In Berlin sieht man auf den Straßen keine Zahl so oft wie die Sechs. Es ist eine schnörkellose, aber doch geschwungene Sechs aus weißer Farbe, und sie strahlt auf Wänden, Plakaten, Mülleimern und Haustoren. Der Künstler Rainer Brendel will diese Sechs insgesamt schon rund 650.000-mal gemalt haben, überall in der Stadt. Warum es die Sechs sein muss, warum nicht die Fünf oder die Sieben oder die 666? Darüber gibt er keine Auskunft. Für Brendel ist es einfach eine Sechs im öffentlichen Raum, Punkt. Kunst ist immer auch Geheimnis und wäre keine Kunst, lieferte sie ihre Erklärungen gleich mit.

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In Kunst eine glatte 6: Streetartist Reiner Brendel malte ganz Berlin mit dieser einen Zahl voll  (creative commons)
In Kunst eine glatte 6: Streetartist Reiner Brendel malte ganz Berlin mit dieser einen Zahl voll (creative commons)

Gerätselt wird über Zahlen, seit Menschen zählen können. Aus Höhe und Breite der eher eckigen Pyramide von Gizeh beispielsweise lässt sich eine Formel ableiten, mit der man die Kreiszahl Pi bis zur achten Stelle nach dem Komma berechnen kann. Skeptiker halten dagegen, dass man auch bei einer Klobürste oder einem Kaktus auf die legendäre Kreiszahl stoße, wenn man nur lange genug danach suche. Überhaupt lässt sich alles Gegebene in Zahlen ausdrücken. Es liegt am Menschen, diese Zahlen mit Sinn aufzuladen.

Regelrecht abzählen lässt sich das in den langen Jahrhunderten spiritueller Kunst, in der sich die symbolische Bedeutung von Zahlen aus ihren mathematischen Eigenschaften ableitete. So steht die Eins in monotheistischen Religionen für das Unteilbare und damit Göttliche, die Einheit, aus der alles hervorgeht. Schon mit der Ziffer 2 fangen die Komplikationen an. Sie gilt als „weibliche Zahl“ und enthält bereits die Idee der Vielheit. In der jüdischen Zahlenmystik beginnt erst mit der Zwei die eigentliche Schöpfung, weil sie den Gegensatz repräsentiert, gerne auch dargestellt als Gut und Böse. Auf rund 3.500 Jahre alten Orakelknochen aus China finden sich Yin und Yang als symbolische Darstellung desselben Dualismus – und damit die vielleicht erste Verarbeitung einer Zahl in der bildenden Kunst.

In der Literatur begegnen uns schon früh Zahlen über Zahlen, so auch in der Bibel. Aller guten Dinge sind drei, so etwa die drei göttlichen Tugenden (Glaube, Liebe, Hoffnung), die Dreifaltigkeit (Vater, Sohn, Heiliger Geist), drei Erzengel oder die Heiligen Drei Könige. Und wie ein Veilchen für die Jungfräulichkeit von Maria stand, dachte jeder Betrachter im Mittelalter bei vier sofort an die vier Evangelisten, je nach Zusammenhang auch an die vier Reiter der Apokalypse, zumal die Vier in Anlehnung an die Himmelsrichtungen stets das Weltumspannende mitmeinte. Auf diese Weise könnte man quer durch alle Kulturen immer weiterzählen, im Christentum etwa bis zu 666, dem „Namen des Tieres“.

Kein Wunder also, dass die Zahl in den Künsten schon immer die Menschen faszinierte – als drücke sich in ihr so etwas wie eine unsichtbare Matrix der Dinge aus. So tritt im Choralvorspiel von „Dies sind die heiligen zehn Gebote“ von Johann Sebastian Bach das Fugenthema genau zehn Mal auf. Ein noch berühmteres Beispiel ist das musikalische Thema der h-Moll-Messe, das genau 14 Noten enthält und verschlüsselt auf Bach verweist, der seinen eigenen Namen in das Stück hineinkomponierte: B = 2, A = 1, C = 3, H = 8. Von hier verläuft eine direkte Linie zur Zwölftonmusik, die ohne Rechenschieber kaum denkbar ist, und zur seriellen Musik, die auf Intervallen basiert. In der populären Musik haben bereits Kraftwerk mit einem Songtext („Nummern, Zahlen, Handel, Leute, Computerwelt“) auf den Punkt gebracht, was zeitgenössische Musiker unserer Tage längst in hoch abstrakte Fraktale aufgelöst haben – Strukturen also, die sich in immer kleinerem Maßstab jeweils selbst enthalten.

