fluter.de: Frau Vinken, seit wann ist Kleidung eigentlich modisch?

Wahrscheinlich war das schon immer so. Das Phänomen, dass etwas modisch ist und damit auch irgendwann altmodisch wird, ist sicherlich so alt wie das Kleid selbst. Bereits im alten Rom gab es Luxusgesetze, die etwa bestimmten, wie viel Purpur jemand tragen durfte. Sicher aber änderte sich im Hochmittelalter etwas, indem Hilfsmittel erfunden wurden, um Kleider zu schließen: Knöpfe. Plötzlich war es möglich, sich Kleidung auf den Leib schneidern zu lassen.

Trotzdem liegt für Sie ein Dreh- und Angelpunkt der Modegeschichte im späten 18. Jahrhundert. Warum?

Was wir heute unter Mode verstehen, hängt mit einer bestimmten Struktur zusammen, die um die Französische Revolution herum entstand. Damals fand ein Wechsel der Hauptoppositionen statt: Während die Mode vorher die Stände voneinander abgrenzte – den Adel vom Klerus und diesen von den Bürgern und Bauern –, haben wir seit der Revolution, während derer alle Menschen Brüder wurden, eine Mode, die vor allem die Geschlechter trennt. Die Opposition männlich-weiblich und ihre Zersetzung bestimmt bis heute die Dynamik dessen, was wir als Mode verstehen.

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Mode – ein Laster der Frauen? In diesem Fall eher nicht (Foto: Christian Werner)
Mode – ein Laster der Frauen? In diesem Fall eher nicht (Foto: Christian Werner)

Relativ neu ist der schnelle Rhythmus, in dem heute neue Mode auf den Markt kommt. Bei H&M oder Zara hängen alle zwei Wochen neue Kleider.

Der erste Modedesigner, der sich einen Namen machte, war im Zweiten Kaiserreich der Engländer Charles Frederick Worth mit seinem Modehaus in Paris. Schon zu seiner Zeit wurden feste Termine für die Modenschauen eingeführt. Die Haute Couture, also die hohe Schneiderkunst, schreibt den Modehäusern vor, dass sie zwei Kollektionen im Jahr mit je 35 Kleidern machen müssen – früher waren es lediglich fünf Kleider. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die sogenannten Croisière- oder Ressort-Kollektionen dazu, also Zwischenkollektionen von leichten Kleidern für Kreuzfahrten in warme Gefilde, die am Anfang und am Ende des Winters unternommen werden.

Folgt die Industrie damit einem Bedürfnis der Kunden oder hat sie dieses erst geschaffen?

Das Ganze folgt, wie schon Emile Zola in seinem Roman „Das Paradies der Damen“ illustriert, schlicht und einfach einem kapitalistischen Gesetz: je schneller der Warenumschlag, desto höher der Umsatz, desto spektakulärer der Gewinn. Interessant daran ist: Indem die Mode den Kapitalismus mit ihrem Hunger nach dem immer Neuen vorantreibt, hebelt er wiederum ihre zeitliche Struktur aus. Wenn das Angebot alle 14 Tage ausgetauscht wird, kann von Kollektionen ja keine Rede mehr sein. Der Rhythmus geht verloren. Insofern kann man fast von einem neuen strukturellen Umbruch sprechen.

Was sagt dieses System über uns als Gesellschaft aus?

Diese Art von Modeindustrie verkörpert alles, was falsch läuft in der Welt: gedankenloses Konsumieren, das auf einem Wohlstandsgefälle zwischen der westlichen und der restlichen Welt basiert, die Schere zwischen Arm und Reich, Raubbau an der Natur, die Ausbeutung von Arbeitern in Schwellenländern. Und jedes Mal, wenn jemand ein T-Shirt für zwei Euro kauft, ist das außerdem eine massive Missachtung des Gegenstandes. Sobald man ihn hat, ist man fast schon wieder angeekelt davon. So ein Verhalten kann man geradezu bulimisch nennen – eine Störung.

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Bulimischer Konsum? Die Primark-Tüte wird dafür gern als Symbol genommen (Foto: Jason Alden/Bloomberg)
Bulimischer Konsum? Die Primark-Tüte wird dafür gern als Symbol genommen (Foto: Jason Alden/Bloomberg)

Wird das irgendwann enden?

Die Frage ist, wie lange die Menschen in Entwicklungsländern noch bereit sind, zu diesen Bedingungen zu arbeiten. Ich halte die jetzige Situation für ein Übergangsphänomen, das keinen Bestand haben kann. Das wird juristisch geklärt werden. Im März 1911 starben bei einem Brand in der New Yorker Triangle Shirtwaist Factory 146 Menschen, meist junge Frauen. Danach wurden rigoros neue Brand- und Arbeitsschutzgesetze erlassen. Das Äquivalent dazu ist der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013 mit mehr als 1100 Toten. Wenn ein Unternehmen wie Primark Millionen an die Opfer dieses Unglücks zahlen muss, ist das ein Anzeichen des Wandels in die richtige Richtung.

