Als ich vor zwölf Jahren das erste Mal nach Island kam, habe ich schnell etwas Entscheidendes gelernt. In dem kleinen nordeuropäischen Inselstaat mit seinen knapp 330.000 Einwohnern ist es völlig normal, dass man überall und andauernd prominente Menschen trifft. Auf der Straße, im Café, im Supermarkt oder auch in Hot Pots, jenen heißen Quellen, die es überall auf dieser vulkanischen Insel gibt.

Seit acht Jahren verbringe ich nun stets mehrere Monate des Jahres in Island und habe inzwischen so manche Stunde im Hot Pot gesessen: mit Fischern über das Wetter philosophiert, mit dem Bassisten der Band Sigur Rós schweigend nebeneinander relaxt und mit der Schriftstellerin Audur Jónsdóttir, gleichzeitig die Enkelin des Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness, die Finanzkrise analysiert. Sie alle kommen regelmäßig ins Vesturbæjarlaug, ein kleines Schwimmbad in Reykjavík.

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Mach mal Dampf: Hier kommen sich Isländer in einem heißen Naturpool näher (Foto: Agnieszka Rayss ANZENBERGER AGENCY)
Mach mal Dampf: Hier kommen sich Isländer in einem heißen Naturpool näher (Foto: Agnieszka Rayss ANZENBERGER AGENCY)

Eines schönen Morgens vor ein paar Jahren setzte sich ein amerikanischer Tourist in ebendiesem Schwimmbad in einen der vor sich hin dampfenden Hot Pots und kam direkt mit seiner Sitznachbarin ins Gespräch. „Was machen Sie beruflich?“, fragte er irgendwann. „Ich bin Präsidentin“, antwortete sie. „Aha, und von welcher Firma?“ – „Von Island.“ Der US-Amerikaner war sprachlos.

„Der Arme ist rot angelaufen“, erinnert sich die mittlerweile ehemalige Präsidentin Vigdís Finnbogadóttir an diese Begegnung. Ich kenne die 84-Jährige, und das nicht nur durch die Interviews, die ich mit ihr geführt habe. Immer mal wieder begegnet man sich in Reykjavík zufällig, und so wie alle anderen duzt man ebenfalls Präsidenten. Sie erzählte, dass sie selbst zu Amtszeiten nicht auf die Hot-Pot-Besuche verzichten wollte. „Ich hatte nie einen Leibwächter“, sagt Vigdís. „Island hat Mängel wie jedes andere Land, doch wir schauen auf niemanden herab – aber wir schauen auch zu niemandem auf.“

Wer die Isländer also hautnah kennenlernen möchte, der setzt sich einfach mit ihnen in eine heiße Quelle: 38 bis 44 Grad Celsius warm sind die Pötte, die Whirlpools ähneln. Es gibt sie wie in Vesturbæjarlaug neben Schwimmbecken im Freibad, in den Vorgärten der Wohn- und Sommerhäuser oder verstreut als natürliche Quellen in den einsamen Landschaften der Insel.

Hot Pots sind ein wichtiges Kulturgut, quasi das Café oder die Bar der Isländer: Seit jeher tauschen sie hier den neuesten Tratsch aus und diskutieren über die aktuelle Lage der Nation. Und das zu jeder Jahreszeit – selbst im Winter, wenn bei eisigen Außentemperaturen die Schneeflocken in der Luft tanzen.

Hier sind alle in irgendwas die Besten

Doch Vorsicht: Wo jeder jeden um zwei Ecken kennt, muss man aufpassen, dass man sich im Hot Pot nicht ins Fettnäpfchen setzt. Auch Touristen müssen immer bedenken, dass die meisten Isländer Englisch verstehen – etliche ebenfalls Deutsch. Der unscheinbare Mann neben einem könnte der Polizeidirektor, ein Reporter oder der Außenminister sein. Schließlich sehen in der Badehose alle gleich aus.

Überhaupt nehmen die Isländer Ruhm nicht so ernst, denn in dieser kleinen Gesellschaft ist jeder „einer der Besten“ in irgendetwas – und sei es eben einer der besten Handwerker, Köche oder Erzähler. Promis werden hier prinzipiell in Ruhe gelassen. Das lockt auch viele Weltstars wie Harrison Ford und zahlreiche Könige auf die Insel.

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Nicht ohne Seife waschen: Eine Tafel mahnt zur Sauberkeit (Foto: Jussi Puikkonen)
Nicht ohne Seife waschen: Eine Tafel mahnt zur Sauberkeit (Foto: Jussi Puikkonen)

Anfangs ist es schon komisch, so dicht gedrängt mit fremden Menschen zusammenzusitzen. Doch bald wird es ganz normal, mit einem zackigen „Góðan daginn“, also „Guten Tag“, in die Pötte zu steigen und sich der Situation hinzugeben. Ebenso wie man sich erst komplett nackt duschen muss, bevor man ins Schwimmbad gehen darf. Damit ja nichts vergessen wird bei der Körperreinigung, hängt in den Umkleiden neben der Dusche eine große Tafel mit detaillierter Anleitung: Überdimensional große Flecken markieren die zu waschenden Stellen.

Nackig und entspannt

Für etliche Touristen ist es eine Überwindung, sich sogar nur vor den eigenen Geschlechtsgenossen zu entblößen. Sie gehen lieber in Einzelkabinen oder ziehen sich kompliziert in Handtücher eingewickelt um. Die Isländer finden diese Verschämtheit niedlich und laufen entspannt nackig durch die Umkleide – die 20-Jährige mit der super Figur ebenso wie der faltige 80-Jährige.

