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Auf dem Maidan in Kiew schützen sich Demonstranten mit selbst gebastelten Schildern gegen das hochgerüstete Militär (Foto: Florian Bachmeier)
Auf dem Maidan in Kiew schützen sich Demonstranten mit selbst gebastelten Schildern gegen das hochgerüstete Militär (Foto: Florian Bachmeier)

Auf Demonstrationen verbündet man sich mit Fremden. Man solidarisiert sich, bringt Opfer, manche riskieren ihr Leben. „Wenn sich Menschen versammeln, hören sie auf, sich in erster Linie als Individuen zu begreifen“, sagt der Sozialpsychologe Stephen David Reicher von der schottischen University of St Andrews. „Nicht mehr sie selbst stehen im Vordergrund, sondern ihre soziale Identität. Normen und Werte der Gruppe stehen plötzlich über den eigenen.“ So würde sich die Angst um einen selbst in die Angst um alle Mitglieder der jeweiligen Gruppe verwandeln. Da Angst aber immer noch individuell erlebt wird, hat fluter bei drei Aktivisten nachgefragt.

Sarah El Ashmawy, 24, Kairo, Ägypten

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Natürlich hat es während der letzten drei Jahre immer wieder Repressionen gegeben, besonders für Frauen wurde es mit der Zeit immer gefährlicher, zu den Demonstrationen zu gehen. Es gab mehr und mehr Fälle von sexueller Belästigung und sogar Massenvergewa (Foto: privat)
(Foto: privat)

Natürlich hat es während der letzten drei Jahre immer wieder Repressionen gegeben, besonders für Frauen wurde es mit der Zeit immer gefährlicher, zu den Demonstrationen zu gehen. Es gab mehr und mehr Fälle von sexueller Belästigung und sogar Massenvergewaltigungen am Tahrir-Platz. Klar hat man Angst davor, aber gleichzeitig möchte man sich wehren und zeigen, dass man sich eben nicht einschüchtern lässt. Dass die eigene Angst weniger wird, dabei helfen permanente Informationen. In welchen Straßen gibt es Zusammenstöße? An welchen Orten ist es besonders gefährlich für Frauen? Wo versprüht die Polizei giftiges Atemgas? Wir haben uns die ganze Zeit informiert und auch über Facebook und Twitter kommuniziert. „Wir haben Mauern der Angst durchbrochen“ – das war einer unserer Slogans Anfang 2011, als wir gegen das ägyptische Regime auf die Straße gingen. Plötzlich hatten wir keine Angst mehr, den Mund aufzumachen, unsere Meinung zu sagen, zu demonstrieren.

Als wir mitbekamen, dass die Proteste in Tune­sien dazu geführt haben, Diktator Ben Ali zu stürzen, hat uns das Mut gemacht – ja, auch das hilft, Angst abzubauen, nämlich zu sehen: Die anderen haben es schon geschafft. Für unsere Eltern war das schwer zu verstehen, die sind schließlich in einer ganz anderen Welt aufgewachsen. Alle Medien waren in Ägypten bis 2000 gleichgeschaltet. Demonstrieren hieß für unsere Elterngeneration, im Gefängnis zu landen.

Kateryna Zinovieva, 23, Kiew, Ukraine

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cms-image-000044088.jpg (Foto: privat)
(Foto: privat)

Die Nacht am 29. November 2013 war die letzte, in der ich durchgeschlafen habe. Es war die Nacht vor der Nacht, in der die Stimmung am Maidan in Kiew kippte. Von totaler Hoffnung und ­Euphorie in Angst. Es war die Nacht, bevor Tausende Polizisten gegen friedliche Demonstranten vorgingen, sie durch die Straßen jagten, sie zusammenschlugen. Obwohl die Stimmung kippte, haben wir den ganzen Winter über jeden Tag auf dem Maidan gestanden, haben Essen organisiert, aufeinander aufgepasst. Es fühlte sich an wie ein Job neben dem regulären Job – ein Job, der notwendig ist, um eine neue Ukraine zu formen, eine demokratischere, eine freiere. 

Bis zu den blutigen Ausschreitungen Anfang 2014, bei denen immer wieder auch scharf auf Demonstranten geschossen wurde, hat mich meine Großmutter jeden Tag angerufen: Kind, du musst auf den Maidan! Es half, auf den Maidan zu gehen, um die Angst vor den Sicherheitskräften oder regimetreuen Protestgegnern zu überwinden. Denn paradoxerweise hatten wir mehr Angst zu Hause als in der Menge. Die Menschenmassen geben einem das Gefühl, sicher zu sein, obwohl das ja nicht stimmt. 

Schließlich starben bei den Protesten Dutzende Menschen. Selbstverständlich hatten wir immer wieder auch Angst bei den Demonstrationen, aber für uns gab es kein Zurück mehr. Sich von der Angst leiten zu lassen und nicht mehr zu den Protesten zu gehen hätte bedeutet, einen zu hohen Preis zu zahlen.

Asad Aziz, 27, Apolda/Salamiyya, Syrien

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cms-image-000044087.jpg (Foto: privat)
(Foto: privat)

Zwei Jahre, zwei Monate und fünf Tage saß ich im Gefängnis — weil ich laut einem syrischen Militärgericht die Einheit des Landes gefährde. Ich hatte 2007 über die Luftwaffe im Irak-Iran-Krieg geschrieben. Grund genug für den syrischen Geheimdienst, mein Zimmer zu durchsuchen, meinen Laptop zu konfiszieren, mich zu verhaften. Damals schrieb ich unter einem Pseudonym – das war aber auch die einzige Sicherheitsmaßnahme. Im Grunde hatte ich volles Vertrauen, in meine Umwelt, in mich. Keine Angst zu haben lieferte mich ihnen aus. Ich war wochenlang in Einzelhaft, wurde verhört und gequält. Trotzdem wollte ich nicht aufhören, gegen diese Ungerechtigkeit aufzubegehren.  

Wenige Monate nachdem ich wieder freikam, gingen in Syrien die Proteste los. Ein paar Menschen organisierten sich. Bis ins kleinste Detail bereiteten wir alles vor. Niemand sollte die Namen der Mitglieder erfahren. Diese wahnsinnige Angst vor dem syrischen Geheimdienst, zu wissen, mit welchen Methoden das Regime arbeitet, hat mir beigebracht, hier zu überleben. Wenn man in so einer Situation ist, ist man oft aber auch sehr allein. Auf der einen Seite sprechen die Menschen um einen herum nicht mehr mit dir, weil sie Angst vor Repressionen haben. Auf der anderen Seite – wenn sich dann doch jemand mit dir unterhält – wirst du selbst paranoid, denkst, du bist umgeben von Leuten, die dir etwas antun wollen.

Letztes Jahr konnte ich den Druck nicht mehr aushalten, nicht nur der syrische Geheimdienst war hinter mir her, auch die Ex­tremisten des „Islamischen Staates“. Ich bin über die Grenze geflohen und von der Türkei weiter nach Deutschland. Jetzt möchte ich von hier aus weiter­machen. Eines weiß ich: Hätte ich keine Angst gehabt, wäre ich heute vermutlich nicht mehr am Leben.

Marion Bacher volontiert bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) im Fachbereich Multimedia.