Ist es nicht merkwürdig, dass manche Leute Kleidung von Primark tragen und gleichzeitig sehr genau darauf achten, dass sie nur Bio-Lebensmittel kaufen?

Ich glaube, das liegt daran, dass unser Verhältnis zu unserer zweiten Haut nicht intim genug ist. Wir sind dickhäutig gegenüber dem, was wir tragen, wir halten Mode für etwas Äußerliches. Dagegen ist das Nachdenken darüber, was wir uns einverleiben, fast zur Religion geworden. Hierzulande gelten das Nachdenken und das Bescheidwissen über Mode als oberflächlich und ein bisschen blöd. Und es wird meist den Frauen überlassen.

Es war nicht immer so, dass Mode als weiblich besetztes Feld galt, das Männer nicht so sehr zu interessieren hat – oder nur, wenn sie schwul sind.

Lange Zeit waren die Männer das schönere, das prunkendere, das herausgeputztere Geschlecht. Schauen Sie sich zum Beispiel den Film „Flucht nach Varennes“ an. Dort tritt als Inbegriff des Ancien Régimes Casanova extrem aufwendig zurechtgemacht auf: von Kopf bis Fuß in hautengen cremefarbenen Kleidern, geschminkt mit Rouge und roten Lippen, Schönheitspflästerchen und gepuderten Haaren. Mit der Französischen Revolution ändert sich das. Anders als dem Adel geht es dem Bürger nicht mehr darum, zu repräsentieren, sondern darum, zu leisten. Wenn man aber leisten muss, muss man so aussehen, als ob man keinen Gedanken mehr an seine Äußerlichkeiten verschwände. Die Aristokratie schreibt sich in den bourgeoisen Frauen fort, die ja nicht denken, handeln oder Ämter bekleiden müssen oder dürfen. Sie sind ab dato diejenigen, die in Erscheinung treten und repräsentieren.

Die Uniform des leistenden Bürgers ist der Anzug.

Der Anzug wird das ikonische Kleidungsstück des Mannes der Moderne, ein globaler Erfolg. Darin sehen alle mehr oder weniger gleich aus, man ist funktional gekleidet, der Körper tritt zurück. Man tritt stattdessen durch Leistung und Intellekt in Erscheinung.

Und weil Mode in die Sphäre der Frau übergetreten ist, wird sie heute als etwas Oberflächliches und Banales angesehen?

So ist es. Mode gilt als der eitle und frivole Schein der Oberfläche, als Spielplatz der Frauen. Die werden dafür aus allem herausgehalten, was den bürgerlichen Mann definiert – Amt, Leistung, Gelderwerb, Autorität, Macht. Wie der französische Philosoph Edmond Goblot sagt: „Die Bourgeoisie ist eine Klasse, die ihre Frauen nicht arbeiten lässt.“

Wie deuten Sie es, wenn Männer auf einmal Dutt tragen oder Gucci und Burberry in ihren Sommerkollektionen für das nächste Jahr Spitzenhemden für den Mann zeigen?

Diese Anleihen geschehen im Zeichen der Mode und daher immer im Zeichen des Weibisch-Weiblichen. Die Mode geht den Weg zurück zum modischen Mann. Angefangen hat das kurz nach der Jahrtausendwende mit Hedi Slimanes schmalen Anzügen für Dior Homme. Die wirken wie das kleine Schwarze für den Mann: enganliegend und die Schlankheit des Körpers betonend. Insofern arbeitet die Mode hier massiv an der Dekonstruktion des Anzuges als der Ikone der Moderne. Gott sei Dank!

Warum macht Sie das so froh?

Ich finde diese in Reformation und Aufklärung zementierte Opposition deprimierend, die männlichen Geist gegen weibliches Fleisch, männlichen Geist gegen weiblich frivole Oberfläche setzt. Deswegen finde ich es gut, wenn die Mode Unordung in die Geschlechterordnung, das Andere wieder auf die Bühne bringt und sich davon befreit, ein „Laster der Frauen“ zu sein.

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cms-image-000046435.jpg (Foto: Arno Burgi)
(Foto: Arno Burgi)

Barbara Vinken ist Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und unterrichtete zuletzt in New York, Paris und Chicago. Die „glamouröseste Professorin Deutschlands“, wie sie die Kunstzeitschrift „Monopol“ einmal nannte, schreibt für „Die Zeit“, „NZZ“ und „Cicero“ und ist häufig im Fernsehen zu Gast. 2013 wurde ihr Buch „Angezogen“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Die Berliner Journalistin Anne Waak ist großer Fan des modischen Spiels mit den Geschlechtern. Sie hält den David Bowie der 70er Jahre für den schönsten Mann der Welt.

Fotos: Christian Werner; Jason Alden/Bloomberg; Arno Burgi