Millionen Schilder stehen in Deutschland bereit, den Verkehr zu regeln. Und sie suggerieren Sicherheit: Da ist etwas, woran man sich als Autofahrer, Fahrradfahrer und Fußgänger halten kann. Wer die Weisungen befolgt, darf sich im Recht fühlen. Aber führt das auch zu mehr Verkehrssicherheit? Daran gibt es Zweifel.

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Weniger Regeln erhöhen die Aufmerksamkeit und Rücksicht der Verkehrsteilnehmer, jedenfalls laut der Planungsphilosophie „Shared Space“. Allerdings gilt auch beim Kickflip rechts vor links. (Foto: Robert Rickhoff)
Weniger Regeln erhöhen die Aufmerksamkeit und Rücksicht der Verkehrsteilnehmer, jedenfalls laut der Planungsphilosophie „Shared Space“. Allerdings gilt auch beim Kickflip rechts vor links. (Foto: Robert Rickhoff)

Obwohl die Zahl der Verkehrstoten in den vergangenen Jahren stark abgenommen hat, waren es im Jahr 2014 immer noch 3377 Menschen, die auf bundesdeutschen Straßen starben. Mangelt es im Straßenverkehr womöglich aufgrund der vielen Verkehrsschilder und -regeln an einem fairen Miteinander, das Unfälle durch einen kurzen Blickkontakt, ein freundliches Kopfnicken und Gewähren der Vorfahrt vermeiden könnte? Auf dieser Annahme beruht ein Vorschlag zur Befriedung der Straßen, der die meisten Regeln aus dem Verkehr ziehen möchte: Ein „Shared Space“ ist ein von fast allen Verkehrsschildern – und jeder Ampel – befreiter Raum, in dem sich sämtliche Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt bewegen.

Das Konzept stammt von dem 2008 verstorbenen niederländischen Wissenschaftler Hans Monderman, der mit dem Groninger „Keuning Instituut“ Fahr- und Gehwege ohne Abgrenzungen entwarf. Auf einer solchen gemeinsamen Verkehrsfläche, so das Ziel, übernehmen alle Beteiligten wieder Verantwortung und kommunizieren miteinander. Rücksichtnahme ist dabei das entscheidende Prinzip. Gerade einmal zwei Verkehrsregeln sollten demnach gültig bleiben: Jeder bewegt sich auf der rechten Straßenseite – und wer von rechts kommt, hat Vorfahrt.

Im Rahmen des EU-Programms „Interreg IIIB North Sea“ gab es in den vergangenen Jahren etliche Testläufe, die die Verfechter von „Shared Space“ als Erfolg werteten. Mehr als 100 Shared Spaces gibt es in den Niederlanden, zwei in der Schweiz, drei in Österreich, und in Deutschland verfolgen 40 Städte in bestimmten Bereichen das Shared-Space-Konzept. „Shared Space hat dazu beigetragen, den öffentlichen Raum aufzuwerten. Alle Akteure sind darin wachsamer und langsamer unterwegs. Dies führte zu weniger Unfällen, die glimpflicher verliefen“ – so die Bilanz von Meintsje de Vries, Projektkoordinatorin des Fachbereichs Shared Space an der niederländischen Universität „NHL Hogeschool“.

Es sind Beispiele wie das der niedersächsischen Kleinstadt Bohmte, die gerne als Erfolgsgeschichten angeführt werden. Ein 500 Meter langes Teilstücks der Bremer Straße wurde dort komplett umgestaltet: eine wichtige Verkehrsachse, die früher mit drei Ampelanlagen ausgestattet war und über die täglich bis zu 12.600 Kraftfahrzeuge rollten – beziehungsweise im Stau standen. Über 2,3 Millionen Euro kostete die Umwandlung. Laut Website der Gemeinde Bohmte hat sich diese Investition gelohnt. „Wo in den Vorjahren ca. 30 - 40 Unfälle passiert sind, sind seit der Öffnung des Shared Space-Bereichs im Mai 2008 bisher ‚nur‘ Bagatellunfälle (also keine Verkehrsunfälle mit Personenschaden) passiert, wobei keiner originär auf das Shared Space-Prinzip zurückzuführen ist.“ Und Staus soll es ebenfalls keine mehr geben. Deshalb will man nun auch den restlichen Teil der Bremer Straße umwandeln.

