil der Nazi-Vernichtungsmaschinerie war. Die generationenübergreifende Liebe wird hier in ein düsteres Geschichtskapitel eingebettet und dazu genutzt, über die Schuld der Täter und den richtigen Umgang mit ihnen zu reflektieren. 

Nach wie vor arg unterrepräsentiert sind homosexuelle Partnerschaften mit Altersgefälle. Ein interessantes Beispiel ist Steven Soderberghs fürs Fernsehen produziertes Musikerporträt „Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll“ (2013), das unter anderem die homophoben Mechanismen des Showgeschäfts skizziert. Eine ambivalente, höchst faszinierende Beziehung zeigt auch das venezolanisch-mexikanische Drama „Caracas, eine Liebe“ (2015) von Lorenzo Vigas, in dem ein wohlhabender Zahntechniker (Alfredo Castro) und ein kleinkrimineller Straßenjunge (Luis Silva) zueinanderfinden. Der Film erzählt von schlechten Vaterfiguren und einer Machokultur, die Zärtlichkeiten unter Männern diskreditiert. Das Thema des Films mag noch selten sein, den Kritikern gefiel die Umsetzung. In Venedig gewann „Caracas, eine Liebe“ 2015 den Goldenen Löwen, den Hauptpreis des Festivals. 

Sosehr sich die Filme inhaltlich und stilistisch unterscheiden, haben sie mindestens eines gemein: Sie alle stellen vermeintlich in Stein gemeißelte Normen auf den Prüfstand und führen dem Zuschauer vor Augen, dass Klassenschranken, Altersunterschiede und grundverschiedene Erfahrungsschätze keine Hindernisse sein müssen. Deutlich wird allerdings auch, dass der gesellschaftliche Druck und die Angst vor einem unangepassten Leben manchmal das Glück nachhaltig torpedieren. Wäre natürlich schön, wenn gerade das Hollywoodkino die Vielfalt der Liebe noch viel umfassender spiegeln würde. Eben so wie im echten Leben. 

Titelbild: picture-alliance / KPA

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