„Im Schwimmbad seifen wir uns unter der Dusche vor aller Augen ein. Das macht einen bescheidener“, sagt Jón Gnarr, der bis vor wenigen Wochen Bürgermeister von Reykjavík war. Der Komiker gründete kurz nach Beginn der Finanzkrise mit Freunden „Besti flokkurinn“ („Die Beste Partei“). Die Partei versprach, offen korrupt zu sein, ein drogenfreies Parlament bis 2020 und kostenlose Handtücher fürs Schwimmbad. Und Jón Gnarr kündigte an, alle seine Versprechen wieder zu brechen. Anfangs war der Wahlkampf nur eine Persiflage, doch Ende Mai 2010 wurde Besti flokkurinn tatsächlich zur stärksten Partei gewählt. Plötzlich regierten die Künstler in einer Koalition mit den Sozialdemokraten.

„Es sind die Schwimmbäder, die uns zu einer Nation zusammenschweißen. Mehr als alles andere“, findet der 47-Jährige. In seinem Buch „Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!“ (Tropen Verlag) schreibt er ebenfalls über das geheime Band zwischen den Isländern und den Finnen, das seiner Meinung nach mit der Saunakultur zu tun hat. „Die Finnen sind nämlich, genau wie wir, ein nacktes Volk. Auch in Finnland ist es die natürlichste Sache der Welt, vor wildfremden Leuten splitternackt herumzulaufen, ohne sich für seinen Körper – oder für den der anderen – zu schämen.“

Das Bad in der Menge nehmen sie wörtlich

Ist ein Land demokratischer, in dem die Bürger einander nackt kennen? „Das ist eine interessante Frage“, sagt Päivi Lipponen und überlegt einen Moment. Die 47-Jährige ist Abgeordnete des Parlaments. Ihr Mann Paavo war viele Jahre Premierminister von Finnland. Wir sitzen in der kleinen Schwitzhütte des Rajasaari Sauna Club in Helsinki. Da es ein gemischter Club ist, relaxen hier, anders als in öffentlichen Saunen, die Männer und Frauen zusammen. Deshalb gilt das Tragen von Badesachen als Pflicht. In der schwach beleuchteten Sauna kann man ohnehin kaum jemanden erkennen. Als dann noch ein Finne Wasser auf die heißen Steine gießt, wird die Hütte zusätzlich vernebelt.

„Es stimmt schon. Hier in der Sauna sind wir alle gleich – sei es nun nackt oder im Badeanzug und in der Badehose“, sagt Päivi. (In Finnland duzen sich ebenfalls die meisten.) „Wir haben ohnehin flachere Hierarchien als andere Nationen.“ Der nordeuropäische Staat ist noch recht jung, erst 1917 wurde er nach jahrhundertelanger Fremdherrschaft von den Schweden und Russen unabhängig.

Und natürlich sind sowohl Island als auch Finnland kleine Gesellschaften. Dort leben 5,4 Millionen Menschen auf einer Fläche so groß wie Deutschland, angeblich gibt es bis zu zwei Millionen Saunen – in Privatclubs, in den Wohnungen, nahe den Sommerhäusern am See und sogar in Ski-Gondeln. Seit einiger Zeit sind besonders die öffentlichen Saunen wieder populär: Dort treffen sich die Nachbarschaft und Touristen ebenso wie bekannte Künstlerinnen oder Politikerinnen.

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Haste mal ne´ Sauna: Diese Finnen finden immer einen Weg zu schwitzen  (Foto: Agnieszka Rayss ANZENBERGER AGENCY)
Haste mal ne´ Sauna: Diese Finnen finden immer einen Weg zu schwitzen (Foto: Agnieszka Rayss ANZENBERGER AGENCY)

Einmal hatte Päivi in der gemischten Sauna eine überraschende Begegnung. Ein Mann neben ihr sagte unvermittelt: „Paavo Lipponen ist in letzter Zeit depressiv.“ Er referierte lang und breit, wie schlecht es dem ehemaligen Premierminister angeblich ginge. „Das stimmt nicht“, sagte Päivi. Doch der Mann ließ sich nicht umstimmen, unbeeindruckt redete er weiter. Sie versuchte noch mal, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Dann blaffte er sie an: „Woher willst du das denn wissen?“ – Sie antwortete: „Weil ich seine Ehefrau bin.“ Daraufhin wurde der Mann kleinlaut und sagte erst mal nichts mehr.

Bevor die Politikerin am Abend wieder in ihren gemütlichen Jogginganzug schlüpft, sagt sie: „Die Sauna ist auf jeden Fall ein demokratischer Ort.“ Sogar im finnischen Parlament gibt es zwei Saunen – eine für Frauen und eine für Männer. Als die Männer noch die Politik dominierten, trafen sie sich dort, um interne Absprachen zu treffen. „Doch die Zeiten sind vorbei.“

Dass die Hot Pots in Island für Politiker weiterhin ein wichtiger Ort sind, sieht man daran, dass im beliebten Schwimmbad Vesturbæjarlaug trotz klammer Haushaltskassen ein riesiger, mehrfach unterteilter Hot Pot gebaut wurde. Zur Einweihung in diesem Frühjahr kamen sogar führende Politiker, unter ihnen Dagur B. Eggertsson von den Sozialdemokraten. Seit vier Wochen ist er der neue Bürgermeister von Reykjavík – das Bad in der Menge, in Island nehmen sie das wirklich wörtlich.

Alva Gehrmann ist freie Journalistin aus Berlin, sie berichtet viel über Nordeuropa und schrieb das Buch „Alles ganz Isi – Isländische Lebenskunst für Anfänger und Fortgeschrittene“ (dtv). Dieses Jahr tauscht sie den Hot Pot gelegentlich mit einer Sauna, um noch intensiver in die finnische Kultur einzutauchen. Finnland ist im Oktober Ehrengast der Frankfurter Buchmesse.