Medienkritik hat in der letzten Zeit eine große Lobby. Die Pegidisten trugen ihren Hass auf die „Lügenpresse“ auf die Straße, Verschwörungstheoretiker hetzten gegen die „Systempresse“, und prominente Publizisten wie der ehemalige „FAZ“-Redakteur Udo Ulfkotte, Thilo Sarrazin oder der Schriftsteller Akif Pirinçci stimmten ein. Ihre These: Journalisten seien gekauft und stünden zu nah an der Macht.

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Manche Medienschaffende sind echt distanzlos gegenüber Politikern
Manche Medienschaffende sind echt distanzlos gegenüber Politikern

Der Dortmunder Politikwissenschaftler Thomas Meyer hat gerade ein ähnlich kritisches Pamphlet verfasst – weniger scharf als die Verschwörungstheoretiker, allerdings mit einer noch weiter gehenden These. Für ihn stehen Journalisten nicht nur zu nah an den Mächtigen, für ihn sind sie die eigentlich Mächtigen. Eine Handvoll sogenannter „Alphajournalisten“ agiere, als „hätten sie ein privilegiertes politisches Mandat“. Meyer nennt sie „Ko-Politiker“. Durch ihr Veröffentlichungsmonopol bestimmten sie, welche Themen wann wie erzählt würden, welche Politiker gehypet oder gehasst würden. Damit, so Meyer, hätten sie sich einen Status erschrieben, der sie Richtern oder kirchlichen Würdenträgern ähneln ließe – den der „Unbelangbaren“.

Meyer stützt seine Thesen vor allem auf zwei Episoden aus dem Bundestagswahlkampf 2013: das „Spiegel“-Porträt „Ansichten eines Clowns“ über den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück und ein Interview von Marietta Slomka mit dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel im „heute-journal“. In beiden hätten die Journalisten Grenzen überschritten: „Spiegel“-Autor Dirk Kurbjuweit habe sich die Funktion eines Psychotherapeuten „angemaßt“, Steinbrücks Verhalten „gnadenlos“ protokolliert, seine Schwächen „genüsslich“ beschrieben – und ihn damit systematisch vernichtet.

Weniger bösartig, dafür eine „minutenlange unsinnige Drangsalierung“ sei das „heute-journal“-Interview gewesen. Es ging darin um den Mitgliederentscheid, mit dem die SPD über die Bildung einer Großen Koalition abstimmen lassen wollte. Marietta Slomka fragte immer wieder, ob dies verfassungskonform sei, bis Gabriel schließlich sagte: „Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden.“

Das Interview war tatsächlich keine Glanzstunde des Journalismus, auch branchenintern wurde es kontrovers diskutiert. Doch dass Meyer ausgerechnet diese beiden Beispiele zitiert, hat ein Geschmäckle: Er selbst ist SPD-Mitglied, sogar stellvertretender Vorsitzender der Grundwertekommission. So lesen sich die beiden Beispiele auch eher wie die Abrechnung eines eingeschnappten Genossen statt wie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer Branche, die man durchaus kritisieren kann.

Denn Meyer trifft mit seiner These zweifellos einen Punkt, wie das Beispiel des CDU-Politikers Christian Wulff zeigt. Angestachelt von dem Privatkredit, den der damalige Bundespräsident versucht hatte zu verschleiern, verbissen sich einige Medien damals in einer regelrechten Recherchejagd auf Wulff – bis selbst das Bobbycar seines Sohnes in Frage gestellt wurde.

Verdächtigungen, Unwahrheiten und Übertreibungen steigerten sich zu einer rudelhaften Hysterie, der sich kaum ein Journalist entgegenstellte. Erst als die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe auf ein Minimum zusammenschnurren ließ, gaben sich die Leitartikler geläutert: Vom „Stern“ über die „Süddeutsche Zeitung“ bis hin zur „Zeit“ verurteilten die, die kurz vorher noch gebrüllt hatten, den „Spießrutenlauf“, die „einzigartige Jagd“ auf Wulff und forderten ein selbstkritisches Nachdenken der Branche. Wenngleich in ihrer Dimension bisher einzigartig, unterfüttert die Affäre natürlich Meyers These.