Mit dem Siegeszug der Naturwissenschaften und der damit einhergehenden „Vermessung der Welt“ sind die Zahlen auch in der bildenden Kunst aus dem Hintergrund auf die Oberflächen gewandert. Dabei büßten sie an symbolischer und religiöser Bedeutung ein, was sie allgemein an Komplexität hinzugewannen. Unser komplettes Zeitalter der Moderne – von der Technik bis zur Wirtschaft – ruht auf Zahlen wie auf Säulen, von Börsenwerten bis zu Klimatabellen, von Wirtschaftsdaten bis zur Quantentheorie. Modernste Architektur ist ohne die Hilfe von Computermodellen, die ihre abenteuerliche Statik berechnen, nicht mehr denkbar.

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Der Künstler On Kawara malte jahrelang jeden Tag ein Bild mit dem jeweiligen Datum – um sein „Ich zu verlieren“. Dafür handelte er sich andere Probleme ein: zum Beispiel diese Plagiateure hier – COPY ART 46, On Kawara, 3,50 EURO (Foto: Michael Wolf/laif)
Der Künstler On Kawara malte jahrelang jeden Tag ein Bild mit dem jeweiligen Datum – um sein „Ich zu verlieren“. Dafür handelte er sich andere Probleme ein: zum Beispiel diese Plagiateure hier – COPY ART 46, On Kawara, 3,50 EURO (Foto: Michael Wolf/laif)

In der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts allerdings tauchen Zahlen vor allem im Zusammenhang mit dem größten aller Mysterien auf – der Messung der Zeit. Ihr widmeten sich drei wichtige Vertreter der sogenannten Konzeptkunst. Das gemeinsame Konzept von Hanne Darboven (1941–2009), On Kawara (1933 –2014) oder Roman Opalka (1931–2011) bestand vor allem darin, die Zeit nicht zu messen, sondern sichtbar zu machen. Alle haben sie zeitlebens kaum etwas anderes gezeichnet oder gemalt als – Zahlen. Allein Roman Opalka reihte in 46 Jahren täglich 400 Zahlen aneinander, ganz monoton, und hatte am Ende 233 Leinwände mit rund 5,5 Millionen Ziffern beschrieben. Ausgelöst hatte dieses Unternehmen eine Standuhr in der elterlichen Wohnung, deren Pendel eines Tages stehen blieb – und der Junge dachte, er selbst habe damit die Zeit angehalten.

Hanne Darboven erkannte mit 25, „dass alles bereits gemalt ist“, und gab die Beschäftigung mit Farben und Formen auf. Stattdessen malte sie bis zu ihrem Tod akribisch winzige Ziffern in tabellarischer oder kalendarischer Form auf Millimeterpapier. Und On Kawara malte unter anderem an jedem Tag seines Lebens ein Bild mit nichts als dem jeweiligen Datum darauf. Dies bezeichnete er als nützliche Übung, „um sein Ich zu verlieren“. Der Sinn der einzelnen Zahlen bleibt nicht einfach im Dunkeln, er stellt sich nicht einmal.

Immerhin löst sich das Rätsel um die Berliner Sechs, wenn man den Künstler zufällig bei der Arbeit beobachtet. Rainer Brendel fährt mit dem Fahrrad durch die Stadt, an den Lenkern die Farbeimer und in der Hand einen langen Pinsel. Die Zahl malt er meistens im Vorbeifahren und deshalb in sanft fließendem Schwung. Und dabei kann keine andere Zahl herauskommen als eben die Sechs.

Arno Frank ist arbeitet als Korrespondent der „taz“ und schreibt als freier Kulturjournalist unter anderem für die „Zeit“, „Spiegel Online“ und „Neon“.