Auch wirft der Regelabbau im Straßenverkehr noch ganz andere, neue Probleme auf. Dazu das Beispiel Duisburg: Seit 2010 wurden hier fünf Plätze mit hohem Aufwand und Fördermitteln nach dem „Shared-Space“-Prinzip umgebaut. Man druckte Broschüren, die den Nutzern erklärten, wie die Idee des neuen Miteinanders im Straßenverkehr funktioniert. Bis sich 2012 schließlich herausstellte, dass ein Großteil der Flächen nicht wirklich den Anforderungen von Shared Space entsprach: Fahrbahn und Gehwege waren noch unterschiedlich gestaltet, und das Ganze war als Spielstraße gekennzeichnet. Das nordrhein-westfälische Verkehrsministerium reagierte und forderte die Stadt zum Rückbau auf. Einige der Bereiche müssen jetzt in einen verkehrsberuhigten Geschäftsbereich verwandelt werden. Zudem sind möglicherweise Fördermittel zurückzuzahlen. Wenn also der Regelabbau auf den Straßen gelingen soll, müssen eben städtebauliche Voraussetzungen und Vorschriften von vornherein genau beachtet werden. Sonst wird hinterher alles komplizierter statt einfacher.Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. bleibt dennoch skeptisch, gerade wegen der Bagatellunfälle. In seiner Broschüre „Shared Space. Eine neue Gestaltungsphilosophie für Innenstädte? Beispiele und Empfehlungen für die Praxis“, die im Herbst 2009 erschien, heißt es: „Die Betrachtung des Unfallgeschehens im ersten Jahr nach der Umgestaltung lässt tendenziell eine deutliche Zunahme insbesondere der Bagatellunfälle erkennen.“

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Nicht überall funktioniert die Idee der Regellosigkeit: Auf vielbefahrenen Straßen zeigt „Shared Space“ keine positive Wirkung, wie Forscher der Universität Wuppertal herausgefunden haben (Robert Rickhoff)
Nicht überall funktioniert die Idee der Regellosigkeit: Auf vielbefahrenen Straßen zeigt „Shared Space“ keine positive Wirkung, wie Forscher der Universität Wuppertal herausgefunden haben (Robert Rickhoff)

Und es gibt noch ein größeres Manko von Shared Space, wenn es um städtische Regionen geht: Untersuchungen des Forschungs- und Lehrgebiets Straßenverkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik der Bergischen Universität Wuppertal belegen, dass sich die gewünschte Kooperation der Verkehrsteilnehmer nur auf solchen Straßen gestalten und erreichen lässt, die von maximal bis zu 16.000 Fahrzeugen am Tag befahren werden. Von da an werde es unübersichtlich und die Shared-Space-Idee sei nicht mehr sinnvoll anwendbar, so die Einschätzung von Professor Jürgen Gerlach, der in Wuppertal die Studie „Sinn und Unsinn von Shared Space“ (Teil 1Teil 2) durchführte. Zu guter Letzt – worauf unlängst auch Interessensverbände sehbehinderter Menschen hingewiesen haben: Nicht jeder Mensch kann mittels Blicken kommunizieren. Und so resümiert Gerlach: „Unsinn ist es zu glauben, Shared Space wäre ein Allheilmittel zur Vermeidung von Unfällen und von Konflikten. Die Meinungen über die Erfolge der umgesetzten Maßnahmen gehen auseinander – und sind anhand der wenigen Beispiele und Erkenntnisse nur schwer zu objektivieren.“

Vorerst ist also nicht zu erwarten, dass sich die Verkehrsteilnehmer auf einem größeren Teil von Europas Straßen wirklich nur noch durch Blicke und Gesten verständigen werden. Vorher müssen erst einmal die Experten aushandeln, ob und unter welchen Rahmenbedingungen „Shared Space“ wirklich ein gangbarer – beziehungsweise: fahrbarer! – Weg ist.

Matthias Lauerer (Jahrgang 1975) ist freier Journalist. Er arbeitet unter anderem für den „stern", "stern.de" und "SPIEGEL ONLINE". Die Idee hinter „Shared Space“ gefällt ihm. Noch wartet er gespannt darauf, wann seine Heimatstadt eine jener Straßen erhält.