In Talkshows wird Politik inszeniert wie ein Familienstreit

Drei Mechanismen macht Meyer für diese Verschärfung des Tons aus: die Inszenierung der Politik, die verstärkte Personalisierung und die mangelnde Selbstkritik unter Journalisten. Vor allem in der politischen Talkshow würde Politik inszeniert wie ein Familienstreit, in dem es eher um Intrigen und das Ringen um Positionen als um Inhalte und komplexe Zusammenhänge gehe. Den Journalisten, so liest sich Meyers Buch an dieser Stelle, fehle also der Respekt vor und das Verständnis für die harte Arbeit der Politiker – womit der Autor zugleich aber jegliche Verantwortung von den Politikern nimmt.

Denn dass Politik inszeniert und personalisiert wird, liegt auch an ihnen selbst. Gerade Christian Wulff hat davon profitiert. Seinen Aufstieg als Ministerpräsident von Niedersachsen hat er auch seinem guten Verhältnis zur „Bild“-Zeitung zu verdanken: Wulff öffnete den „Bild“-Reportern seine Tür für Homestorys, ließ sie 2008 bei der „Traumhochzeit im Märchenschloss“ dabei sein. Die „Bild“ erklärte wiederum seine Frau Bettina zur „Stil-Ikone“ und hob das Paar in den Himmel.

Wenn Journalisten die drei genannten Mechanismen aber nicht aufdecken, sondern gar noch forcieren, führen sie die Leser und Zuschauer in die Irre, schreibt Meyer. Denn die Medien seien ihr einziger Zugang zum politischen Geschehen, sie seien nicht in der Lage zu differenzieren, was journalistische Inszenierung und was Realität sei. Dazu komme, dass die Medien ihre Fähigkeit zur Selbstkritik und Auseinandersetzung verloren hätten – was vor allem an der wirtschaftlichen Krise der Printmedien liege: Wenn ständig Zeitungen schließen, zusammengelegt oder verkleinert würden, könne heute kein Redakteur mehr wissen, wo er morgen lande. Um es sich also nicht mit den potenziellen zukünftigen Kollegen zu versauen, traue sich keiner mehr, sich gegen den medialen Mainstream zu stellen. Dadurch entstehe ein postideologischer Einheitsbrei, dem sich die Leser nicht verwehren könnten.

Die Gegenöffentlichkeit des Internets wird ausgeblendet

Mit dieser Behauptung unterschätzt Meyer jedoch die Leser. Es stimmt, dass sie zu einem gewissen Grad auf die Berichterstattung der großen Medien angewiesen sind. Allerdings blendet Meyer jegliche Form der Gegenöffentlichkeit aus. Zwar erwähnt er am Ende seines Büchleins kurz die „Hoffnung Netz“, fügt aber an, dass das Internet eher ein „Chaos der großen Diskursfetzen, emotionalen Bekundungen und anonymen Beleidigungen“ sei. Auf die großen Medien hätte es keinen Einfluss. Was aber nicht stimmt: Immerhin waren es Netznutzer und Digitaljournalisten, die die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg als Plagiat enttarnt haben, die mit LobbyPlag gezeigt haben, welchen Einfluss Lobbyverbände auf die europäische Politik haben.

Welchen Einfluss Netzdebatten mittlerweile auf Journalisten und Qualitätsmedien ausüben, hat zuletzt der Absturz der Germanwings-Maschine gezeigt. Als viele Medien sich darin überboten, die meisten persönlichen Details über den Kopiloten herauszubekommen, gab es in sozialen Medien eine Welle der Entrüstung, die so weit ging, dass sich die „Alphajournalisten“ von der „FAZ“ und der „Bild“ erklären mussten: Sie schrieben Kommentare, warum sie es für angebracht hielten, den Namen schon früh in der Berichterstattung zu veröffentlichen.

Das führt aber nicht dazu, die Leserschaft zu besänftigen, im Gegenteil: Nie gab es so viele Beschwerden beim Presserat wie nach dem Flugzeugabsturz. Die Leser sind also längst nicht jene naive Masse, für die Meyer sie hält.

Anne Fromm, 28, arbeitet als Medienredakteurin für die taz